10.11.12

EU-Bürokratie

Schafe hüten in Zeiten der Krise

Ein Berufsstand droht auszusterben: Viele Hirten fürchten um ihre Existenz. Aber nicht nur die Folgen der Finanzkrise setzen ihnen zu, sondern vor allem auch die Brüsseler Bürokratie.

Von Eckhard Fuhr
Foto: Anne Schönharting/Ostkreuz

Frank Hahnel, Schäfer in Müncheberg in der Märkischen Schweiz, hütet circa 1000 Schafe.

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Krisen sind heute auch nicht mehr das, was sie früher einmal waren. Früher, sagt Frank Hahnel, Schäfer in Müncheberg in der Märkischen Schweiz, früher sei in Krisen die Nachfrage nach Wolle gestiegen. Man brauchte Wolle für Decken und Uniformen.

In gefährlichen Zeiten ging es den Schäfern gut. Als 2008 die Finanzkrise ausbrach, erinnert sich Hahnel, fiel der Wollpreis in den Keller. Er war ohnehin nicht hoch. Aber die Kosten für das Scheren, die kamen wenigstens rein. 2008 gab es nur noch 50 Cent pro Kilo, macht etwa 1,50 Euro pro Schaf. Das Scheren kostet zwei Euro.

Der Schäfer Hahnel hat das Weltgeschehen im Blick. Er sieht einen direkten Zusammenhang zwischen seinem Ertrag aus der Schafwolle und der chinesischen Nachfrage.

Die Chinesen seien große Wollkäufer. Am Beginn der Finanzkrise hätten sie sich total zurückgehalten – bis ihre Lager leer waren. Jetzt kauften sie wieder wie verrückt. Aus der letzten Schur im Frühjahr erlöste er 1,60 Euro pro Kilo Wolle. Da blieb am Ende bei 400 Mutterschafen und ihrem Nachwuchs sogar ein hübsches Sümmchen übrig.

Nicht dass die Wolle sein Hauptgeschäft wäre, nein, diese Zeiten sind seit hundert Jahren vorbei. Aber geschoren werden müssen die Schafe nun einmal, und da will er wenigstens nichts draufzahlen.

Märkisches Lammfleisch für den Weltmarkt

Die Wolle hat er nie ganz aus den Augen verloren. Deshalb hält er Merinolandschafe, eine Zweinutzungsrasse. Sie erbringen viel hochwertige, feine Wolle. Vielleicht hat diese Naturfaser ja eine große Zukunft.

Die Merinos setzen aber auch gut Fleisch an. Der Verkauf der Schlachtlämmer ist der wichtigste Einnahmeposten – neben den verschiedenen Prämien, aber davon später. Hahnel verkauft seine Lämmer im Herbst an einen Händler, der sie nach Frankreich exportiert. Märkisches Lammfleisch hat dort einen guten Ruf.

Zu Hause hapert es mit der Nachfrage eher. Es gibt nicht genug Feinschmecker. In der regionalen Selbstvermarktung sieht Hahnel für sich keine Chance. Er produziert für den Weltmarkt. Der dritte Vorteil der Merinolandschafe ist ihre Marschfähigkeit. Sie sind gut zu Fuß. Hahnel ist zwar kein Wanderschäfer, aber seine Weideflächen liegen zum Teil weit auseinander. Da muss er schon einmal zehn, fünfzehn Kilometer über Land ziehen.

Wir sind auf einer Wiese am Ortsrand von Müncheberg in der Nähe eines Verkehrskreisels verabredet. Hier hat die Herde – 400 Muttern (so nennt man die Mutterschafe) mit Jährlingen und Lämmern, zusammen etwa 1000 Tiere – einen Tag und eine Nacht fressend und wiederkäuend verbracht.

Jetzt muss sie auf eine andere Weide geführt werden. Am Morgen hatte bei uns das Handy geklingelt. Der Schäfer war dran, wir sollten uns beeilen, er könne die Herde nicht mehr lange halten, der nächtliche Platzregen habe das Futter, das noch übrig sei, niedergedrückt.

Wir hetzen zur Schäferidylle, von Berlin aus 80 Kilometer nach Osten. Als wir ankommen, hat die Herde beschlossen, doch noch einmal eine Verdauungspause einzulegen. Die Schafe dösen in der Sonne. Auch der Schäfer ist völlig entspannt. Das sei doch ein friedvolles Bild, wie die Viecher in der Sonne lägen, sagt er. Einen großen Filzhut trägt er heute, die Schäferschippe und den breiten ledernen Schultergurt, an dem das Kettengehänge für die Hunde befestigt ist. Man hält etwas auf Tradition im Schäferstand.

Die Hütehunde arbeiten an der Herde

Der neue Weideplatz liegt nur wenige Hundert Meter entfernt. Aber der Weg dahin führt über eine Brücke. Durch diesen Engpass müssen die tausend Tiere. Anders geht es nicht. Die beiden Hütehunde, ein Schwarzer Altdeutscher und eine Gelbbacke, warten ungeduldig im Pick-up auf ihren Einsatz.

