09.11.12

Vogel-Luftfracht

Wie der kleine Hai auf den Golfplatz kam

Greifvögel können große Lasten tragen. Einer soll gar einen Raubfisch in den kalifornischen Bergen abgeworfen haben. Annäherung an ein Phänomen der Biologie, plus Faustformel für Vögel und Jumbojets.

Von Ulli Kulke
Foto: dapd/Getty

Vögel transportieren ihre Beute über weite Strecken, hier ein Rotschwanzbussard mit einem Hasen. Dabei geht auch schon mal etwas verloren, wie der kleine Hai, der vom Himmel auf einen Golfplatz fiel (l.)

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War es einer jener "Donnervögel", wie wir Bleichgesichter sie nur von den Totempfählen her kennen, auf deren Spitze sie thronen und finster hinabblicken? Gibt es sie also doch?

Mit einer Spannweite von zwei Kanulängen, einem Schnabel lang wie ein Pfeil und Krallen groß wie Tomahawks? Die Indianer vom Stamm der Kumeyaay wohnen in der Gegend, man könnte sie fragen.

In den kalifornischen Bergen über der Pazifikküste sollen die Vögel ja gelebt haben, Blitz und Donner auslösend mit ihren Flügelschlägen. Und fortgetragen haben sie, was immer ihnen beliebte.

Gefunden bei Abschlag 12

Fast will man so etwas denken, wenn man liest, dass unten auf dem Golfplatz bei San Juan Capistrano ein Haifisch lag, ganz plötzlich, mitten auf dem Parcour, bei Abschlag zwölf, noch zappelnd.

Einer der Angestellten hat ihn dann gleich in eine Wanne mit Wasser gelegt und im Auto zum Pazifik gefahren, wo er sich in der Brandung eilig davonmachte. Zwei lange, blutende Wunden soll er gehabt haben, oben neben der Rückenflosse.

Nun war es kein Weißer Hai, sondern ein Leopardenhai, gerade mal 60 Zentimeter lang. Aber wer kann so etwas durch die Lüfte transportieren?

Die Angestellten des Golfplatzes und auch örtliche Zeitungen verdächtigten einen der Fischadler, die in der Gegend brüten, vielleicht war es auch ein Seeadler oder Wanderfalke. Aber warum hat er ihn fallen lassen, hat der kleine Hai ihn im Flug gebissen?

Die Biologin Julianne Steers vom nahen Ozean-Institut in Dana Point traut den Vögeln den Transport erst gar nicht zu, der Ozean sei immerhin sechs Kilometer entfernt, sechs Kilometer Lebendtransport durch die Luft? Steers tippt eher auf einen Scherzbold.

Wie Marco Polo berichtete...

Der Vorfall rückt die Legenden und Mythen um Riesenvögel, die gewaltige Lasten tragen konnten, in den Fokus.

Etwa jene Geschichte von einem gewaltigen Raubvogel, die Marco Polo von seiner Reise nach China mit heimbrachte: "Alle Welt meinte, es sei ein Adler, aber einer von enormer Größe, so groß, dass seine Federn zwölf Schritte groß waren und dick. Er ist so stark, dass er einen Elefanten mit seinen Krallen greift, in große Höhe trägt und ihn fallen lässt, sodass er in Stücke zerschlägt. Nachdem er ihn auf diese Weise getötet hat, kommt er im Sturzflug herab."

Schon immer war die Vorstellungskraft des Menschen beflügelt durch die Gefahr von Luftangriffen, denen man schutzlos ausgeliefert ist, nicht erst seit dem Bomberkrieg.

Hat Marco Polo auf seinem langen Marsch vielleicht etwas von dem legendären "Vogel Rock" aus der nahöstlichen Mythologie aufgeschnappt, der am Himmel irgendwo zwischen Arabien, Äthiopien und Afghanistan seine Kreise ziehen soll, und nicht nur Lämmer davongetragen haben soll, sondern auch Menschen.

Sindbad, der Seefahrer hat sich angeblich sogar freiwillig an sein Bein gebunden, um übers Meer nach Hause zu gelangen. Auch bei uns sind solche Luftriesen bekannt, der "Greif" aus dem Märchen etwa.

Die Faustformel für starke Vögel und Jumbojets

Aktuelle ornithologische Beschreibungen kennen solche Schwerlasttransporte nicht. Der Leopardenhai aber, der vielleicht ein gutes Kilo gewogen hat, wäre für stattliche Greifvögel noch längst kein Übergewicht.

