08.11.12

"Late Night"

Bei Obamas "Phallussieg" fragt Will zweimal nach

Es sollte eine dieser ernsten Polit-Debatten werden zum Thema USA und Barack Obama. Doch ein Immobilien-Millionär mischte Anne Wills Talkrunde gehörig auf – mit einem obszönen Versprecher.

Foto: NDR/Wolfgang Borrs/NDR Presse und Information
Anne Will
Bei Anne Will (r.) ging es um die Folgen der US-Wahl - nicht immer so trocken, wie man es aus Polittalks so gewohnt ist

Die Zuschauer bei Anne Wills Talk-Runde zur US-Wahl sahen richtig rot. Sprichwörtlich, denn die Talkmasterin moderierte im roten Blazer und roten Shirt, daneben saß die Vize-Parteichefin der Linken, Sahra Wagenknecht, im roten Kleid und neben ihr hatte der Immobilienunternehmer Thomas Kramer mit roter Krawatte und roten Strümpfen Platz genommen.

"Ne sehr sympathisch durchgestylte Runde", kommentierte Kramer augenzwinkernd und lockerte das dort bereits festgefahrene Gespräch auf. Der deutsche Millionär arbeitet und lebt in Florida. In Berlin-Adlershof brachte er sprühendes Temperament in die ansonsten ernste Debatte zum Thema "Obamas zweite Chance - hat er sie verdient?".

Saugapfel der Chinesen

Viele Menschen auf der Welt hatten zuvor damit verbracht, die Wahl in den USA live zu verfolgen, Obamas Tweet zum Wahlsieg erreichte Rekordwerte. Doch wie ist die Wahl zu bewerten?

Für die Mehrheit diesseits des Atlantiks sind natürlich vor allem außenpolitische Entscheidungen der Wirtschaftsmacht von Interesse, insbesondere die Beziehungen mit Europa oder Deutschland. Vor allem wirtschafts- und finanzpolitische Fragen, die unmittelbare Auswirkungen auf unser System hätten.

Doch diese Punkte wurden bei Anne Will klammheimlich übergangen, um direkt über die marode Infrastruktur im US-Inland zu debattieren und über Mitt Romneys "Flip-Flop-Strategie", die zu dessen Wahlniederlage führte.

Der deutsche Millionär Kramer zum Beispiel referierte über die Gefahr des erneuten "Isolationismus" der USA oder sprach dem Land gar die zukünftige Weltmacht ab: "Wir reden über Romney und Obama, ob die Republikaner oder die Demokraten da ticki tacki tick - in Wirklichkeit geht die Welt im großen Saugapfel der Chinesen unter."

Größter Einbruch an der Börse

Oder wenn er den Twitter-Eintrag von Immobilien-Tycoon Donald Trump, die Wahl sei "ein Hohn und totaler Schwindel", abtat mit: "Der hat irgendwie die falschen Medikamente genommen, macht hier Reklame und verkauft damit seine Wohnungen", dann entkrampfte sich die Runde sichtlich.

Anne Will verlangte von ihren Gästen viel. Geradezu als Berater von Obama sollten diese auftreten, sämtliche Fallstricke durchschauen, am besten die am Boden liegende USA selbst wieder auf Kurs bringen. Und so wurde dann auch gesprochen: Fachchinesisch.

Aber zum Glück saß ja noch Kramer im Studio. Er hätte zwar den Republikaner Romney als Präsident vorgezogen, wie man erfuhr. Er glaube auch, dass Obama "bei seinen Lösungen etwas daneben greift" und deutete auf den "größten Einbruch der Börse" am Tag nach der Wahlentscheidung.

Obama - ein müder, ergrauter Mann?

Doch dann holte er aus zum Aufreger des Abends, nicht nur bei Anne Will, sondern auch auf Twitter. Kramer: "Mit diesem Phallussieg ..." Zweimal musste die Moderatorin nachfragen, die ihren Ohren nicht trauen wollte.

Worauf Kramer erklärte: "Ja, äh, ein Sieg mit diesem trojanischen Pferd oder so was." Gemeint war wohl ein Pyrrhussieg, doch Kramers Versprecher wendete die eisern geführte Debatte unerwartet und würzte sie mit einer Prise des dringend benötigten Humors.

Ganz anders Will, die Obama in einem Einspieler als müden, ergrauten Mann darstellen ließ. Wills Gäste schmetterten dieses Image jedoch ab, allen voran die Politikwissenschaftlerin Gesine Schwan (SPD): "Die Fotos sind sehr manipulativ. Jeder ist irgendwann mal müde." Auch Klaus Scherer, der langjährige ARD-Korrespondent in Washington, attestierte dem neuen alten Präsidenten: "Es werden große Schritte sein, die er gehen wird."

Scherer betonte weiterhin, wie viel Obama in den ersten vier Amtsjahren erreicht habe: Gesundheitsreform durchgeführt, Autoindustrie gerettet, Fall der Wirtschaft gestoppt, Bankenreform durchgebracht, Außenpolitik umgedreht, der Diplomatie wieder Vorrang gegeben und Allianzen mit Russland und China geschmiedet.

Schwan gibt die Mediatorin

Scherer, der fünf Jahre aus Washington berichtet hatte, analysierte das politische Thema ein bisschen von innen. Mit ihm verfügte Anne Will über einen großen Experten in der Runde. Leider zu groß, denn die vielen Namen, die er einstreute, sorgten eher für Verwirrung als Aufklärung.

Schwan, die auch Präsidentin der Humboldt-Viadrina School of Governance ist, stellte dagegen einmal mehr ihre Fähigkeit unter Beweis, Brücken zu bauen und komplizierte Zusammenhänge verständlich zu erklären. Dazu gehörte, dass sie den Zuschauern immer wieder die grundlegenden Unterschiede zwischen Deutschland und den USA aufzeigte.

Sahra Wagenknecht zeigte Erleichterung über Obamas Sieg, "weil die Alternative so finster gewesen wäre". Sie forderte die Einführung von Vermögenssteuer und Finanztransaktionssteuer in den USA. Das tat sie ganz in der Manier, wie sie ihre Anliegen auch in Deutschland verbringt: Klar, mit festem Blick und kerzengeradem Rücken, handfest und deutlich hörbar.

Selbst dem Immobilienspekulanten Kramer gefiel das, obwohl er Wagenknecht zwischendurch einmal zur "Kommunistin" degradierte: "Ich würde liebend gern mehr Steuern bezahlen, wenn ich dann auch mehr verdiene."

Das sagten die Gäste bei "Anne Will"

Klaus Scherer, ehemaliger

Korrespondent in Washington,

über Obama:

 

"Es werden große Schritte sein,

die er gehen wird."

Thomas Kramer,

Immobilienunternehmer:

 

"Der Sieg von Obama

war ein Phallussieg."

Gesine Schwan,

Politikwissenschaftlerin und Präsidentin

der Humboldt-Viadrina School of Governance:

 

"Obama ist kein Phrasendrescher. Seine Reden

waren keine Plattitüden. Er hat nicht zu schnell aufgegeben.

Die große Linie – für die zu sorgen, die

unten sitzen – hat er beibehalten.

Deshalb hat er eine zweite Chance verdient."

Sahra Wagenknecht,

Stellvertretende Partei- und Fraktionschefin Die Linke:

 

"Ich bin erleichtert über Obamas Sieg,

weil die Alternative so finster gewesen wäre."

Dominic Boeer,

Schauspieler und Politikberater:

 

"Wir dürfen nicht immer als Oberlehrer auftreten."

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