07.11.12

Suizid

Wie Tim Ribberink sein Leben an die Mobber verlor

Der Tod von Tim Ribberink und die Veröffentlichung seiner letzten Worte ist wie eine Schockwelle durch die Niederlande gegangen. In einer Andacht wurde an den 20-Jährigen erinnert.

Von Cordula Schmitz
Foto: AFP

In einer bewegenden Andacht nahmen rund 900 Menschen unter der Obhut von Pastor Marinus van de Berg (l.) in der Kirche von Tilligte von Mobbing-Opfer Tim Ribberink Abschied
In einer bewegenden Andacht nahmen rund 900 Menschen unter der Obhut von Pastor Marinus van de Berg (l.) in der Kirche von Tilligte von Mobbing-Opfer Tim Ribberink Abschied

"Liebe Mam, lieber Pap, Ich wurde mein ganzes Leben lang verspottet, gemobbt, gehänselt und ausgeschlossen. Ihr seid fantastisch. Ich hoffe, ihr seid nicht sauer. Bis bald, Tim". Diese letzten Worte eines 20-jährigen Studenten aus Tilligte schockieren zurzeit die Niederlande. Seine Eltern veröffentlichten sie vor wenigen Tagen in der Todesanzeige ihres Sohnes Tim Ribberink.

Von Mobbern in seinem Umfeld wurde er in den Tod gehetzt. Tim war ein ruhiger Junge, ging gerne mit seinem Jack-Russel-Terrier "Lucky" spazieren und hatte wenig Freunde. Von seinen Eltern Gerrit und Hetty wurde er geliebt. Doch das schützte ihn nicht vor der schrecklichen Erfahrung, die nun zu seinem Tod führte. Jahrelang scheint der Junge von Mitmenschen verbal beleidigt worden zu sein. Erst im vergangenen Jahr kam es im Internet zu Beschimpfungen. Er sei ein "Loser und Homo", wurde dort geschrieben. Natürlich anonym. Mittlerweile erstattete die Familie Anzeige gegen Unbekannt.

Das Ableben von Tim hat in seiner Heimat eine Diskussion um den Umgang mit Mobbing entfacht. Die Eltern des Jungen haben mittlerweile dazu aufgerufen, die Hänseleien und Quälereien entschiedener zu bekämpfen. "Dies darf nie wieder geschehen", appellierten sie in einer Erklärung, die im ost-niederländischen Denekamp verlesen wurde. "Wir wollen nicht mit dem Finger auf mögliche Täter zeigen. Wir wollen, dass die Mobber nachdenken und sich bewusst werden, welche Folgen ihr Handeln haben kann. Ein Kind das sich ausgeschlossen fühlt, soll sich nie wieder gezwungen sehen, diesen vermeintlich letzten Ausweg zu nehmen."

Bewegende Rede des Pastors bei Andacht

Ein Umstand, auf den auch Pastor Marinus van den Berg auf der Trauerfeier immer wieder hinweist. Die Andacht in der Simon und Judaskirche ist eine beeindruckende Anklage gegen Mobbing. "Mobben ist eine Form von Gewalt. Verleumdung eine ernsthafte Misshandlung, die zum Tod führen kann", sagte van den Berg in seiner Predigt vor den 900 Trauergästen in der Kirche. "Ohne das wir es wussten, führte Tim noch eine andere Art von Krieg. Und er verlor die Schlacht. In der Grundschule und auch in der Mittelschule. Immer stand er einsam und verlassen in einem Morast aus Beschimpfungen, der ihn tiefer und tiefer zog. Er war kein schwacher Junge. Aber die Mobber waren stärker", sagte van den Berg.

Wirklich gemerkt haben in seinem erweiterten Umfeld will niemand etwas gemerkt haben. Weder der Schulleiter, noch die Mitschüler an der pädagogischen Hochschule Windesheim in Zwolle, an der Tim studierte. Er selbst sagte nach den Attacken in seiner früheren Schule zu seinen Eltern noch, er sei stärker dadurch geworden. Aber im Laufe der Zeit wurden der unbegründete Hass wohl letztlich zu viel für ihn.

"Die Umwelt nimmt die Signale meistens nicht wahr", sagt Mobbing-Experte Bob van der Meer. Zehn Prozent der niederländischen Kinder und Jugendlichen würden gemobbt. "Pesten" nennen die Niederländer das treffend: Mit Worten werden die Opfer verseucht und können sich oft nicht dagegen wehren. "Aber man kann etwas tun", sagt van der Meer. Seit 2006 müssen Schulen ein Mobbing-Protokoll führen. Zu wenig, sagt er.

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