Erst einmal aber müssen die vier Herdenschutzhunde, eine Hündin mit drei halbwüchsigen Jungen, aus der Herde genommen werden, weil es sonst zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen den beiden Hundefraktionen kommen kann.

Die Hütehunde arbeiten an der Herde, sie halten sie zusammen, treiben sie an, sie "wehren" an den Seiten und "gehen in der Furche", um die Schafe von bestellten Äckern fernzuhalten, all das auf Handzeichen, Pfiff oder Ruf.

Die Herdenschutzhunde leben den ganzen Tag unter den Schafen und sollen sie vor tierischen und menschlichen Räubern schützen. Natürlich betrachten sie die Hütehunde als Eindringlinge. Hahnel hat seine serbische Hirtenhündin mit einem Pyrenäenberghund gekreuzt. Das Ergebnis nennt er "Brandenburgischer Herdenschutzhund". Besonders furchterregend wirken seine Hunde nicht. Als wir über den Elektrozaun steigen, werden wir freundlich beschnüffelt. Anstandslos lassen sie sich ins Auto verfrachten.

Die Gelbbacke hat Hahnel inzwischen an der Kette, der Schwarze jagt wie ein Blitz um die Herde herum, an deren Spitze sich nun der Schäfer setzt. Gemessenen Schrittes und unter unablässigem Blöken der Schafe geht es auf die Brücke zu. Auf der einen Seite staut sich die Herde, auf der anderen quillt sie heraus. Es will kein Ende nehmen. Jetzt erst merkt man, wie viele Tiere das sind, die sich auf der weitläufigen Weide verteilt hatten. Ein Stück geht es noch einen Feldweg entlang, dann ergießt sich die Herde in ein üppig grünes Tälchen. Das Gras steht den Schafen bis zum Bauch. Gierig beginnen sie sofort mit dem Fressen.

Mindestens ein Wolf bedroht die Schafe

Warum er den Aufwand mit den Herdenschutzhunden betreibe, wollen wir vom Schäfer wissen. Mindestens ein Wolf, sagt er, sei in der Märkischen Schweiz unterwegs, auch wenn "der Naturschutz" nicht gern davon rede, weil er fürchte, die Leute könnten rebellisch werden. Doch habe es schon Schafrisse gegeben.

Der Wolf sei da, daran gebe es keinen Zweifel. Hahnel hat sich mit dieser Herausforderung früh auseinandergesetzt, sich mit Kollegen im Wolfsgebiet der Lausitz ausgetauscht, Schulungen besucht. In seiner Gegend ist er ein Herdenschutz-Pionier.

Es hapert bei seinen Kollegen aber noch an Problembewusstsein. Von einem reißenden Absatz seiner Welpen jedenfalls kann keine Rede sein. An Privatleute möchte er sie nicht verkaufen. Mit denen könne man nicht spazieren gehen, sagt er.

Wir fahren ins Rote Luch. Das weite Wiesental trennt den Höhenrücken des Barnim vom Lebuser Land im südlichen Oderbruch. Hahnel hat hier 40 Hektar von der Stiftung des Naturschutzbundes (Nabu) günstig gepachtet, der das Land vor Jahren von der Treuhand übertragen worden ist.

Er will schauen, ob er nach dem vielen Regen der letzten Zeit schon mähen kann. Er braucht Heu für den Winter. Wenn das Gras nach dem ersten Schnitt wieder aufgewachsen ist, wird er die Herde hierher führen. Das ist dann ein weiter Weg. Am Waldrand steht Rotwild, durchs Grün staken Störche. Irgendwo hier verschlafe der Wolf den Tag, sagt Hahnel. Gesehen hat er ihn noch nicht.

Die Mutterschafprämie als Wachstumsimpuls

Er habe schon immer Schäfer werden wollen, sagt er, frei und selbstständig. In Güstrow ging er in die Lehre, dann leistete er seinen Militärdienst ab, und danach fing er als Schäfer auf dem Volkseigenen Gut in Müncheberg an.

Hahnel hat gute Erinnerungen an den Sozialismus. Er sei für 200 Schafe verantwortlich und sein eigener Herr gewesen. 1991 machte er sich selbstständig, auf 15 Hektar gepachtetem Kirchenland. Sein Betrieb wuchs schnell. Ein entscheidendes Treibmittel dieses Wachstums war die Mutterschafprämie.

Je mehr Muttern er hielt, desto reicher floss das Geld aus dem EU-Agrartopf, 21 Euro pro Nase. 2005 hatte er 1800 Schafe in drei Herden, beschäftigte zwei Angestellte und bildete zwei Lehrlinge aus, einer davon sein ältester Sohn, der jetzt eine Zweitausbildung als Logistiker macht. Schäfer will keines seiner fünf Kinder werden. Die Gründe dafür liegen zum Teil in Brüssel.

