11.11.12

Kollegen verletzt

Ermittler rätseln über Motiv von Schießerei in Hilden

Ein 38-Jähriger verletzt vier Kollegen, danach erschießt er sich. Ein Motiv für die Angriffe ist bislang nicht erkennbar.

Foto: dapd

Tragisch: Mitarbeiter eines Bestattungsunternehmens rollen in der Nacht zu Sonnabend in Hilden einen Leichnam auf einer Bahre aus dem Werk des Technologiekonzerns 3M
Tragisch: Mitarbeiter eines Bestattungsunternehmens rollen in der Nacht zu Sonnabend in Hilden einen Leichnam auf einer Bahre aus dem Werk des Technologiekonzerns 3M

Ein bisher völlig unauffälliger Arbeiter hat in einer Fabrik des Technologieunternehmens 3M in Hilden bei Düsseldorf (NRW) mit zwei Pistolen gezielt auf seine Kollegen geschossen und vier Männer verletzt. Anschließend tötete sich der langjährige Werksmitarbeiter (38) selbst. Die Hintergründe der Tat, die am Freitagabend zum Schichtwechsel geschah, waren auch am Sonnabend nach Dutzenden Zeugenbefragungen unklar. "Bisher können wir kein plausibles Motiv erkennen", sagte Staatsanwalt Matthias Ridder. "Es deutet alles darauf hin, dass es gezielt war."

3M-Pressesprecher Manfred Kremer bestätigte, dass es sich bei allen Betroffenen um Mitarbeiter des Werkes handelt. "Der Täter war seit 15 Jahren für uns tätig und bisher absolut unauffällig. Wir können uns die Tat überhaupt nicht erklären", sagte er Morgenpost Online und zeigte sich tief betroffen über den Vorfall. Der Schütze habe immer gute Beurteilungen gehabt. Der Arbeiter und die Opfer hätten alle im gleichen Produktionsbereich gearbeitet und sich gekannt. Enge persönliche Beziehungen habe es unter ihnen aber wohl nicht gegeben. Zunächst war das Alter des Schützen mit 37Jahren angegeben worden, laut Polizei war der Mann aber 38 Jahre alt.

Der Staatsanwalt sagte, dass die Tat kein Amoklauf mit wahllosen Opfern gewesen sei. Der nicht vorbestrafte, als umgänglich geltende und kinderlose Arbeiter war nach einer Woche Urlaub am Freitag wieder in die Fabrik gekommen. Er hatte nach Angaben der Polizei zwei Pistolen dabei. Am Werkstor sprach er zunächst einen Kollegen (42) namentlich an, schoss plötzlich los und verletzte ihn schwer.

Zwei Verletzte sind wieder stabil

Dann ging er in die Kantine und feuerte kurz vor 22 Uhr vor Beginn seiner Nachtschicht durch eine Glasscheibe drei Mal auf Kollegen seiner Schicht, die im Raucherbereich saßen. Laut Zeugen saß einer der Beschossenen mit dem Rücken zum Täter, die anderen warfen sich auf den Boden.

Laut Polizei benutzte der Mann zwei Pistolen des Kalibers 7,65 und neun Millimeter. Herumfliegende Glassplitter verletzten laut Polizei zwei der sechs im Zimmer anwesenden Männer. Der Täter verließ laut dem Polizeibericht danach den Bereich und ging in ein Labor, dann in einen Umkleidebereich. Dort schoss er auf einen 54-jährigen Familienvater, vermutlich einer seiner Vorgesetzten. Anschließend habe er sich selbst erschossen. Die beiden schwer verletzten Männer seien nach Notoperationen inzwischen außer Lebensgefahr.

Insgesamt habe der Mann neun Schüsse abgegeben, sagte Polizeisprecher Frank Sobotta. Er habe noch mehr Munition dabeigehabt.

Eine Waffe trage die Prägung "MAB" auf den Griffschalen und die Gravur "Made in France". Pistolen mit der Markenbezeichnung MAB stammen aus der Produktion des französischen Herstellers Manufacture d'Arms de Bayonne.

Die andere Waffe sei vermutlich russischen Ursprungs. "Nirgendwo sehen wir ein Motiv", sagte Sobotta. Der Todesschütze habe keinen Abschiedsbrief hinterlassen. Es gebe keinen Hinweis auf Unstimmigkeiten bei der Arbeit oder in der Familie. Die Polizei habe auch Eltern und Geschwister befragt. Der Mann sei gern zur Arbeit gegangen. Er habe nie polizeilichen Kontakt gehabt.

Arbeit wird ausgesetzt

Dass der Schütze seine Opfer inmitten einer großen Gruppe von Angestellten gezielt aus seinem direkten Arbeitsumfeld gesucht habe, hätten auch Zeugen bestätigt. In beiden Pistolen befanden sich nach der Selbsttötung noch jeweils sechs Patronen. Dass er die Kollegen im Raucherbereich, in den er drei Mal schoss, nicht getroffen hat, wusste er offenbar nicht. Als er die Kantine verließ, soll er die dort sitzenden Kollegen beruhigt haben, indem er mit der Waffe abwinkende Signale gab.

Mitarbeiter des Werkes standen nach der Bluttat unter Schock. "Wir sind alle wahnsinnig betroffen", sagte 3M-Sprecher Kremer. "Er war ein guter Mitarbeiter." In dem betroffenen Werksteil sei die Arbeit unterbrochen worden. Die Arbeiter wurden nach Hause geschickt, die Angestellten von Seelsorgern betreut. Insgesamt sieben Notfallseelsorger aus dem Kreis Mettmann waren laut Polizeibericht im Einsatz. Zusätzlich wurden Opferhelfer zur Betreuung der geschockten 3M-Mitarbeiter eingesetzt. Die zwei leicht verletzten Mitarbeiter wurden ambulant behandelt und konnten nach Hause gehen.

Mit Kollegen Motorrad gefahren

Auch die Familienangehörigen des Schützen zeigten sich laut Polizei über die Tat schockiert. Der in Düsseldorf wohnende Mann selbst war ledig und kinderlos, hatte aber engen Kontakt zu seiner ebenfalls in der Stadt lebenden Mutter und seinen drei Geschwistern. Auch sie konnten den Ermittlern keine Hinweise auf mögliche Hintergründe geben. Beschwerden über seine Arbeit habe er nie geäußert.

In der Düsseldorfer Wohnung des Täters wurden laut Polizeiangaben weitere Patronen des Kalibers 6,7 Millimeter gefunden. Der Mann ist in Deutschland geboren, hatte jedoch noch die bosnische Staatsangehörigkeit. Er soll außer seiner Familie wenig soziale Kontakte gehabt haben, gelegentlich aber mit Kollegen Motorrad gefahren sein. Es sei nichts über psychische Erkrankungen bekannt. Staatsanwalt Ridder erklärte in einer Pressekonferenz, dass gegen Tote nicht ermittelt werde. Man gehe möglicherweise von versuchtem Mord aus.

Das Unternehmen 3M zählt zu den großen Technologiefirmen in Deutschland. Das Werk in Hilden mit 900 Angestellten war gerade erst mit einem Preis für Nachhaltigkeit und zukunftorientiertes Arbeiten ausgezeichnet worden. 3M stellt in dem Hildener Werk unter anderem Hygieneprodukte und Folien für Schilder her.

Quelle: BMO
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