16.10.12

ARD-Dokumentation

Die Ohnmacht des Staates gegenüber den Rockern

Rotlicht, Rosen, Razzien – und falsche Beschuldigungen: wie eine ARD-Dokumentation selbst im Sumpf des "Machtkampfs der Rocker" versinkt.

Foto: DAPD
Gewerkschaft der Polizei aeussert sich zu Rockerbanden-Verbot
Mitglieder des Motorclubs Hells Angels treffen sich Frankfurt am Main zu einer Motorradrundfahrt

Am Anfang regnet es Blüten auf Ingo Dura. Der Chef des Reutlinger "Charters", des Ortsverbandes der Hells Angels, heiratet in seiner Heimatstadt, kirchlich, und, so soll es scheinen, geradezu spießig. Gita Ekberg, die bereits zwei Dokumentationen zum Thema vorgelegt hat, weiß genau, warum sie so einsteigt in ihren neuen Film über die Machenschaften der Gangs und den Rückschlag eines sich als stark gerierenden Staates. Vorne die breitschultrigen Schränke in ihren Lederkutten, hinten das Kirchenportal, mittendrin Dura, seine Frau Ulrike und ein Meer aus Rosen: Es ist ein starkes Bild in einem Film, der nicht allzu viele starke Bilder hat.

Denn in dem nicht enden wollenden Konflikt der Höllenengel und der rivalisierenden Bandidos miteinander und mit dem Gesetz spielt sich vieles hinter verschlossenen Türen ab. Das liegt nicht nur an dem berüchtigten Schweigekodex, der dafür verantwortlich ist, dass sich viele Rocker gegenüber Staat und Medien häufig eher unkooperativ verhalten.

Sondern auch an dem selbst geschaffenen Zwielicht, in dem die Motorradgangs operieren. "Bei uns ist noch ein Mann ein Mann. Ein Wort ein Wort. Die übrige Gesellschaft besteht doch aus Lug und Trug" – so romantisiert Dura seine Bruderschaft. Dieter Schneider vom LKA Baden-Württemberg formuliert das Ganze ein wenig anders.

Für ihn ist klar, dass die Rocker die staatliche Autorität infrage stellen. Ein Leben nach eigenen Gesetzen, als Outlaw eben, im wahrsten Sinne des Wortes.

Ein Rocker schlug den Staatsanwalt nieder

Es gehört zur neueren Geschichte der Rockergangs, so beschreibt es Ekberg, dass ein Mitglied aus Duras Charter, das wegen versuchten Totschlags angeklagt war, sich für verhandlungsunfähig erklären ließ. Der Staatsanwalt ließ den Mann trotzdem von der Polizei in den Gerichtssaal holen und wurde dort von ihm niedergeschlagen.

Die Erlebnisse von Ute Johannsen gehören zur neueren Geschichte der Rockergangs: Die Gastwirtin aus Flensburg wurde gezwungen, ihren Irish Pub zu horrenden Honoraren von viel zu vielen Türstehern aus dem Kreise der örtlichen Hells Angels beschützen zu lassen.

Und es gehört auch zur neueren Geschichte der Rockergangs, dass im Juni der Berliner Hells Angel André Sommer ein Attentat nur knapp überlebte und nicht lange darauf zwei Bandidos in der Hauptstadt niedergestreckt wurden. Nach einer Schießerei vor deren Clubhaus in Wedding fand man DNA-Spuren, die mit Material aus dem letzten Versteck der Neonazi-Terrorgruppe NSU übereinstimmten.

Ermittlungen im Nebel

Aber schon dort beginnt die neblige Grauzone, in der sich die Banden so wohlfühlen. Von welcher Vereinigung stammten Spuren? Welche Zusammenarbeit bestand überhaupt – eine rein geschäftliche, oder gibt es auch Überschneidungen auf ideologischer Ebene? Braune Rocker sind Einzelfälle, meinen jedenfalls die Behörden.

Dann die Sache mit den Kronzeugen: In Kiel belastete ein Aussteiger vor Gericht Frank Hanebuth, seinerzeit Chef des mittlerweile aufgelösten, ehemals größten Charters Europas in Hannover, äußerst schwer: Hanebuth habe die "Beseitigung" eines Mannes in Auftrag gegeben, der Tote sei ins Fundament einer Halle einbetoniert worden. Die Polizei nahm den Beton auseinander und fand – nichts.

Bisweilen verliert Gita Ekberg sich ein wenig im Strom der kleinen Delikte und großen Verbrechen, zwischen Schutzgelderpressung und versuchtem Mord, zwischen Belegtem und Vermutungen. Es scheint, als habe sie mit ihrer Dokumentation manchmal eine umfassende, komplette Geschichte der Aktivitäten der Hells Angels und Bandidos in Deutschland verfassen wollen – und manchmal nur ein neues Kapitel dieser Geschichte.

Die GSG9 hinterlässt ein Bild der Verwüstung

Das neueste Kapitel jedenfalls würde auch vom entschlossenen und im Einzelfall gar seltsam brutal anmutenden Rückschlag des Staates erzählen. Die GSG9 stürmte einen Clubraum der Bandidos unter Einsatz einer Blendgranate. Als ein Rocker die Autorin durch das führt, was von den Räumlichkeiten übrig ist, bietet sich dem Zuschauer ein Bild der Verwüstung, das es tatsächlich schwer macht zu glauben, hier sei es ausschließlich darum gegangen, Verstecktes aufzufinden.

Im Rahmen einer groß angelegten Razzia in Norddeutschland war die Spezialeinheit zuvor schon in das Haus von Frank Hanebuth eingedrungen und hatte seinen Hund erschossen. Hanebuths Anwalt Götz von Fromberg bezeichnete den Einsatz seinerzeit als "sehr massiv und unverhältnismäßig". (Quelle des Zitats: dpa)

"Wenn die GSG9 Zeit hat, sind wir natürlich dankbar", sagt Christian Steiof vom LKA Berlin dazu. Ob man mit dieser forschen Vorgehensweise wohl ein Zeichen habe setzen wollen? Steiof winkt ab: "Reine Pragmatik", sagt er – und kann sich ein Grinsen dabei schwer verkneifen.

Dennoch wird Ekbergs Arbeit auch mit der dritten Sendung nicht abgeschlossen sein: Zehn Charter wurden in der jüngeren Vergangenheit verboten, elf lösten sich in vorauseilendem Gehorsam auf – und zwölf wurden unter anderem Namen neu gegründet.

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