27.09.12

Kino

Deutsche, seid doch stolz auf eure Volksmusik!

Ein neuseeländischer Musiker reist in "Sound of Heimat" durch Deutschland – und findet in Kneipen und auf Festivals richtig coole Folklore jenseits der Musikantenstadl.

Von Michael Pilz
Quelle: 3Rosen Filmverleih
21.09.12 3:38 min.
Der schottisch-neuseeländische Musiker Hayden Chisholm bereist die Bundesrepublik, informiert sich über Urgesteine der deutschen Volksmusik und räumt mit altbekannten Klischees der Musikkultur auf.

"Wenn alle Brünnlein fließen", singt der Leipziger Gewandhaus-Chor im Film. Man macht es sich bequem im Dunkeln und im Rücken des beseelten Dirigenten auf der Leinwand. Plötzlich wendet sich der Chorleiter dem Kinosaal zu und spricht einen an. Er möchte, dass man in das schöne alte Volkslied einstimmt. Zur Erinnerung lässt er den Text einblenden wie beim Karaoke. Niemand singt, dafür wird im Gestühl verschämt gekichert.

So fängt "Sound Of Heimat" an, ein Roadmovie zur Dokumentation der deutschen Volksmusik. Die Ausgangsthese ist bekannt von neobürgerlichen Gartenfesten und aus Eltern-Kind-Gruppen: Die Deutschen haben auch als gute Menschen keine Lieder mehr, sie haben sie vergessen, und sie haben ihren Folk dem Musikantenstadl überlassen.

Die guten Deutschen haben wieder Lieder

Auf der Suche nach den Überresten lassen sich die Regisseure Jan Tengeler und Arne Birkenstock auch nicht vom lustigsten Gstanzl ihre Wehmut nehmen. Auch sie brauchen unbefangenen Beistand. Schon den Heimatfilm "Full Metal Village" über das Musikdorf Wacken konnte so nur Cho Sung-hyung drehen als Koreanerin. Durch "Sound Of Heimat" staunt sich – als eine Mischung aus Moderator, Hauptdarsteller und Rechercheur – Hayden Chisholm.

Ein Neuseeländer, der als Saxofonist in Köln, im Jazz und in der Avantgarde zu Hause ist, sich aber auch gern unter fremde Völker mischt, um deren Bräuche zu studieren. Chisholm stellt sich zwischen Wald und Wiesen, inhaliert die Landluft und stößt traurig in sein Horn.

Er sagt: "Dieselben Deutschen, die feuchte Augen bekommen, wenn ein alter Indio zum 1000. Mal 'El cóndor pasa' in seine Panflöte bläst, kriegen Pickel, wenn man sie auf die Melodien ihrer Heimat anspricht." Dann macht er sich auf den Weg.

Alt und Jung schmettern "En unserem Veedel"

Daheim in Köln besucht er den "Weißen Holunder", eine Traditionskneipe mit Wirtschaftswunder-Mobiliar. Dort treffen sich die Nachbarn jeden Sonntag zum gemeinsamen Gesang. "En unserem Veedel", schmettern Alt und Jung in ihrem Viertel. Ebenfalls in Köln stößt er auf BamBam Babylon Bajasch und das Edelweiß Soundsystem, die auf Kölsch zu Ehren der Edelweißpiraten rappen.

Chisholm reist im ICE ins Allgäu. Dort nimmt er mit Wanderern in farbenfrohen Wetterjacken teil an einem gut besuchten Jodelkurs. Im Fränkischen begegnet er den "Antistadl"-Aktivisten, die von Bamberg aus mit "Volxmusik" gegen den volkstümlichen Schlager anspielen.

Sie rekrutieren sich aus Straßenpunks, Musikforschern und Rastamützenträgern. "LaBrassBanda, Bamberger BoXgalopp und Kellerkommando – so heißen die Bands, die zurzeit überall in Süddeutschland wie Pilze aus dem Boden schießen. Ganz unbekümmert", stellt Chisholm fest.

Die Gruppen tragen Titel wie "LaBrassaBanda"

So geht es weiter: Bei der Großfamilie Well in Oberbayern, berühmt durch die Biermösl Blosn und die Wellküren aus dem Umfeld Gerhard Polts, lernt der Neuseeländer entspannte Volkstänze. Im Vogtland trägt ihm Rudi Vodel, ein Bandoneonfabrikant, in heiterer Runde Lieder vor wie "Deutsch und frei" und "Feierobnd". Selbst die 40 Jahre DDR hat die Folklore offenkundig unbeschadet überstanden.

