08.11.12

Fotos von Alex MacLean

Einer fliegt über Deutschland - und sieht die Zukunft

Heidi Klums Penthouse und Pools in der Wüste von Nevada: Mit seinen Flugbildern dokumentiert Alex MacLean Segen und Fluch der Städte. Der Berliner Morgenpost erklärt er, wie schön die deutsche Energiewende ist.

Foto: Alex MacLean / courtesy Schirmer/Mosel

Spektakulärer Blick von oben auf die Metropole New York: In dem Bildband „Über den Dächern von New York“ hat der US-Amerikaner Alex MacLean die verborgenen Oasen der Stadt dokumentiert.

19 Bilder

Der US-Amerikaner Alex MacLean wurde 1947 geboren, er ist studierter Architekt. Seine Fluglizenz machte er 1972, seitdem hat er große Teile seiner Heimat USA und auch Gebiete in Europa überflogen. Die dabei entstandenen Fotos drehen sich um wichtige Fragen: Wie gehen wir mit unserer Erde und Ressourcen wie Wasser und Natur um? Für seine Bildbände, die die Folgen von Verstädterung und Umweltzerstörung in oft spektakulären Luftaufnahmen dokumentieren, bekam er schon zahlreiche Preise. Berliner Morgenpost hat mit ihm gesprochen und zeigt exklusiv MacLeans Deutschland-Bild.

Die Welt: Mr. MacLean, Sie sind über New York, Las Vegas und Venedig geflogen. Wie gefällt Ihnen Delmenhorst?

Alex MacLean: Die Landschaft ist sehr schön! Gut gefällt mir, dass die Städte klar vom Land abgegrenzt sind. Die Zersiedelung ist nicht so stark.

Die Welt: Was wird mit den Fotos aus Deutschland passieren?

MacLean: Ich will sie mit anderen Bildern kombinieren, etwa für ein Buch darüber, wie unser Essen entsteht. Auch zum Thema Urbanisierung passen sie gut.

Berliner Morgenpost: Das "New York Times Magazine" nennt Sie einen Künstler und Soziologen. Wie sehen Sie sich?

MacLean: Ganz einfach als Fotograf, der vom Flugzeug aus arbeitet.

Berliner Morgenpost: Film und Fotografie "von oben" boomen, auch Tools wie Googles Street View sind ein Hit. Was fasziniert uns Menschen so am Blick von oben?

MacLean: Dass wir Zusammenhänge besser verstehen können. Luftaufnahmen sind zudem durch das Netz, Satellitenfotos oder GPS für jedermann leicht zugänglich. Durch sie können Menschen ihre Umwelt besser wahrnehmen. Visuelle Informationen sind auch leichter aufzunehmen und zu verarbeiten – um die gleichen Infos zu bekommen, müsste man sonst Seite um Seite lesen. Hier reicht ein Blick.

Die Welt: Passt es nicht auch in unsere visuelle Kultur, die von Tablet-PCs und Smartphones geprägt wird?

MacLean: Ja, diese Dinge machen den Zugang einfach. Mir liegt aber an einer bildhaften Zuspitzung. Was ist der Punkt? Dafür sollte nur ein Bild genügen.

Die Welt: Sie fliegen stets allein in Ihrem Flugzeug – was ist das für ein Typ?

MacLean: Eine sehr leichte Sportmaschine, eine Flight Design CT, sie sieht aus wie aus einem Zeichentrickfilm. Sie fliegt schnell, aber auch langsam, sodass ich kreisen und Fotos schießen kann, und das aus geringer Höhe, nur etwa 150 Meter über der Erde.

Berliner Morgenpost: Wie genau machen Sie Ihre Fotos?

MacLean: Ich halte meine Kamera in der Hand. Und strecke Sie einfach aus dem Fenster heraus. Das muss ich tun, weil sonst die Scheibe reflektiert.

Die Welt: Ist die Kamera Ihnen noch nie runtergefallen?

MacLean: Ich benutze eine Spiegelreflexkamera mit 35 Millimetern Brennweite, die ist nicht so schwer. Wenn, dann ist die Linse schwer. Und ja, eine Linse ist mir einmal aus dem Fenster gefallen. Ist aber nichts passiert...

Die Welt: Mit welchen Widrigkeiten kämpfen Sie noch?

