18.09.12

ZDF-Chefhistoriker

Guido Knopp tappt in die Kolorierungsfalle

Mit dem Dreiteiler "Weltenbrand" zum Ersten Weltkrieg verabschiedet sich Guido Knopp. Inhaltlich ist die Reihe auf der Höhe der Zeit – aber ein modischer Kunstgriff zerstört ihre Wirkung.

Foto: Zweites Deutsches Fernsehen
Falsche oder echte Farbe: Dem Zuschauer erschließt sich nicht, ob es sich bei diesem Bild um ein nachkoloriertes Schwarz-Weiß-Foto eines deutschen Schützengrabens im Ersten Weltkrieg handelt oder um eine Nachstellung
Falsche oder echte Farbe: Dem Zuschauer erschließt sich nicht, ob es sich bei diesem Bild um ein nachkoloriertes Schwarz-Weiß-Foto eines deutschen Schützengrabens im Ersten Weltkrieg handelt oder um eine Nachstellung

Wer zu viel will, kann leicht scheitern. Im September 1914 schickte Reichskanzler Theobald von Bethmann-Hollweg einen Brief an seinen Stellvertreter Clemens von Delbrück, in dem es hieß: "Das allgemeine Ziel des Krieges: Sicherung des Deutschen Reichs nach West und Ost auf erdenkliche Zeit. Zu diesem Zweck muss Frankreich so geschwächt werden, dass es als Großmacht nicht neu erstehen kann." Zudem sollten Belgien, Holland, Polen und sogar Österreich von Deutschland abhängig werden, Luxemburg gar eingegliedert werden.

Offiziell war das "September-Programm" zwar strikt geheim, doch die wesentlichen Inhalte sickerten in der Siegeseuphorie der scheinbar unaufhaltsam gen Paris marschierenden deutschen Truppen durch. Fortan galten Bethmann-Hollwegs Kriegsziele als Minimum, das Publizisten und Industrievertreter mit eigenen Vorstellungen zu übertrumpfen suchten.

Bethmann-Hollwegs frühe Festlegung auf viel zu weitgehende Bedingungen für ein Ende des europäischen Krieges erwies sich als fürchterlicher Fehler. Denn sie verhinderte, dass nach der deutschen Niederlage in der Marne-Schlacht und dem Beginn des Stellungskrieges an der Westfront ein Verständigungsfrieden auf Grundlage des Status quo vor Kriegsbeginn zustande kommen konnte.

"Keine fremd wirkende schwarz-weiße Welt"

In eine ähnliche Falle ist jetzt Guido Knopp mit der letzten Geschichtsserie vor seiner Pensionierung Anfang 2013 getappt. Neue Maßstäbe für TV-Dokumentationen wollte der scheidende ZDF-Chefhistoriker setzen – und verfiel dabei auf eine Methode, die äußerst fragwürdig ist: auf die digitale Einfärbung von schwarz-weiß gedrehtem Originalfilmmaterial.

Der "stille Star" sei das kolorierte Archivmaterial, schwärmt der Redakteur der Reihe, Stefan Mausbach: "Damit liefert ,Weltenbrand' ein einzigartiges Angebot an Bildern, dass in dieser Dichte und Intensität noch nicht zu sehen war." Fast zwei Drittel der Serie bestehen aus solchen eingefärbten Aufnahmen.

Auch Knopp selbst versucht, erwartbarer Kritik zuvorzukommen: " Die Kolorierung erleichtert dem heutigen Zuschauer die Distanz zu überwinden. Denn es ist keine fremd wirkende schwarz-weiße Welt, in der sich die Schrecken des Krieges abspielen, sondern eine reale und vertraute Welt." Eine solche Bearbeitung des historischen Materials sei "keine Manipulation, sondern eine technische Verbesserung, die den Zeitzeugen damals keineswegs fremd war. Auch sie sahen die Reduzierung der Welt auf schwarz-weiße Bilder als Mangel, als Verlust von Realismus".

Ganz anders sieht das Michael Kloft, der wohl prominenteste Produzent von Geschichts-Dokumentationen außerhalb des ZDF. Mit seiner History-Abteilung bei Spiegel-TV hat er selbst mehrere Filme für Knopp hergestellt. Schon deshalb ist Kloft unverdächtig, in die bei Universitätshistorikern übliche neid-, ja hassgetriebene Polemik gegen den Kollegen aus Mainz einzustimmen.