Vodel geht mit Chisholm Pilze sammeln. Anschließend stellt sich der Feldforscher mit seinem Saxofon auf einen Acker, andächtig bläst er die Lieder aus dem Erzgebirge nach und sagt: "Kein Bullshit – German Soul." Im thüringischen Rudolstadt besucht er das alljährlich stattfindende TFF, das Tanz- und Folkfest. An sich ein normales Festival wie Wacken oder Rock am Ring, mit Heerscharen von Gästen, Zeltlagern und mehr Musik, als man verdauen kann, nur eben für Folklore und bevorzugt aus der Heimat.

Spätestens in Rudolstadt hat sich der Film selbst widerlegt. Er hat gezeigt, wie Menschen musizierend dem globalisierten Alltag trotzen und sich ihre Herkunft schönsingen. Man hat gesehen, dass in manchen Gegenden das Volkstümliche nie verschwinden wird.

Musizierend der Globalisierung trotzen

Und dass es auf die Perspektive ankommt: Rainer Prüß segelt mit Hayden Chisholm hart am Wind vor Flensburg und berichtet, wie er in den Siebzigern zur plattdeutschen Folklore kam mit Bands wie Zupfstreichziehunddrückmusik und Liederjahn. Er hatte Irish Folk gespielt, bis echte Iren ihn ermunterten, vor seiner eigenen Tür zu kehren.

Dabei fanden sich unzählige Lieder. Auch Christiane "Bobo" Hebold hält die Lieder, die sie öffentlich seit Jahren vorträgt, für "verschüttet". Früher war sie Sängerin der Popband Bobo In White Wooden Houses. Für den Film singt sie in Gräfenhainichen, in der Pfarrkirche ihrer Eltern, durchs Megafon "Die Gedanken sind frei". Warum behaupten popsozialisierte und kulturbeflissene Deutsche unbeirrt, die Volksmusik müsse wieder geborgen werden?

"Auf der Suche nach Antworten fahre ich nach Buchenwald", sagt Hayden Chisholm. Er erklimmt den Ettersberg bei Weimar, steigt von der Kultur zur Barbarei hinauf. Ein ehemaliger Häftling des KZ, Wladyslaw Kozdon, erzählt von der Vorliebe der Aufseher für das Lied "Alle Vögel sind schon da". Die Insassen mussten es singen, wenn ein Flüchtling wieder eingefangen worden war.

Im KZ mussten sie "Alle Vögel sind schon da" singen

Das ist die gängige Erklärung: Volksweisen wurden zunächst missbraucht und anschließend vernachlässigt, als eine Art deutsches Sühneopfer. "Sound Of Heimat" zeigt, wie Grundschüler aus Peking "Alle Vögel sind schon da" beim Stelzenfest im Vogtland auf chinesischen Volksinstrumenten spielen, so ein schönes altes Lied.

Diejenigen, die sich heute wieder nach solchen Liedern sehnen wie nach Heimat und Familie, leiden eher an den ästhetischen und ideologischen Diskursen ihrer Jugend. Falsche Volksmusik im Fernsehen war Opium für den Kleinbürger. Die wahre Volksmusik in Kleinkunstzirkeln war etwas für Spießer mit Jodeldiplom: Holleri du dödel di.

Deshalb sieht dieser Film den Wald vor Bäumen nicht. Da treten frisch bekehrte Musiker wie Missionare auf. "Die Romantik ist uns in den Genen eingeschrieben", haucht Bobo. "Die Melancholie macht eure Volksmusik zu etwas ganz besonderem", schwärmt Hayden Chisholm, der Neuseeländer, und stellt sich auf die Alm mit einem Dudelsack.

Auch Gregor Meyer sagt etwas, er dirigiert den Chor des Leipziger Gewandhauses: "Das Singen hat nicht mehr den Stellenwert wie noch vor 50, 60 Jahren." Vielleicht singen Deutsche einfach nicht so gern wie andere Völker. Vielleicht gehen sie lieber ins Kino.

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