MacLean: Wetter und Sichtweiten! Andere Flugzeuge sind höchstens in der Stadt ein Problem.

Die Welt: Für Ihr Buch "Über den Dächern von New York" sind sie 17 Mal über die Stadt geflogen. War es schwer, dafür eine Genehmigung zu bekommen?

MacLean: Nein, weil ich die Fotos vom Hubschrauber aus gemacht habe, um näher an die Häuser zu kommen. Die Erlaubnis hatte ich schnell. Problematisch war es eher, überhaupt in die Luft zu kommen. Es gibt vier große Flughäfen rund um die Stadt und sehr viel Verkehr.

Die Welt: Sie haben die Penthouses von Stars wie Heidi Klum entdeckt, aber auch Spielplätze, Pools, Gärten, Graffitis und sogar ein altes Flugzeug...

MacLean: Ja, ich habe viel Kurioses entdeckt, Hunderte von goldenen Hula-Hoop-Reifen auf einem Dach etwa. Offenbar eine Fotoproduktion. Die Dächer sind eine unsichtbare vierte Ebene des Stadtlebens – oder sie könnten es sein. 85 Prozent der New Yorker Dächer, einer Stadt mit horrenden Grundstückspreisen, sind ungenutzt! Ich wollte die Leute zum Nachdenken darüber bringen, was man dort alles tun könnte. In letzter Zeit verändern sich zudem die Farben der Dächer – von Schwarz zu Weiß. Das ist eine Folge der Klimaerwärmung. Die schwarzen Dächer heizen zu sehr auf.

Die Welt: Oder aber Sie werden begrünt. Reclaim the roofs sozusagen...

MacLean: Genau. Das setzt sich schnell durch. Die Stadtbewohner fordern die Dächer als Erholungs-, aber auch als Nutzraum – etwa für Gemüse – ein. Das gefällt aber nicht jedem Vermieter. Das ist ein empfindlicher Konfliktpunkt in der Stadt.

Die Welt: Ihr Buch "Über..." machte Sie auch in Deutschland bekannt. Darin präsentieren Sie uns die USA von oben und zeigen, wie Zersiedelung und Klimawandel das Land verändert haben.

MacLean: Dürre, Feuer, Flut – all diese Dinge haben in den USA sehr zugenommen. Ich sehe das als direkte Folge des Klimawandels. Seit einiger Zeit wird auf diese Probleme reagiert, und die Energieproduktion ändert sich. Solardächer, ob für Firmen oder Privathaushalte, sind in den USA auf dem Vormarsch. Ebenso Windparks, wie Sie sie in Deutschland haben. Es ist toll, wie weit vorne Sie mit der Nutzung von alternativen Energien sind!

Die Welt: Die vielen Windräder sind allerdings umstritten…

MacLean: Ach wissen Sie, all das könnte ja auch nur ein Übergang sein. Vielleicht sind die Windräder in 50 Jahren schon wieder vom Festland verschwunden? Die Offshore-Parks vor den Küsten sind ja ohnehin viel effektiver. Ich finde auch, dass Windräder durchaus eine gewisse Ästhetik haben. Mich stören sie nicht.

Berliner Morgenpost: Was wird Ihr nächstes Buch?

MacLean: Ich arbeite über die moderne Lebensmittelproduktion und die Probleme, die das mit sich bringt. Zum Beispiel der Düngemittel- und Pestizid-Einsatz. In Florida etwa gibt es schreckliche Zerstörungen durch Phosphorminen. Das habe ich dokumentiert. Oder wie sich in unseren US-Städten die Fast-Food-Industrie breitgemacht hat. Die Leute fahren in die Drive-ins von McDonald's & Co, und das ist dann ihre Mahlzeit. Die Konsequenz ist eine durchindustrialisierte Landwirtschaft, besonders im Bereich der Fleischproduktion.

Die Welt: Apropos Fleisch – was halten Sie vom deutschen Essen?

MacLean: Ich esse gerne vegetarisch und so wenig Fleisch wie möglich. Von deutschen Bratwürsten halte ich mich deshalb fern.

Alex MacLean lebt mit seiner Familie in Lincoln (Massachusetts). Zuletzt war er Stipendiat am Hanse-Wissenschaftskolleg in Delmenhorst, dort entstanden auch die hier gezeigten Bilder.

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