"Betrug am Zuschauer"

Ihn erinnern die eingefärbten Szenen "eher an handkolorierte Postkarten aus der Kaiserzeit" als an richtige Farbfilme: "Ob das aus Sicht der Zuschauer Nähe erzeugt, kann ich nicht beurteilen. Persönlich glaube ich, dass noch mehr Distanz geschaffen wird, weil die Authentizität verloren geht." Wie schon bei der 2010 von der ARD ausgestrahlten französischen Produktion "Der Krieg" über die Jahre 1939 bis 1945 bleibt die Kolorierung, so Kloft, "ein Betrug am Zuschauer".

Natürlich mussten Knopp und seine Mitarbeiter die bewährten Mittel ihrer erfolgreichen und meist sehenswerten Dokumentationen zum Dritten Reich verlassen – schon weil es keinerlei Zeitzeugen mehr gibt, die etwas über den Ersten Weltkrieg erzählen können.

Doch hätten die anderen typischen Elemente des wesentlich vom ZDF geprägten heutigen Geschichtsfernsehens gereicht, um eine gute und aktuelle Produktion über die "Urkatastrophe" Europas herzustellen. Mit Originalfilmschnipseln in Schwarz-Weiß, Interviews mit Fachhistorikern und durch Farbe abgehobenen Spielszenen lässt sich viel erzählen. Paradoxerweise ist "Weltenbrand", wenn man sich die missglückte Kolorierung der Originalfilme wegdenkt, eine seriös erzählte Dokumentation.

Inhaltlich auf aktuellem Stand

Es gibt überzeugende Gestaltungsideen wie die Gegenüberstellung des staatenlosen Kriegsfreiwilligen Adolf Hitler und des arrivierten britischen Offiziers Bernard Montgomery – dreißig Jahre später werden diese beiden wieder Gegner sein, nun als "Führer" des Dritten Reiches und britischer Oberbefehlshaber in Europa.

Auch die Konzentration auf neuere Forschungsergebnisse wie den Einfluss deutscher Kriegsverbrechen an belgischen Zivilisten wird umfassend, klar und zutreffend geschildert – eine Perspektive, die hierzulande noch weitgehend unbekannt ist.

Auch jüngste Erkenntnisse des in Aberdeen lehrenden deutschen Historikers Thomas Weber sind in "Weltenbrand" eingeflossen. Danach war Hitler trotz seines Eisernen Kreuzes Erster Klasse weder ein Kriegsheld noch ein "Frontschwein", sondern mehr ein "Etappenhengst".

Mit den meisten anderen Geschichtsdokumentationen zum Ersten Weltkrieg teilt die neue ZDF-Serie das Problem, dass es aus den Schützengräben der Westfront so gut wie keine echten Bilder gibt. Um mit den großen, handbetriebenen Kameras jener Zeit eindrucksvolle Aufnahmen zu machen, war die vorderste Linie der Schützengräben einfach zu gefährlich: Alles, was sich über die Brustwehr erhob, wurde von feindlichen Scharfschützen unter Feuer genommen.

Nachstellungen aus den Zwanzigerjahren?

Deshalb stammen mehr als 80 Prozent aller erhaltenen "Kampfbilder" aus Manövern hinter der Front oder aus Nachstellungen der Zwanzigerjahre. Auch in "Weltenbrand" dürften einige solcher jahrzehntealter, aber trotzdem nicht originaler Aufnahmen eingegangen sein – und wurden gleich mitkoloriert und so zu vermeintlicher "Realität" erhoben. Entsprechende Einblendungen aber gibt es jedenfalls in der ersten Folge nicht.

Kloft findet das falsch: "Kein Mensch würde auf die Idee kommen, Szenen etwa aus Spielbergs ,Der Soldat James Ryan' ohne Hinweis in eine Dokumentation über die Invasion der Alliierten in der Normandie einzuschneiden."

"Weltenbrand" hätte eine gute Produktion werden können, ein würdiger Abschluss für die beeindruckende Karriere von Guido Knopp, der das Geschichtsbild der heutigen Deutschen aller Polemik zum Trotz stärker geprägt hat als sämtliche aktuellen Zeitgeschichtsprofessoren des Landes zusammen. Mit der Entscheidung für die ebenso teure wie unsinnige Methode der Kolorierung hat er das selbst zerstört.

ZDF, bis 2. Oktober jeweils dienstags um 20.15 Uhr

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