10.11.12

Joe Kittinger

"Habe gespürt, wie lebensfeindlich das da oben ist"

Joe Kittinger (84) ist der Mentor von Felix Baumgartner und begleitete dessen Rekordsprung aus der Stratosphäre. Im Interview spricht er über die Unterschiede zu seinem Sprung 1960.

Foto: dapd/REUTERS

Der Sprung ins Nichts: Joe Kittinger (l.) im Jahr 1960 und Felix Baumgartner in 2012
Der Sprung ins Nichts: Joe Kittinger (l.) im Jahr 1960 und Felix Baumgartner in 2012

Beinahe jeden Tag sitzt er in einer anderen Talkshow. Wenn er aus dem Flugzeug steigt, begrüßen ihn Tausende Fans: Der Rummel um den österreichischen Extremsportler Felix Baumgartner, 43, reißt nicht ab. Mehr als acht Millionen Menschen verfolgten vor wenigen Wochen Baumgartners Rekordsprung aus der Stratosphäre. Als der Amerikaner Joe Kittinger im August 1960 aus 31 Kilometern Höhe in die Tiefe sprang, wartete unten nur sein Team und ein einzelner Reporter. Kittinger ist Baumgartners Mentor und ständiger Begleiter: Während Baumgartners Sprung aus 39.045 Meter Höhe hielt er den Funkkontakt zu dem Österreicher. Derzeit tourt das Team um Baumgartner und den 84-jährige Kittinger um die Welt.

Berliner Morgenpost: Mr. Kittinger, jeden Tag eine andere Talkshow – sind Sie schon erschöpft?

Joe Kittinger: Oh nein, das ist aufregend! Wir teilen unsere Erfahrungen mit der ganzen Welt, das ist spannend!

Berliner Morgenpost: Sind Sie immer noch überrascht über den Hype, den Felix Baumgartners Rekordsprung weltweit ausgelöst hat?

Kittinger: Die Medien haben hier einen fantastischen Job gemacht. Die TV-Stationen, Youtube, sie alle haben unsere Geschichte mit dem Rest der Welt geteilt. Das letzte Ereignis, das für mich persönlich ähnlich aufregend war, war als Neil Armstrong 1969 auf dem Mond landete. Felix' Sprung war das nächste große Abenteuer, die nächste großartige wissenschaftliche Erkundung nach der Mondlandung.

Berliner Morgenpost: Würden Sie sagen, Felix Baumgartner ist der nächste Neil Armstrong?

Kittinger: Felix ist ein Entdecker, wie es Neil Armstrong auch war.

Berliner Morgenpost: Als Sie 1960 aus über 30 Kilometern Höhe gesprungen sind, wurde ihre Mission so lange geheim gehalten, bis der Sprung erfolgreich überstanden war. Wie hat sich das angefühlt – anderthalb Jahre auf etwas hinzuarbeiten, von dem niemand etwas mitbekam?

Kittinger: Unser Ziel war es, wissenschaftliche Erkenntnisse zu gewinnen. Wir waren nicht wirklich daran interessiert, das was wir taten und vorhatten, mit der Öffentlichkeit zu teilen, weil es eine Vorstufe zum Raumfahrtprogramm der USA war. Wir wollten beweisen, dass man sich im Ernstfall aus einer solchen Höhe retten kann.

Berliner Morgenpost: Erinnern Sie sich noch an die Tage nach Ihrem Sprung?

Kittinger: Mein Sprung fand auch in New Mexico statt, und zwei Tage später kehrte ich nach Dayton, Ohio zurück, wo ich lebte und begann, meine Berichte zu schreiben. Später, nach etwa sechs Monaten, brachte mich mein Arbeitgeber, die Air Force, nach New York und setzte mich dort in zwei oder drei Fernseh-Sendungen.

Berliner Morgenpost: Baumgartners Sprung war dagegen ein perfekt orchestriertes Medien-Event. Allein acht Millionen Live-Zuschauer bei Youtube ... Wie viele Journalisten waren denn bei Ihnen 1960 dabei?

Kittinger: Ein einziger! Ein Reporter von National Geographic war dabei, weil er einen Artikel über den Sprung geschrieben hat. Und die Redaktion hat uns eine Kamera zur Verfügung gestellt, die wir während des Projekts benutzt haben.

Berliner Morgenpost: Ihre Mission, Excelsior III, war Ihr 33. Fallschirmsprung …

Kittinger: ... und Felix hatte vor seinem Rekord fast 3000 Sprünge absolviert! Er ist ein professioneller Athlet, ein hochprofessioneller Fallschirmspringer.

Berliner Morgenpost: Ihr Sprung vor mehr als 50 Jahren wirkt dagegen fast wie eine spontane Aktion. Die Legende sagt, sie hätten den Job als Springer im Pokerspiel gegen zwei andere Piloten der US Air Force gewonnen?

Kittinger: Nein, nein, so war das nicht, das ist wirklich nur eine Legende.

Berliner Morgenpost: Für Baumgartners Aufstieg wurde eine hochkomplexe High-Tech-Kapsel entworfen. Sie sind damals in einem offenen Aluminium-Korb in die Stratosphäre gestiegen. Leben Abenteurer heute weniger gefährlich?

