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03.06.09

Air-France-Katastrophe

Experte beklagt absurde Zustände im Cockpit

Der Luftfahrtexperte Tim Van Beveren beschäftigt sich seit mehr als 20 Jahren Flugzeugunglücken. Er glaubt, man hätte die Air-France-Maschine vor Brasilien viel früher finden können, wenn moderne Technologie vernünftiger eingesetzt worden wäre. Morgenpost Online erklärt er, was im Cockpit abgeht.

AFP

Die Teile können im besten Falle noch Aufschluss über die Absturzursache und das Geschehen an Bord geben.

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Morgenpost Online: Was glauben Sie, was die Ursache für den Absturz der Air-France-Maschine gewesen sein könnte?

Tim Van Beveren: Es ist noch viel zu früh für die Festlegung von Ursachen. Wahrscheinlich handelt es sich, wie so oft, um eine Verkettung unglücklicher Umstände.

Man kann allerdings jetzt schon die Informationen interpretieren, die uns derzeit Air France bröckchenweise präsentiert. Zum Beispiel, dass es jetzt eine Meldung gibt, wonach auch die Staudruckrohre vereist waren. Wenn diese Sensoren nicht richtig arbeiten, hat das Auswirkungen auf die Steuerungs-Computer beim A330 und auch die Piloten erhalten falsche oder gar keine Informationen mehr über ihre Höhe und Geschwindigkeit.

Oder der Stromausfall. Daraus wurde nach neuesten Meldungen ein völliger Stromausfall aller elektrischen Systeme.

Oder die Meldung, dass es einen Druckabfall gegeben hat. Bei einem Druckabfall muss es irgendwo ein Loch in der Maschine gegeben haben. Das alles lässt darauf schließen, dass die Maschine nicht nur einmal von einem Blitz getroffen wurde, wie das Air France gleich nach dem Unglück darstellte. Das deutet schon auf eine Vielzahl möglicher anderer Szenarien hin.

Morgenpost Online: Gab es denn schon einmal einen ähnlichen Fall wie diesen?

Van Beveren: Durchaus, beispielsweise auf den Azoren im Jahr 2001. Damals fielen bei einem baugleichen A 330 auf dem Weg über dem Atlantik plötzlich beide und damit alle verfügbaren Triebwerke aus. Die Maschine flog dann 19 Minuten im Segelflug mit einer stockdunklen Kabine die Azoren an und konnte sicher landen.

Die Unfalluntersucher waren ziemlich frustriert als sie feststellten, dass es auf dem Flugdatenschreiber aber über 21 Minuten keinerlei Daten gab. Der Strom war ausgefallen. Es stellte sich dann heraus, dass sich eine Treibstoffleitung am Triebwerk gelöst hatte und durch dieses Loch in nur 13 Minuten der Sprit ausgelaufen ist. Weil die Triebwerke stehen blieben, gab es dann auch keinen Strom und somit auch keine Aufzeichnungen mehr. Das sollte nicht so sein. Ich hoffe aber, dass Airbus dieses Problem mit der Stromversorgung der Datenschreiben inzwischen behoben hat. Sonst könnten es nämlich auch bei AF 447 keine Daten geben.

Morgenpost Online: Wieso hat es so lange gedauert, bis die Unglückstelle der Air-France-Maschine identifiziert war?

Van Beveren: Über dem Atlantik gibt es keine Radar-Überwachung. Das heißt der Airbus muss wie jedes andere Flugzeug, das diese Route fliegt, alle 30 Minuten einen sogenannten Positionreport funken. Das erfolgt durch die Meldung der Position als Längen- und Breitengrad und die Flughöhe. Aber das passiert mit analoger Technik, die schon im Zweiten Weltkrieg verwendet wurde und dementsprechend schlecht ist.

Ich hab das selbst ein paar Mal erlebt. Man brüllt sich dabei die Lunge aus dem Hals und versucht dann mit "Santa Maria Oceanic Control" einen Fluglotsen anzufunken, um ihm die Position des Flugzeugs durchzugeben. Derweil können die Businessclasspassagiere bequem und kristallklar über das Satellitentelefon mit Zuhause telefonieren. Irgendwie absurd, oder?

