20.09.12

Abhängigkeit

Warum für Frauen die Alkoholsucht gefährlicher ist

Drei Prozent der deutschen Männer sind alkoholabhängig. Bei den Frauen sind es etwas mehr als ein Prozent – Tendenz steigend. Die Wirkung ist bei jedem anders, doch bei Frauen am schlimmsten.

Foto: Getty
Jenny Elvers-Elbertzhagen
Jenny Elvers-Elbertzhagen hat mit Alkohol-Problemen zu kämpfen

Die Einsicht alkoholabhänigig zu sein kommt meist erst dann, wenn einem die Probleme über den Kopf gewachsen sind. Oder auch, wenn man offensichtlich betrunken in einer Fernseh-Talkshow auftritt, wie in dieser Woche die Schauspielerin Jenny Elvers-Elbertzhagen.

Dann wird einem die bittere Erkenntnis über die Medien frei Haus geliefert. Für nahezu jeden Alkoholabhängigen hat die Sucht nicht nur schwere gesundheitliche, sondern auch soziale Konsequenzen. Schleichend ist die Beschaffung und der Konsum von Alkohol zum Lebensinhalt geworden, hinter dem alles andere zurück steht.

Doch wie sehr sich die Prioritäten immer mehr zum Alkohol hin verschieben, das wird den Betroffenen meist erst viel zu spät bewusst. "Alkoholabhängigen fällt es nicht nur schwer, sich die Sucht einzugestehen, sondern vielmehr, sie überhaupt zu erkennen. In der Regel ist ein drastischer Reiz von außen nötig", sagt Heribert Fleischmann, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) und ärztlicher Direktor der Klinik für Psychiatrie am Bezirkskrankenhaus Wöllershof.

Wenn das Ende der Beziehung droht

So ein Außenreiz kann ganz unterschiedlicher Art sein: Der Hausarzt, der vor der sinkenden Lebenserwartung bei bleibend schlechten Leberwerten warnt, wird oft noch ignoriert. Kommt die Warnung allerdings vom Partner und droht dieser womöglich sogar mit dem Abbruch der Beziehung, dann führt das schon eher zu einem Besuch beim Suchtspezialisten.

Wesentlich leichter wird es dann erst einmal nicht, denn selbst im Sprechzimmer sind die Betroffenen oft noch nicht überzeugt, an einem Alkoholproblem zu leiden. "Die tatsächlichen Trinkgewohnheiten müssen sehr behutsam herausgearbeitet und analysiert werden", sagt Fleischmann.

Doch welche Trinkgewohnheiten sind überhaupt bedenklich? Zur Beantwortung dieser Frage muss man erst einmal zwischen dem schädlichen und dem süchtigen Alkoholkonsum unterscheiden. Denn es kann durchaus jemand, der nicht abhängig ist, durch übermäßigen Alkoholkonsum schweren gesundheitlichen Schaden erleiden.

Der riskante Alkoholkonsum beginnt bei Frauen laut DHS ab 20 Gramm reinem Alkohol pro Tag – bei Männern sind es 30 Gramm. Gemäß der Bundesstudie des Ministeriums für Gesundheit trinken knapp 14 Prozent der 18- bis 59-Jährigen mehr Alkohol als empfohlen.

Alkohol wirkt bei jedem anders

Ganz präzise kann jene Menge an Alkohol, die ein einzelner schadlos trinken kann, allerdings nicht definiert werden. "Es gibt kein risikofreies Trinken", sagt Fleischmann. Bereits kleine Mengen könnten zu gesundheitlichen und psychischen Schäden führen.

Dabei spielt auch eine wichtige Rolle, dass Alkohol bei jedem Menschen unterschiedlich schnell verarbeitet und im Körper verteilt wird. Mancher kennt das von Betriebsfeiern: Während der eine Kollege einen Bierkrug nach dem anderen stemmt, ist der andere schon offensichtlich bereits nach dem Begrüßungsdrink beschwippst.

Für die Alkoholverträglichkeit sind zwei Faktoren besonders entscheidend: Die Schnelligkeit, mit der die Enzyme der Leber den Alkohol verwerten und das Volumen, in dem sich der Alkohol verteilen kann.

Insbesondere Frauen sind in letzterer Hinsicht benachteiligt. Sie haben anlagebedingt mehr Körperfett und weniger Körperwasser. Dieselbe Menge Alkohol führt bei ihnen daher zu höheren Blutalkoholkonzentrationen als bei Männern.

Frauen sind deshalb aus zweierlei Hinsicht gefährdet: Nicht nur das Abhängigkeitspotenzial steigt mit der Konzentration von Alkohol im Blut, sondern auch das Risiko für gesundheitliche Folgen. Frauen, die übermäßig viel Alkohol trinken, bekommen deshalb früher Leber-, Herz- und Gehirnschäden. Demgegenüber trinken Frauen im Schnitt aber auch weniger als Männer.

Gemäß des epidemiologischen Suchtsurveys des Institutes für Therapieforschung in München liegt das Verhältnis von Männern zu Frauen mit riskantem Alkoholkonsum bei 3,5 : 1. Ähnliches gilt für die Abhängigkeit von Alkohol: Während mehr als drei Prozent der männlichen Befragten angaben, unter einer Alkoholabhängigkeit zu leiden, waren es bei den Frauen nur etwas mehr als ein Prozent. Allerdings gibt es eine steigende Tendenz beim Alkohlkonsum von Frauen.

Wann beginnt die Abhängigkeit vom Alkohol?

Doch wie trennt man überhaupt einen riskanten Alkoholkonsum von der Abhängigkeit? Tatsächlich ist die Diagnose gar nicht so einfach. Sie kann nur in einem langen, und vor allem ehrlichen Arzt-Patient-Gespräch getroffen werden, in dem die Trinkgewohnheiten und das Sozialleben der letzten Monate genau analysiert werden. Die Weltgesundheitsorganisation hat in ihrer Internationalen Klassifikation von Krankheiten (ICD-10) dafür einige Kriterien definiert.

Dazu gehören der starke Wunsch oder gar Zwang, Alkohol zu konsumieren, eine verminderte Kontrollfähigkeit, Nachweise einer Toleranzentwicklung, die zunehmende Vernachlässigung von Freunden, Familie und Freizeitaktivitäten, Entzugssymptome und das fortbestehende Trinken trotz schwerer gesundheitlicher Konsequenzen. Lagen mindestens drei dieser Kriterien innerhalb des letzten Jahres vor, kann eine Abhängigkeit diagnostiziert werden.

Doch mit der Diagnose ist das Problem noch lange nicht gelöst. Gegen die Alkoholabhängigkeit gibt es kein Allheilmittel. "Die Therapie muss individuell auf jeden Patienten und seine Lebensumstände abgestimmt werden", sagt Fleischmann. Manche Patienten hören selbstständig und aus striktem Willen mit dem Alkoholtrinken auf, andere brauchen eine intensive psychotherapeutische Betreuung.

Eins gelte allerdings für alle Patienten gleichermaßen. "Wer einmal alkoholabhängig war, muss lebenslang abstinent bleiben", warnt Fleischmann. Jeder einzelne Schluck Wein kann zur Wiederbelebung der Sucht führen. Schlimmstenfalls muss mit der Behandlung dann wieder ganz von vorne begonnen werden.

Es bleibt zu hoffen, dass Jenny Elvers-Elbertzhagen die langfristige Abstinenz gelingt. Den ersten Schritt, die Einsicht, hat sie jetzt immerhin gemeistert

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