08.11.12

Partnersuche

Warum eine Online-Singlebörse ein Single-Profil löscht

Keine 24 Stunden war Julia Mitglied bei einer Singlebörse im Internet. Dann wurde ihr Profil gelöscht. Grund: "Enttäuschungen vermeiden".

Von Judith Luig
Foto: picture-alliance

Bei einer Nutzerbefragung von Partnerbörsen zeigten sich große Defizite bei Vertragsbedingungen, dem Kundenservice und den Leistungen in Bezug auf die Partnersuche
Bei einer Nutzerbefragung von Partnerbörsen zeigten sich große Defizite bei Vertragsbedingungen, dem Kundenservice und den Leistungen in Bezug auf die Partnersuche

Die Idee kam von einer Freundin. "Warum suchst Du nicht mal online? Ich hab da total nette Typen kennengelernt." Zu dem Zeitpunkt war Julia (Name von der Redaktion geändert) seit einem halben Jahr Single. Ihr gefiel die Idee, einen Mann übers Internet kennenzulernen. Warum auch nicht?

An einem Sonntagabend meldete sich Julia bei Elitepartner.de an, erst einmal für drei Monate, sie bezahlte, machte den Persönlichkeitstest und beantwortete Fragen über sich. Welche Interessen sie habe, wie sie wohnen wolle, welche Musik sie möge und ob ihr Liebe und Vertrauen wichtiger ist als Konflikte offen anzusprechen. Schon am nächsten Morgen kamen erste Kontaktanfragen.

Nette Typen, so wie versprochen. Julia schickte ein paar Antworten los und ging dann mit einer Freundin aus. Aber als sie am späten Abend noch mehr Bilder von sich hochladen wollte, gab es sie dort nicht mehr. Stattdessen fand Julia eine Nachricht in ihrem Posteingang. Betreff: "Ihr Profil wurde gelöscht."

Als sie die Geschichte ihre Freundin erzählte, hat die erst mal gelacht. Aber Julia findet das Ganze nicht so besonders lustig.

Der Moment des Grauens

Ein Singledasein ist nicht arm an Momenten der Erniedrigung. An endlosen Sonntagen allein in der viel zu großen Wohnung rumhängen, Abendessen mit Pärchengesprächen und Kinderanekdoten ertragen, sich an Silvester unsichtbar machen und verzweifelt das Sektglas umklammern, während alle um einen herum knutschen, und nicht zu vergessen die abartigen Dates, mit Typen, die man in besseren Zeiten noch nicht einmal hätte anschauen müssen.

Zu diesen Momenten des Grauens hat ElitePartner jetzt noch einen hinzugefügt: Von der Singlebörse als unvermittelbar abgeschrieben zu werden.

"Das war hart", erzählt Julia. Zumal die Erklärung, warum sie denn als Kundin abgelehnt wurde, relativ vage blieb. "Sehr geehrtes Mitglied", schrieb das "ElitePartner-Team", "wir bedauern, dass sich beim Abgleich Ihrer Daten mit den Profilen unserer übrigen Mitglieder nur eine äußerst begrenzte Anzahl von Mitgliedern ergab, mit denen Ihr Profil eine große Übereinstimmung hat. Das bedeutet, dass Ihre Vermittlungschancen mit ElitePartner leider sehr gering sind."

"Okay", sagt Julia heute, "das ist ja im Grunde fair, wenn sie mich vor Misserfolg warnen. Aber ich hätte einfach gerne selbst entschieden, ob ich mich dann abmelde." Stattdessen hatte die Partnervermittlung bereits gehandelt. "Um zu vermeiden, dass Sie mit unserem Service Enttäuschungen erleben müssen und den Mitgliedsbeitrag vergeblich entrichten, haben wir Ihr Profil bei ElitePartner gelöscht", hieß es weiter in der Mail.

Fitnessstudio lehnt ja auch keine Dicken ab

Und dann setzte das Service-Team noch einen drauf: "Wir möchten Ihnen jedoch eine Errfolg versprechende Empfehlung geben: Bei unserem Partner FriendScout24 sind die Chancen auf interessante Kontakte für Sie besonders groß." Wer neu im Singlebörsenbusiness ist, versteht diesen Satz vielleicht nicht sofort. Aber "FriendScout24" ist besonders bei Menschen beliebt, die sich gerne zu eher unverbindlichen Dates mit offenem Ausgang treffen.

Wie genau sollte Julia die Ablehnung verstehen?

Ist es die Empfehlung einer Partnervermittlung: Für eine ernste Beziehung taugen Sie nichts, aber eine schnelle Nummer kriegen sie schon noch hin? Mal ehrlich, Partner ist bei ihnen nicht drin, bauen Sie doch besser auf "Kontakte"?