Mit der Agrarreform von 2003 begann die Umstellung von Tierprämien auf Flächenprämien. Es sollten keine Produktionsanreize mehr gegeben werden. Die Mutterschafprämie schmilzt dahin. 2014 wird von ihr nichts mehr übrig sein. Für Hahnel heißt das: weniger Schafe, mehr Land, keine Angestellten mehr und auch kein Lehrling. Er bewirtschaftet heute rund 250 Hektar Grünland, davon sind 40 Hektar sein Eigentum. Größtenteils liegen seine eigenen Flächen auf einem ehemaligen Militärgelände, in dessen Bunkern er sein Heu lagert.

Von 2014 an wird es in Brandenburg eine einheitliche Flächenprämie von etwa 280 Euro pro Hektar und Jahr geben. Um sie in voller Höhe zu erhalten, müssen Landwirte bestimmte Bedingungen im Umwelt-, Landschafts- und Tierschutz erfüllen. Das heißt nun nicht, dass die Subventionen allein in Hahnels Tasche fließen. Auf den Flächen, die er bewirtschaftet, hat er ganz unterschiedliche Rechte. Hier erhält er die Prämie, dort muss er Pacht bezahlen.

Im Dickicht des europäischen Agrarsystems

Eine gute Einnahmequelle wäre der Vertragsnaturschutz, aber die Märkische Schweiz verfügt über so viele naturschutzwürdige Biotope, dass sie von der Naturschutzbehörde gar nicht alle in Obhut genommen werden können. Dazu reicht das Geld nicht.

Und so beweiden Hahnels Schafe wertvollste Trockenrasen ganz ohne Vergütung. Nur aus dem "Kulturlandschaftsprogramm" (Kulap) der EU bekommt er zusätzlich etwas Geld. Hahnel kennt sich im Dickicht des europäischen Agrarsystems aus. Er hat das alles im Kopf. Unterm Strich setzt sich sein Einkommen zu 60 Prozent aus öffentlichen Subventionen und zu 40 Prozent aus der Schafproduktion zusammen.

Hahnel ist geschmeidig, schlau, auch ein politischer Kopf. Für die Linke sitzt er im Gemeinderat. Sein Handy klingelt unablässig. Gegen eine neue Zumutung aus Brüssel, die vielen Schäfern den Garaus machen könnte, will er kämpfen. Das Schreckenswort heißt "Elektronische Einzeltierkennzeichnung". Die Schäfer erstickt dieses Monster in Bürokratie und zusätzlichen Kosten, den Schafen zerstört es die Ohren.

Reden wir zuerst von den Ohren. Schafe haben sehr unterschiedliche Ohren, Merinos zum Beispiel ziemlich lange, hängende. Die Ohren der Texel-Schafe sind klein, spitz und abstehend. Dazwischen gibt es alle Abstufungen.

Ältere Schafe müssen inzwischen drei Ohrmarken tragen. Zuerst wurde ihnen beim ersten Besitzerwechsel die Bestandsmarke appliziert, ein kleiner Clip, auf dem Herkunft und Betriebsnummer verzeichnet waren. Nachdem in England die Maul- und Klauenseuche ausgebrochen war, verlangte Brüssel wegen der Rückverfolgbarkeit, dass jedes einzelne Tier mit einer Nummer gekennzeichnet werden müsse. Diese Ohrmarke war schon deutlich größer.

Lesegeräte- und Chipchaos in der Schäferei

Und seit 2010 müssen diese Einzeltiermarken mit einem elektronischen Chip versehen sein, Kostenpunkt 2,10 Euro pro Stück. Die Ohren der älteren Muttern in Hahnels Herde sehen aus, als hätten die Mäuse daran gefressen.

Die Marken reißen nämlich aus, wenn die Schafe im Gebüsch ihrer Naturschutzarbeit nachgehen. Es funktionieren auch nicht alle Lesegeräte für alle Marken, kurz, es herrschen ein ziemliches Chaos und Aufruhr in der Schäferei. Beim Europäischen Gerichtshof ist ein Verfahren anhängig, mit dem geklärt werden soll, ob solche Schikanen mit der Berufsfreiheit vereinbar seien. Denn betroffen davon sind nur Schaf- und Ziegenhalter.

Hahnel hat im vergangenen Jahr den Schäferzug organisiert, mit dem der Berufsstand auf seine Probleme aufmerksam machte. Schäfer ernten in der Öffentlichkeit leicht Sympathie. Einem abstrakten Begriff wie "Nachhaltigkeit" geben sie eine einprägsame Gestalt mit Hut und Mantel und Hund. In den Ausstiegsfantasien leidender Büromenschen haben sie einen festen Platz. Und für das Aussehen vieler unserer Landschaften spielen sie auch tatsächlich noch eine Schlüsselrolle. Die Frage ist nur, ob das den Europäischen Gerichtshof interessiert.

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