Kittinger: Nein, aber sie würden dich das heute einfach nicht mehr so machen lassen wie wir damals. In den 52 Jahren, die zwischen meinem und Felix' Sprung liegen, sind viele technische Verbesserungen gemacht worden. Fast nichts von Felix' Ausrüstung ist serienmäßig hergestellt, das meiste wurde speziell angefertigt. 1960 wusste niemand, ob ein Mensch den Sprung aus 31.333 Metern überleben kann. 2012 wusste niemand, ob ein Mensch den freien Fall mit Überschallgeschwindigkeit überleben kann. Es gibt also einen erheblichen Unterschied zwischen dem was Felix gemacht hat, und dem, was ich damals gemacht habe. Aber es gibt Dinge, die unsere Missionen verbinden: Wir sind beide ins Unbekannte aufgebrochen, wir sind beide aus einem fast kompletten Vakuum abgesprungen.

Berliner Morgenpost: Ihr Sprung fand im Namen der Wissenschaft statt. Die Luftwaffe wollte die Folgen von extremer Höhe auf den menschlichen Körper messen und Sicherheitsmaßnahmen für Flugzeugpiloten testen. Welche wissenschaftlichen Erkenntnisse bringt Baumgartners Sprung?

Kittinger: Felix Sprung testete den Druckanzug der nächsten Generation für Astronauten. Er testete auch die nächste Generation von physiologischen Kontrollgeräten und wie der menschliche Körper auf Überschallgeschwindigkeit reagiert. Sein Sprung war ein beträchtlicher Beitrag zur Wissenschaft.

Berliner Morgenpost: Bei Ihrem Sprung gab es viele Komplikationen: Ihr Handschuh war nicht dicht und Ihre Hand schwoll auf die doppelte Größe an. Es gab Probleme mit dem Funk, mit dem Wetter. Am Ende sind Sie trotzdem gesprungen. Was haben Sie gedacht, als Sie da oben standen?

Kittinger: Der Blick nach unten auf die Erde war grandios. Ich konnte die Erdkrümmung sehen, den tiefschwarzen Himmel, das war wirklich beeindruckend. Aber ich habe auch gespürt, wie lebensfeindlich das da oben ist. Felix und ich haben drei ganz wichtige Dinge geteilt, 1960 und 2012: Ein großartiges Team, eine gute Ausrüstung und genug Selbstvertrauen. Kurz vor dem Sprung war ich gedanklich und körperlich bereit zu springen, ich war vorbereitet. Ich hatte das 1000 Mal im Kopf durchgespielt, ich hatte anderthalb Jahre dafür trainiert. Es gab keinen Zweifel, ob ich das wirklich machen würde. Ich war ein Testpilot, und das war ein Testflug. Genauso wie Felix: Er hat fünf Jahre trainiert, es war sein Ziel und sein Traum, und als es so weit war, ist er gesprungen. Als er am Rand seiner Kapsel stand, wusste ich exakt, was er fühlte – weil ich es selbst dreimal erlebt habe.

Berliner Morgenpost: Was ist es, das einen Menschen so etwas machen lässt? Riesengroßer Mut oder schlicht Verrücktheit?

Kittinger: (lacht) Nein, nein. Man steckt sich ein Ziel und arbeitet für dieses Ziel. Man sucht sich eine Aufgabe, die die Grenzen des Wissens erweitert, und dann macht man das.

Berliner Morgenpost: Als Baumgartner landete, riss er vor Freude und Erleichterung die Arme nach oben und sank auf die Knie. Erinnern Sie noch daran, was Sie gemacht haben?

Kittinger: Ich war heilfroh und erleichtert, so wie das ganze Team. Das war einer der ergreifendsten Momente der Mission: Kaum war ich auf dem Boden, war das Team schon bei mir. Wie bei Felix auch: Wir haben hart daran gearbeitet, ihn sicher wieder nach unten zu bringen, und er ist sicher wieder nach unten gekommen.

Berliner Morgenpost: Sind Sie traurig, dass einige Ihrer Rekorde – der höchste Sprung, der längste freie Fall – gebrochen wurden?

Kittinger: Nein, Rekorde sind dazu da, gebrochen zu werden. Und ich habe vier Jahre daran gearbeitet, Felix dabei zu helfen, sie zu brechen. Unser Antrieb damals waren ja auch nicht die Rekorde, sondern die Wissenschaft.

Berliner Morgenpost: Das Ziel Baumgartners war es von Anfang an, vier neue Bestmarken aufzustellen. Ist das der Hauptunterschied zwischen Ihren beiden Missionen?

Kittinger: Ich war damals bei der Luftwaffe angestellt und ich hielt es den Steuerzahlern gegenüber nicht für angemessen, wegen der Rekorde an dem Projekt teilzunehmen. Ich war es ihnen schuldig, den Sprung für die Wissenschaft zu absolvieren. Felix dagegen hatte mithilfe unseres Partners Red Bull die Gelegenheit, beides zu tun: Rekorde zu brechen und Daten für die Wissenschaft zu sammeln.

Berliner Morgenpost: Wagen wir einen Blick in die Zukunft: Gibt es ein Limit auf dem Weg nach oben? Felix Baumgartner hat kürzlich gesagt, er halte es nicht für realistisch, viel weiter nach oben zu gehen und von dort zu springen.

Kittinger: Ich denke, wir haben die Grenze dessen erreicht, was Heliumballons für uns tun können. Der nächsthöhere Sprung wird aus einem raketenbetriebenen Fahrzeug erfolgen. Dann werden die Höhen bei 200.000 Fuß (ca. 61 Kilometer) starten und weiter nach oben gehen. Das ist meine persönliche Spekulation, aber ich glaube das wird in den nächsten vier bis fünf Jahren möglich sein.

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