08.11.12

Tötender Familienvater

"Seine Strafe ist das Weiterleben ohne Kinder"

Unfassbares Verbrechen: Ein 37-Jähriger tötet seine vier Kinder, indem er ihnen mit einem Teppichmesser die Kehlen zerfetzt. Jetzt ist er zu einer 15-jährigen Freiheitsstrafe verurteilt worden.

Von Ludger Fertmann
Foto: dpa

Der Angeklagte Andreas S. während der Verhandlung im Landgericht in Hildesheim
Der Angeklagte Andreas S. während der Verhandlung im Landgericht in Hildesheim

Ulrich Pohl ist seit mehr als zehn Jahren Vorsitzender des Schwurgerichts am Landgericht Hildesheim, ein im Umgang mit den Angeklagten oft harter Mann. Am Donnerstag rang er nach Worten, wie zuvor schon die anderen Prozessparteien, die an insgesamt fünf Verhandlungstagen fast verzweifelt versucht haben, der Frage auf den Grund zu gehen, wie aus einem besonders liebevollen Vater quasi über Nacht ein unvorstellbar gnadenloser Mörder werden kann, der in einem regelrechten Amoklauf seine vier eigenen Kinder umbringt.

Andreas S. hat am Abend des 14. Juni in dem kleinen Ort Ilsede im Landkreis Peine seine drei Söhne Lio (5), Lean (7) und Noah (9) sowie seine zwölfjährige Tochter Pia mit einem Teppichmesser getötet, hat den drei schlafenden Jungen und dem sich wehrenden Mädchen mit unzähligen Schnitten eines Teppichmessers die Kehlen zerfetzt.

Es gab, anders als in vielen ähnlichen Prozessen keine Proteste im Saal, als Richter Pohl das vordergründig milde Urteil verkündete: 15 Jahre Haft und Unterbringung in der Psychiatrie.

Der psychiatrische Sachverständige Johannes Pallenberg hat Andreas S. im Prozess eine schwerwiegende Persönlichkeitsstörung bescheinigt und seine Tat als erweiterten Suizid gewertet. Damit waren die Weichen gestellt für das Urteil, das Gericht folgte weitgehend dem Antrag der Anklage, die 15 Jahre gefordert hatte. Er glaubte, ohne die Kinder nicht sein zu können und wollte mit ihnen lieber im Tod verbunden sein statt ohne sie zu leben.

Depression machte Mann zum Mörder

Richter Pohl erinnerte in der Urteilsbegründung an die Begründung des Mannes aus seinem Abschiedsbrief, er habe Angst vor der Trennung von seinen Kindern gehabt: "Das ist so was von niedrig, noch eigennütziger kann man Kinder nicht umbringen". Aber er zeichnete in der Urteilsbegründung auch die Abläufe nach, die zur Bluttat führten.

Ein gehemmter junger Mann ohne jedes Selbstwertgefühl mit bereits deutliche depressiven Zügen lernt mit 22 Jahren beim Zelten zufällig eine junge Frau kennen, die sich sofort in den 22-Jährigen verliebt: "Der ist ja süß, den will ich heiraten".

So kommt es, der frischgebackene Ehemann blüht auf, den vier Kindern ist nicht einfach ein guter sondern ein ungewöhnlich liebevoller, zugewandter Vater. Er hat alle Zeit der Welt für sie, in bescheidenen Verhältnissen richtet sich die Familie klaglos-fröhlich ein, ein kleines Familienidyll mit einem Garten, der ein einziger großer Spielplatz ist.

Eine Bilderbuchehe und ein Bilderbuchpapa, so schildern es die Nachbarn am Tag nach dem Tod der vier Kinder fassungslos.

Entziehungskur mit Rückfall

Dass er, beschäftigt bei der örtlichen Autobahnmeisterei und angesichts knapper Finanzen, überfordert war, das hat nur Ehefrau Tanja bemerkt – offenkundig ohne zu ahnen, wie tief die Ursachen zurück reichen und wie folgenschwer dies werden kann. Von der Rückkehr der Depressionen, die mit der Heirat überwunden schienen, erfahren die Nachbarn lange Zeit nichts.