Wie kommt eine Singlebörse eigentlich darauf, ein zahlendes Mitglied rauszuwerfen? Müsste nicht eigentlich eine Frau – oder auch ein Mann – mit schwierigen Erfolgschancen besonders interessant als Kunde sein? Der zahlt dann doch länger ein. Ein Fitnessstudio lehnt ja auch keine Übergewichtigen ab.

ElitePartner hat den Anspruch, eine "Partnersuche für Akademiker und Singles mit Niveau" zu sein. Liegt darin vielleicht die Ablehnung begründet? Wohl kaum. Julia hat gleich an zwei Eliteuniversitäten studiert. Hat sie sechs Kinder von vier Männern? Ist sie verheiratet? Hängt fanatischen Weltanschauungen an? Nein.

Und was ihr Aussehen angeht, das ist mit Sicherheit überdurchschnittlich. Schlank, blond, sportlich.

"Die Einsamkeit der klugen Frauen"

Das Dilemma der gutverdienenden Akademikerin ist, dass die meisten Männer nicht damit klarkommen, wenn ihre Frau erfolgreicher ist als sie, oder wenn sie mehr Geld verdient. Ein Service wie "ElitePartner" weiß das natürlich längst. Auf den Webseiten findet sich ein eigener Artikel zu dem Thema der Schieflage am Singlemarkt, Titel: "Die Einsamkeit der klugen Frauen". Es wird dazu gleich auch ein Test angeboten. "Sind Sie zu anspruchsvoll?"

Ist sie das? Nein, das findet zumindest Julia nicht. "Ich habe komplett normale Suchkriterien: mein Traummann sollte neugierig und offen sein, in einer Großstadt leben, er sollte zwischen 30 und 45 Jahre alt sein und ungefähr so viel verdienen wie ich, ihm sollte Zärtlichkeit wichtig sein, und Familie." Ihr ist klar, dass zu viel Bildung Männer abschrecken könnte. "Aber soll ich deswegen bei dem Fragekatalog lügen?"

Aktive Mitglieder zu löschen, scheint eine Besonderheit von ElitePartner zu sein. Parship löscht Profile nur, wenn Mitglieder länger inaktiv waren, also um Karteileichen zu vermeiden, edarling bietet bei Premium Mitgliedschaft sogar noch einen Extra-Service "Wenn nicht eine Mindestzahl an Kontakten, (also Mailaustausch) zustande kommt, verlängern wir die Mitgliedschaft um denselben Zeitraum", erklärt Jan Richter, von edarling.

Auch neu.de macht keine Gesichtskontrolle. Um allerdings betrügerische Fake-Profile, sogenanntes "Romance Scamming", auf ihren Seiten zu verhindern, würden auffällige Profile gecheckt. Das Verhalten des Mitbewerbers hält die Konkurrenz größtenteils für ein Missverständnis oder ein Versehen.

Die Türsteherfunktion

Aber das ist es nicht. Anna Kalisch von ElitePartner steht zur "Türsteherfunktion", wie sie es nennt. "Ein Viertel der Bewerber wird von uns abgelehnt", erklärt sie. Der Entscheidung liege ein bis zu zwölf Seiten langer Kriterienkatalog zugrunde. "Es kommt in der Essenz darauf an, dass derjenige an einer ernsthaften Beziehung interessiert ist", erklärt eine Sprecherin.

Was zum Beispiel wären Ko-Kriterien? "Zu viele Rechtschreibfehler, Fotos mit nacktem Oberkörper, unplausible Angaben oder Obszönitäten."

Dass Julia sich erst einmal anmelden durfte, und mit Mitgliedern in Kontakt treten konnte, läge daran, dass man Interessenten gerne schnell erste Erfolgserlebnisse gönnen wolle. Bis zu 7000 neue Mitglieder gäbe es täglich in Hochzeiten, da dauerten die Prüfungen unterschiedlich lang.

Das irrationale Netz

Dass die Profillöschung die Bewerber frustrieren könnte, glaubt Kalisch nicht. "Wir sehen es als einen positiven Punkt, dass wir eine Qualitätskontrolle haben." Und wenn Julia oder eben ein anderer Abgelehnter gerne wissen wolle, woran es gelegen habe, könne der ja jederzeit nachfragen.

Daran allerdings hat Julia jetzt kein Interesse mehr. Sie hat sich bereits neu verliebt. Offline.

Aktfotos oder Anzüglichkeiten habe sie übrigens nicht in ihr Profil einfließen lassen. So bleibt dann neben ihrem persönlichen Happy End noch ein anderes Fazit dieser Episode: Online-Börsen stehen oft im Verdacht, die Liebe zu kommerzialisieren und sie anhand von Parametern zu berechnen. Das stimmt aber nicht. Wie das Beispiel zeigt, ob man sich verliebt oder nicht, ob man den Richtigen findet oder Single bleibt, das ist im Netz genauso irrational wie außerhalb. Und das ist doch irgendwie beruhigend.

PS. Julia geht übrigens davon aus, dass sie ihre bereits gezahlte Mitgliedsgebühr erstattet bekommt.

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