Große Vögel wie Adler, auch Albatrosse oder Fregattvögel, können locker Gewichte von zwei Kilo in die Luft tragen: Kaninchen, Hühner und Rebhühner, kleine Hunde, Rehkitze – alles im grünen Bereich.

Fischadler sollen sogar kleine Krokodile mitnehmen. Adler sollen Beutetiere von bis zu 15 Kilo Lebendgewicht zur Strecke bringen, allerdings nur portionsweise fortschleppen können.

Die Faustformel: Mehr als ihr Eigengewicht bringen auch die stärksten Vögel – etwa der Steinadler mit seinen knapp fünf Kilo – nicht hoch. Übrigens: diese Grenze hat auch der Jumbojet (Boeing 747) mit seinen 180 Tonnen Leergewicht nur unwesentlich übertroffen. Sind es die strengen Gesetze der Aerodynamik?

"Unklugheiten", mit dem Leben bezahlt

Irgendwo zwischen den Legenden und den neuesten zoologischen Erkenntnissen könnte man wohl die blumigen Schilderungen der Tierbuchautoren aus dem 19. Jahrhundert ansiedeln. Der bekannteste unter ihnen ist Alfred Brehm (1829–1884).

Er schrieb in jener Zeit, als die Raubvögel noch Raubvögel hießen, und nicht wie seit etwa zwei Jahrzehnten "Greifvögel", wofür Vogelschützer gesorgt hatten, um ihnen den Ruch des Kriminellen zu nehmen. Die Kaninchen und andere Beutetiere haben von der Umbenennung allerdings nichts.

Vom Steinadler weiß Brehm zu berichten, dass er sich "trotz der schärfsten Achtsamkeit der Hirten, wenn der Hunger ihn treibt, auf Lämmer und Zicklein herniederstürzt und sie angesichts des Vieh hütenden Knaben in die Lüfte trägt".

Der Wanderfalke hat nach Brehms Beobachtung nicht nur schwer zu tragen an seinen Opfern, er tötet sie auch im Flug. "Schlägt der Wanderfalke eine Beute, so erdolcht oder erwürgt er sie gewöhnlich schon in der Luft." Im Übrigen zeige er sich "auf seinen Raubzügen oft außerordentlich dreist, nimmt dem Jäger ein im Fluge geschossenes Wild vor den Augen weg, ehe es den Boden berührt, und bezahlt solche Unklugheit nicht selten mit dem Leben."

Gestohlene Vorhänge für den Nestbau

Der Milan würde gar die Bauerngehöfte überfallen, um "junge Küchlein" zu rauben.

Nicht allein der Hunger treibt den stolzen, so majestätisch über dem Wald kreisenden Raubvogel zu körperlichen Höchstleistungen, auch die Einrichtung seines Nestes, wie Brehm schreibt: "Einzelne Paare haben ganze Vogelscheuchen in ihr Nest geschleppt, andere der Wäscherin Vorhänge von den Trockenleinen gestohlen, um mit ihnen die Nestmulde auszupolstern."

Wenn Brehm berichtet, dass etwa der Bartgeier – wie auch andere Raubvögel – solche Tiere, die sie anders nicht töten und verarbeiten können, aus großer Höhe fallen lassen, Schildkröten etwa, so ist dies nur die wuchtigere Form der Praxis der Raben, die gerade dieser Tage zu beobachten ist.

Sie übersäen im Herbst die Straßen mit ihren Walnüssen, die sie durch die Wucht des Aufpralls knacken. Diese Methode, Schildkröten zu töten, hat sogar Kulturweltgeschichte geschrieben. Der Legende nach soll Aischylos, der älteste der klassischen griechischen Tragödiendichter, von einer herabfallenden Schildkröte erschlagen worden sein.

Die Frage aller Fragen aber, die Eltern wie Kinder an diesem Thema interessiert: Haben sie nun oder haben sie nicht? Haben Raubvögel auch schon einmal kleine Kinder aus dem Kinderwagen oder von der grünen Wiese fortgetragen. Ornithologen verweisen dies heute in den Bereich der Schauermärchen.

Brehm, der so vieles vom Hörensagen berichtete, zitiert hierzu hier den Schweizer Naturkundler Georg Albert Girtanner (1839–1907): "Beispiele vom Raube kleiner Kinder durch große Raubvögel, bei denen es sich jedenfalls nur um den Steinadler und den Bartgeier handeln kann, sind zu sicher festgestellt, als dass hieran noch gezweifelt werden könnte."

Überlieferte Fälle kann aber auch Girtanner nicht anführen.

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