Auch nichts von Alkoholabhängigkeit, von zunehmenden Streitereien der Eheleute von einer psychiatrischen Behandlung, einer Entziehungskur mit Rückfall. Eine Persönlichkeitsstörung, die erst im Zusammenhang mit der Depression aus einem liebevollen Vater den Mörder macht.

Ehefrau Tanja hat im Prozess von ihrem Aussageverweigerungsrecht Gebrauch gemacht, wohnt weiter in dem Reiheneigenheim, in dem ihre Kinder gestorben sind. Die Nachbarn in Ilsede haben sich nicht mit dem inzwischen nach solchen Familiendramen fast ritualisierten Kerzen am Straßenrand begnügt sondern Geld gesammelt, für sie das Reiheneigenheim grundlegend renoviert, neue Farben und neue Möbel aber vor allem Solidarität, wann immer das gefragt ist.

Kinder bedenkenlos anvertraut

Eine Frage aber, die Tanja S. wohl nie wieder los werden wird: Warum hat sie ihm nicht geglaubt, als er zuletzt immer häufiger mit Selbstmord drohte, wenn sie von der aus ihrer Sicht unvermeidlichen Trennung sprach. Sie fühlte sich am Ende von ihm bedroht, er selbst hat in seinem Geständnis und gegenüber dem psychiatrischen Gutachter sogar einen Vergewaltigungsversuch eingeräumt. Aber eines hat sie sich eben nicht vorstellen können, das er nämlich den gemeinsamen Kindern etwas antun könnte.

Als sie Zeit zum Abschalten brauchte, einen Kurzurlaub in Dänemark machte, hat sie ihm bedenkenlos die Kinder anvertraut. Dafür durfte er auch noch einmal ins früher gemeinsame Reihenhaus zurückkehren. Aber dann hat sie ihm am Nachmittag des 14. Juni telefonisch mitgeteilt, ihr Entschluss sei endgültig, sie wolle die Scheidung und er solle das Haus verlassen, ehe sie zurückkehre.

"Alles kaputt" schreibt um 19.13 Uhr Tochter Pia verzweifelt im Internetnetzwerk Schüler-VZ, sie meint die Ehe der Eltern. Ihr Vater hat ihr vom Inhalt des Telefonats berichtet und ihr dann ein Specksteinherz geschenkt: "Mama will es nicht mehr, ich möchte, das du es nimmst, damit du immer an mich denkst".

Da also hat er offenkundig nur an den eigenen Selbstmord gedacht oder auch nur an die Trennung von seinen Kindern. Kaum drei Stunden später aber, er hat inzwischen getrunken, greift er zum Teppichmesser und tötet die schlafenden Jungen, er hat für alle Fälle mehrere Ersatzklingen in der Tasche. Danach muss die Tochter sterben, sie ist aufgewacht, steht vor ihrem Bett, wehrt sich verzweifelt.

Strafe der ganz eigenen Art

Aber er hört sie nicht: Von einer verhängnisvollen "Verengung des Denkens" hat der Psychiater gesprochen über den Mann, der in seinem Abschiedsbrief schrieb, er könne ohne seine Kinder nicht leben, der unmittelbar nach der Bluttat per SMS wissen lässt: "Ich kann ohne meine Kinder nicht leben. Fünf Herzen haben aufgehört zu schlagen".

Und er macht ihr Vorwürfe: "Glückwunsch, jetzt hast du dein neues Leben". Danach bahrt der Vater seine vier toten Kinder noch auf im Ehebett, er will sich töten, zerfetzt sich nun selbst Arme und Hals, wird vom Notarzt und den Rettungssanitätern gerettet, die als Zeugen vor Gericht noch gezeichnet waren von der Situation vor Ort.

Da alle Prozessbeteiligten auf Rechtsmittel verzichteten, ist das Urteil bereits rechtskräftig. Die Psychiatrie wird der Mann wohl nie verlassen dürfen. Richter Pohl schaute ihn am Ende der Urteilsbegründung direkt an: "Er hat sich mit seinem Überleben eine Strafe ganz eigener Art angetan".

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