Drama "Herbstkind"
Wenn aus Frauen ungewollt Rabenmütter werden
Postnatale Depression nennt man die seelische Erkrankung, wenn Frauen nach einer Geburt sich selbst und ihrem Kind fremd fühlen. Dem wenig bekannten Thema hat sich der ARD-Film "Herbstkind" angenommen.
Der Morgennebel verheißt nichts Gutes. Doch die schwangere Frau (Katharina Wackernagel) lacht und sagt: "Der Wetterbericht hat Sonne angesagt." Als sie wenig später mit ihrem Ehemann in der idyllischen Umgebung ihres bayerischen Dorfs auf einen Berg wandert, blickt sie in den Abgrund. "Wenn man da runter fällt, findet einen keiner", sinniert sie.
Er (Felix Klare) aber erklärt, "ich würd" dich finden". So beginnt Petra K. Wagners berührendes ARD-Drama "Herbstkind". Das mit Ariela Bogenberger verfasste Drehbuch der angesehenen Regisseurin und Autorin nimmt hier vorweg, worum es in der Bavaria-Produktion für den Bayerischen Rundfunk geht: um das psychische Fallen einer jungen Frau nach ihrer ersten Geburt – um postnatale Depression.
Noch immer ist das Thema relativ wenig im öffentlichen Bewusstsein. Doch sollen nach Schätzungen bis zu einem Viertel aller Erstgebärenden davon betroffen sein. Es handelt sich nur in leichten Fällen um den bekannteren "Babyblues", eine hormonell bedingte Verstimmung, die nach ein paar Stunden oder Tagen von allein wieder verschwindet.
Depression im Wochenbett ist eine schlimme Krankheit. Die kann vielfältige Ursachen haben und muss behandelt werden – mit Gesprächstherapie und Medikamenten, aber auch mit Hilfe von Familie und Freunden. Innere Leere und tiefe Traurigkeit, Angst- , Schuld- und Versagensgefühle, sexuelle Unlust und Suizidgedanken sind einige Merkmale. Vor allem aber bleibt den Frauen das eigene Kind fremd: Sie können es nicht lieben.
Schnell als Rabenmütte abgekanzelt
Nebel oder auch kaltes Herbstlicht überziehen fast die gesamten 90 Filmminuten lang die bodenständige Umgebung der Hauptfigur Emilia. Die hat selbst als Hebamme begeistert viele Kinder anderer Mütter auf die Welt geholt. Jetzt sieht sie alles wie durch einen Schleier. Dazu hämmert stumpf Musik. Die unsentimental und sehr wahrhaftig spielende Wackernagel (34, "Bloch", "Contergan") darf ein Spektrum an Symptomen zeigen – sie entfremdet sich von ihrem Mann, schmeißt im Wutanfall alle Utensilien vom Wickeltisch, hat übertriebene Angst um ihr Kind, das sie dann wieder einfach schreien lässt, will sich vor einen Zug werfen. In Nebenhandlungen greift "Herbstkind" zudem zwei zeittypische Fälle von jungen Singles auf, die ungewollt Mutter werden – und andere Entwicklungen nehmen.
So erteilt die 1958 geborene Wagner ("Sprinter – Haltlos in die Nacht") dem Zuschauer, eingebettet in formatgerechte Fernsehunterhaltung, quasi eine Lektion zu einem gern verdrängten Thema. Allzu leicht macht es sich eben, wer an automatisches Mutterglück glaubt oder diese Frauen als Rabenmütter abkanzelt.
Soziales Umfeld kann helfen
Was das soziale Umfeld tun kann, um eine Depressive zu stützen, demonstriert in bayerischer Mundart eine Riege renommierter Schauspieler – Klare als sensibler Musiker-Ehemann, der Windeln wechselt, Monika Baumgartner als Nachbarbäuerin, die Kühe füttert, Holz hackt und fünf Kinder groß zieht, Lena Stolze als verständnisvolle Ersatzhebamme und auch Heinz Hoenig als so begeisterter wie ungeschickter Neu-Opa, der dem Säugling ein Trikot in den Farben des Vereins schenkt.
Herbstkind, 24.10., ARD, 20.15 Uhr


















