25.10.12

TV-Dokumentation

Der Guru, das Karma und der Schmerz der Kinder

Keine Spielsachen, keine Freizeit, keine Freunde – wenn sich Eltern entscheiden, in eine Sekte einzutreten, haben ihre Kinder keine Wahl. Eine WDR-Doku begleitet eine solche Familie in ihrem Alltag.

Foto: WDR

Die Filmemacherin Beate Greindl hat den Alltag von Kindern in einer Sekte dokumentiert. In der „Neuen Gruppe der Weltdiener“ hat ...

3 Bilder

Ein schönes Leben ist das: Sich den ganzen Tag die Sonne auf die pralle Plauze scheinen lassen, allerlei Kulinaria von einem auf die Knie fallenden Lakaien entgegenzunehmen und stets liquide zu sein – so ganz ohne arbeiten zu müssen. Doch was wie ein Märchen aus 1001 Nacht klingt, bei dem der dicke Sultan am Ende geläutert seine Untertanen um Verzeihung bittet, hat in der Wirklichkeit der "neuen Gruppe der Weltdiener" so gar nichts Märchenhaftes an sich.

Irgendwo in Franken: Gerhard Lebok ist dieser braungebrannte, rauschebärtige Sultan mit schwäbischem Akzent. Der Mitfünfziger nennt sich selbst Meister und hat seine "Jünger" fest im Griff. So auch Bärbel und Peter und deren Kinder Maria (7), Michael (13) und Johannes (11).

Die Eltern haben sich vor zehn Jahren entschieden, der Sekte der "neuen Gruppe der Weltdiener" beizutreten. Ihre drei Kinder hatten keine Wahl. Maria alias Radha ist sieben Jahre alt. Sie hat nie ein Leben außerhalb der Sekte kennen gelernt.

Beate Greindl hat für ihre Dokumentation "Sektenkinder – Zum Dienen geboren" den Guru und die Familie in ihren privaten Räumen besucht. Erstaunlich offen sprechen – zumindest die Erwachsenen – über ihr Leben, ihren Alltag und ihre Überzeugungen. Die Kinder sagen das, was die Erwachsenen ihnen vorgegeben zu haben scheinen. Alleine darf die Filmemacherin mit den Dreien nie sprechen.

Entsagung materiellen Besitzes

Gelbe Häkelmütze, gelbes Halstuch, gelbes T-Shirt, gelbe Leinenhose – zuhause trägt die fünfköpfige Familie eine Art Uniform. Uneitel wollen sie sein, deshalb muss Maria auch ihr Haar kurz geschoren tragen.

Die Mitschüler? Sie lachen und verspotten die drei Sonderlinge.

Lebok, einst Vertreter für Tiefkühlkost, trägt der Familie auf, was sie zu tun hat: Dem materiellen Besitz entsagen, rund um die Uhr arbeiten und meditieren, fasten und ihm stets dienen. Dies gelte für alle. Denn laut der Sekte leben auch in Kinderkörpern erwachsene Seelen. Die Konsequenz: Den Kindern kann man all das zumuten, was Erwachsene auch tun. Maria, Michael und Johannes haben keine Spielsachen, dürfen keine Süßigkeiten essen, nehmen an keinen Schulveranstaltungen und Festen teil, haben keine Freunde und kaum Freizeit.

Greindl unterlegt die Bilder mit einem meinungsstarken Off-Kommentar. Die Autorin macht keinen Hehl daraus, dass ihr der Guru, wie sie ihn konsequent nennt, mehr als Scharlatan denn als geistiges Oberhaupt vorkommt, der seinen Jüngern schamlos das Geld aus der Tasche zieht und durch radikale Vorgaben das Leben seiner ihm treu Ergebenen aufs Spiel setzt.

Krank sein fürs Karma

Peter war in seinem früheren Leben Software-Entwickler, Bärbel Gymnasiallehrerin, gebildete Menschen also, könnte man meinen. Doch beide haben ihre Berufe aufgegeben. Den Sektenmitgliedern ist es untersagt, Hartz IV zu beziehen.

