11.10.12

Thriller "Savages"

Mit der Kettensäge quer durchs Paradies

Viel Oliver Stone, etwas Quentin Tarantino: In dem Drogen-Thriller "Savages" wehren sich kalifornische Marihuana-Anbauer gegen das mexikanische Drogenkartell. Ein gewalttätiger, fiebriger Flow.

Quelle: Die Welt
12.10.12 3:19 min.
"Welt"-Kinokritiker Hanns-Georg Rodek findet: Was Oliver Stone mit seinem neuen Film "Savages" auf die Leinwand zaubert, ist weitaus mehr, als nur eine messerscharfe Gesellschaftskritik.

Recht überlegt, existieren eigentlich drei Oliver Stones: der Geschichtsrevisionist von "JFK" und "Nixon", der Chronist der Leiden des amerikanischen Kleinen Mannes von "Platoon" und "Geboren am 4. Juli" – und der Halluzinator von Blut und Sex aus "Natural Born Killers" und "U-Turn".

Nicht zufällig sind all diese Filme fünfzehn Jahre alt oder älter, danach hatte Stone zwischen Fidel Castro, George W. Bush und Alexander dem Großen seinen Weg verloren. Doch "Savages" ist eine Neugeburt, ein Geschöpf aus Genre und Gesellschaftsanalyse, brutal und träumerisch, viel Stone, ein bisschen Tarantino.

Es geht um "Savages", um "Wilde". Die Definition, wer das ist, hängt vom Definierenden ab. Für Ben und Chon (Aaron Taylor-Johnson und Taylor Kitsch), die jungen Kalifornier, die einen lukrativen Marihuana-Handel aufgezogen haben, sind die Mexikaner vom Drogenkartell Wilde, die als Drohung auch mal ein Video mit abgesägten Köpfen verschicken.

Ein Video mit abgesägten Köpfen

Für die Mexikaner sind es Gringos wie Ben und Chon, die ohne Sinn für Tradition, Familie und Ehre ihren Geschäften nachgehen und sich ganz ohne Eifersucht auch noch eine Frau teilen.

"Savages" ist, und das mochten einige Zuschauer und Kritiker in Amerika nicht, ein Film der Verunsicherung. In ihm findet scheinbar eine Schlacht zwischen Gut und Böse statt, allein – jeder darin ist böse, sieht man genauer hin.

Salma Hayeks Kartellchefin Elena ist skrupellos, obwohl ihre mütterliche Seite sich nach der Tochter sehnt, die sich von ihr losgesagt hat; ihr Henkersknecht Lado (Benicio del Toro), der Leiche über Leiche verursacht, qualifiziert sich als das lupenreinste Böse, dessen die Leinwand seit langem angesichtig wurde, eine Art komischer Zwilling von Javier Bardems humorlosem Killer aus "No Country for Old Men".

Benicio del Toro, so böse wie Javier Bardem

Doch was ist mit den "Guten"? Ben und Chon leben in einem Traumhaus auf einer Klippe in Laguna Beach, "wo Gott am siebenten Tag geparkt hat, bevor er am achten abgeschleppt wurde", wie es in Don Winslows gleichnamigen Roman heißt.

Vor vierzig Jahren wären sie Hippies gewesen, hätten Marihuana geraucht und viele Frauen geteilt. Jetzt sind sie Unternehmer, veredeln und vertreiben das Marihuana und teilen sich eine Frau. Sie verkörpern sozusagen in personae die Perversion des Hippie-Gedankens durch den Kapitalismus, halten sich aber unverdrossen für die Guten.

Ben ist Pazifist, eine Art Bono des Cannabis, der seine Profite in Laptops und Solarzellen für Afrika investiert. Doch dann schickt ihm das Kartell das Sägevideo mit der Aufforderung, sein blühendes Geschäft unter seine Verwaltung zu stellen. "Das Kartell ist Wal-Mart", klärt ein Kumpel die beiden Boys auf, "und euch wollen sie für die Spezialitätentheke."

Ben durchläuft eine brutale Erziehung

Es gibt kaum einen anderen Film, der die Mechanismen des Kettensägenkapitalismus derart bloß legt, und sind sie nicht willig, gebraucht er Gewalt. Ben durchläuft eine education brutale, vom Hippie über den Entrepreneur und Weltverbesserer bis zur unwilligen Bestie.