Morgenpost Online: Hätte denn jemand aus dem Flugzeug früher mit dem Handy die Katastrophe melden können?

Van Beveren: Ich weiß nicht, ob der Airbus von Air France schon mit der neuen Technik ausgerüstet ist. Aus anderen Maschinen kann man mit dem Handy raustelefonieren. Angeblich sollen in Brasilien SMS von Leuten an Bord empfangen worden sein. Die sind aber nie verifiziert worden. Jedenfalls müssen die Piloten im Cockpit auch weiterhin ihre Positionreports wie vor 50 Jahren durchgeben. Das ist bedenklich, dass wir im Jahr 2009 so einen veralteten Datentransfer nutzen.

Morgenpost Online: Diese Ausstattung hätte einen Absturz aber nicht verhindern können, oder?

Van Beveren: Nein, aber ich kann zumindest sicherstellen, dass die Daten gesichert werden, um den Unfall zu untersuchen. Das muss man sich mal vorstellen: Das Flugzeug war 38 Stunden verschwunden, ohne jede Meldung. Als die Maschine rechnerisch keinen Sprit mehr hatte, wusste man, dass sie abgestürzt sein muss. Aber keiner wusste wo. Die einen haben vor Westafrika gesucht, die anderen vor Brasilien. Die Suchmannschaften mussten dann erst die geplante Route abfliegen. Das ist doch ein bisschen antiquiert. Dabei gibt es heute schon technisch viele Möglichkeiten, mit denen man innerhalb kurzer Zeit feststellen könnte, wo sich ein in Not geratenes Flugzeug befindet.

Morgenpost Online: Wird man denn ihrer Meinung nach überhaupt diesen Unfall jemals aufklären können?

Van Beveren: Das hängt sehr davon ab, wie viel Glück die Suchmannschaften haben, die Flugschreiber zu finden. Das ist kein Pappenstiel, die aus 4000 Metern raufzuholen. Die Unfalluntersucher brauchen jetzt alle Informationen um eben die möglichen Ursachen der Katastrophe einzugrenzen und den Ablauf zu rekonstruieren. Nur so können Lehren gezogen werden, um die Wiederholung einer solchen Katastrophe in Zukunft zu vermeiden.

Außerdem ist es für die Angehörigen unglaublich wichtig zu wissen, was passiert ist. Diese Menschen werden extrem belastet, weil sie in der Regel nichts haben, was sie beerdigen können. Sie können keinen Abschied nehmen, was für die Trauerarbeit und die eigene Bewältigung sehr wichtig wäre. Das macht Flugzeug-Unfälle über dem Meer ja gerade so furchtbar, besonders wenn die Toten nicht geborgen werden können. Es ist aus psychologischer Sicht für die Angehörigen fundamental wichtig, dass alle Anstrengungen unternommen werden, um die Katastrophe möglichst aufzuklären und ich hoffe, dass Air France, Airbus und die französische Regierung dieser Verantwortung auch gerecht werden.

Morgenpost Online: Was werden Suchmannschaften denn vorfinden, wenn sie an der Unglücksstelle ankommen?

Van Beveren: Sie müssen sich vorstellen, Wasser ist, wenn man auf die Oberfläche mit hoher Geschwindigkeit aufschlägt, so hart wie Beton. Das ist so, wie wenn ich mit dem Auto gegen eine Wand fahre. Wasser gibt nicht nach. Das Flugzeug ist überwiegend aus Kunststoff gebaut und zerbricht dabei natürlich in viele Teile. Bei ähnlichen Flugzeugabstürzen wie damals von Swiss Air 1998 wurden nur noch Bruchstücke gefunden. Viele waren so groß wie Zwei-Euro-Stücke. Und dieses Puzzle mussten die Untersucher mühsam zusammensetzen. Das hat mehrere Jahre gedauert. Und solange hatten die Angehörigen auch keine Antworten auf ihre Fragen.

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