Bärbel und Peter leben daher lediglich vom Kindergeld, wohnen in einem Abbruchhaus – ohne fließend Wasser, ohne Dusche, ohne Heizung. Die beiden haben ihr ganzes Geld dem Meister gegeben, kaufen sogar für ihn ein und nehmen devot das von ihm entgegen, was er ihnen an Nahrungsmittel oder Klopapier übrig lässt.

Zwar kommt Greindl den Sektenmitgliedern sehr nahe, doch bleiben auch nach 45 Minuten noch viele Fragen offen: Wie viele Sektenmitglieder der "neuen Gruppe der Weltdiener" folgen dem Guru eigentlich? Wann und wo entstand die Sekte? Was bewog das einst bürgerliche Paar Bärbel und Peter, der "neuen Gruppe der Weltdiener" einzutreten? Was treibt zwei Menschen dazu, dem eigenen Nachwuchs die Kindheit zu rauben?

Stattdessen konzentriert sich die Filmemacherin darauf, den Schrecken und die Qualen eines fremdbestimmten Lebens aus erster Hand zu beschreiben. Lange recherchieren musste Greindl dafür nicht. Dass das Leben bei der "Gruppe der Weltdiener" alles andere als erfüllend sein kann, davon erzählen Konrad, Barbara und Kilian bereitwillig.

Sie sind die Kinder von Susanna, der Frau an des Meisters Seite. Susanna hat in der Doku nur einen kurzen Auftritt. Sie weint und hat Schmerzen in den Beinen, kann kaum noch gehen. Doch eine ärztliche Behandlung lehnt die Sekte grundsätzlich ab. Noch dazu ist keines der Mitglieder krankenversichert.

"Krankheiten können das Karma reinigen", sagt Gerhard der Guru und lächelt wie so oft milde in die Kamera.

Das Jugendamt schaut weg

Dass der Sohn seiner Lebensgefährtin Susanna an Mukoviszidose erkrankt ist und durch das bornierte Verhalten des Sektenführers beinahe stirbt, interessiert Lebok wenig. Kilian, damals zwölf, nahm in sechs Monaten 20 Kilo ab, wog am Ende nur noch 30 Kilo, konnte nicht mehr aufstehen, bekam keine Luft mehr.

Heute, Jahre nach seiner Flucht aus der Sekte zu seinem leiblichen Vater, braucht Kilian eine neue Lunge. Jahrelange Unterernährung, fehlende ärztliche Versorgung und Medikation haben die Zerstörung seiner Lunge beschleunigt. "Gerhard Lebok ist das Allerletzte für mich", kommentiert Kilians Schwester sichtlich traumatisiert und bringt den vielleicht noch größeren Skandal auf den Punkt: "Die Behörden in Erlangen sind verloren." Das Jugendamt hätte versagt.

Bis heute will das Jugendamt keinen Kommentar darüber abgeben, warum es auch auf Bitten des Schuldirektors und eines Lehrers damals nicht eingegriffen hat und es auch jetzt bei Maria, Michael und Johannes nicht tut .

Wie weit geht das Elternrecht? Wo fangen die Rechte der Kinder an? Und wann ist das Kindeswohl gefährdet? Diese Frage wirft Greindl zurecht in ihrer Dokumentation immer wieder auf. Laut offiziellen Schätzungen gibt es in Deutschland etwa 200.000 Sektenkinder. Die Dunkelziffer dürfte wohl um einiges höher sein. Ein Happyend wie im Märchen gibt es für die Kinder in den seltensten Fällen. Es sei denn eine noch größere Macht als der Meister würde eingreifen: die Behörden.

"Sektenkinder – zum Dienen geboren", Reihe "Menschen hautnah", WDR, Donnerstag, 25. Oktober, 22.30 Uhr

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