Stone wäre nicht Stone, würde er diesen Plot mechanistisch abfilmen. Seine "Savages" sind stilisiert und gewalttätig, verträumt und halluzinatorisch, und ihnen wohnt sowohl eine gemeine Ader als auch makabrer Humor inne. Vor dreißig Jahren schrieb Stone der drogendealenden Titelfigur "Scarface" die Maxime ins Drehbuch, Händler dürften sich nie am eigenen Stoff benebeln.

Hier fällt Stone ein bisschen in die Falle, zeigt sich verliebt in die Gewalt um ihrer Selbst Willen – aber trotzdem: "Savages" wirkt wie ein zweistündiger, fiebriger Flow, in dem disparate Stilelemente sich in Euphorie vermengen, und wer sich darüber beklagt, die hässliche Fratze des Drogenhandels und das liebliche Blau von Laguna Beach passten nicht zueinander, verkennt die Gegebenheiten: Beide sind aufs Engste verzahnt.

Verliebt in die Gewalt um ihrer selbst

Vielleicht ist "Savages" auch deshalb schwer zu schlucken, weil Stone uns den kinohandelsüblichen Identifikationsteppich unter den Füßen wegzieht. Oh ja, Salma Hayek ist komplett amoralisch, aber zugleich die coolste Böse Hexe, die seit dem "Zauberer von Oz" ihr Unwesen trieb. Und aus Benicio del Toro trieft das Böse geradezu, aber wir bewundern ihn heimlich, weil er in dem Dickicht von Intrigen als einziger den Überblick behält.

Ben hingegen ist letztlich ein Waschlappen, der unter Druck seine Prinzipien verrät, und Chon hat schon immer gesagt, dass man die Kampfesregeln aus Afghanistan auch an der idyllischen Westküste anwenden sollte.

Beider Geliebte O wiederum – kurz für Ophelia –, der Buch wie Film die Erzählerstimme zuweisen, ist eben eine von den seichten Blonden Kaliforniens, und selbst als das Kartell sie entführt, treten bei ihr keine verborgenen Qualitäten zutage.

Bens und Chons Geliebte ist Strandtrash

Sie ist Strandtrash, und warum Ben und Chon sich ihretwegen mit dem Kartell anlegen, leuchtet nicht auf den ersten Blick ein. Vielleicht, um sich zu beweisen, dass ihnen noch etwas anderes wichtig sein kann als sie selbst und der Buddy.

Nein, zur Identifikation taugt keiner so Recht, und wir haben noch gar nicht von John Travolta gesprochen, dem Drogenbekämpfer von der Regierung, der mit allen Geschäften macht, dem Kartell, den Grasanbauern und den Behörden. Travolta ist großartig in seinem korrupten Opportunismus, aber auch er verdient kein Mitgefühl, selbst wenn er jammert, seine Frau sterbe an Krebs.

Irgendwann kulminiert alles in einer Schießerei in der Wüste, ähnlich arrangiert wie der Shootout von Clint Eastwood, Eli Wallach und Lee van Cleef in "Zwei glorreiche Halunken". Danach blendet der Film ab und man erwartet das Wort "Ende".

Oliver Stone hat zwei Enden auf Lager

Statt aufzustehen erinnere man sich jetzt an den Anfang vor zwei Stunden, als O die rätselhaften Worte sprach, man solle ihr Überleben nicht allein deshalb für garantiert halten, weil sie als Erzählerin fungiere.

Oliver Stone hat noch ein zweites Ende auf Lager, was einige Leute furchtbar aufgebracht hat, weil sie sich ein weiteres, ein letztes Mal um die Gewissheit von Gut und Böse, Anfang und Ende betrogen sahen.

Doch diese postmoderne Coda, die Genre durch Realität konterkariert, bestätigt nur, wie gut Stone die Fäden in der Hand gehalten hat; "Savages" wirkt wie ein Musikstück, von einem Virtuosen mal klassisch, mal poppig, mal jazzig interpretiert. Einen so spielerischen und gleichzeitig so analytischen Film aus Hollywood haben wir seit langem nicht gesehen.

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