28.08.12

Vermisste Kinder

Die verhängnisvolle Ermittlungspanne im Fall Ortiz

Ihr Vater meldete Ruth (6) und José Ortiz (2) im Oktober 2011 als vermisst, doch offenbar hat er sie ermordet. Monatelang blieb der Fall rätselhaft – weil die Polizei Knochenfunde falsch zuordnete.

Foto: dpa/DPA

Ein mysteriöser Vermisstenfall aus Südspanien hat sich nach fast einem Jahr aufgeklärt: Die kleine Ruth (6) und ihr Brüderchen José (2) sind tot. Sie waren an einem Wochenende im Oktober 2011 bei ihrem Vater in Cordoba zu Besuch und verschwanden dabei plötzlich.

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Wo stecken Ruth und José? Der mysteriöseste spanische Kriminalfall des vergangenen Jahres steht offenbar unmittelbar vor seiner Aufklärung. Fast elf Monate lang hatte die Spanierin Ruth Ortiz sich die verzweifelte Frage gestellt, was mit ihrer sechsjährigen Tochter und ihrem zwei Jahre alten Sohn geschehen war.

Doch nun scheint der Fall eine tragische Wende zu nehmen – und die Tierärztin Gewissheit zu bekommen, dass ihre beiden Kleinen nicht mehr am Leben sind. "Die Mutter ist am Boden zerstört, sie verlässt ihre Wohnung nicht mehr", berichtete ein Sprecher der Familie.

Dabei war es Ruth Ortiz selbst und nicht die Polizei, die dafür gesorgt hatte, dass in den Fall, der in ganz Spanien die Menschen bewegte, nun Klarheit zu kommen scheint. Sie hatte bei einem renommierten Wissenschaftler ein Gutachten in Auftrag ergeben, das den Verdacht erhärtete, wonach der getrennt von ihr lebende Ehemann Bretón die Kinder umgebracht und die Leichen verbrannt haben soll.

Der Vater der Kinder hatte das Mädchen und den Jungen am 8. Oktober 2011 als vermisst gemeldet. Er habe sie bei einem Spaziergang in einem Park in der südspanischen Stadt Córdoba "verloren", sagte damals der arbeitslose Kraftfahrer und ehemalige Soldat aus. Die Ermittler glaubten ihm von Anfang an nicht. Sie entdeckten nur zwei Tage später in einem Landhaus der Eltern des Mannes einen Verbrennungsofen und stellten dort 200 winzige, verbrannte Knochenreste und neun Zähne sicher.

Knochenproben Nagetieren zugeordnet

Eine Gutachterin der Polizei stellte nach einer Untersuchung jedoch fest, dass die Proben nicht von Menschen, sondern von Nagetieren stammten. Dies scheint sich nun als ein verhängnisvoller Irrtum zu erweisen, denn neue Untersuchungen kommen zu dem Schluss, dass die in dem Ofen gefundenen Reste von Kindern stammten.

Wenn das stimmt, hatten die Ermittler gleich nach dem Verschwinden der Kinder vor der Aufklärung des Falles gestanden – und der Mutter hätte die elfmonatige Zeit der bangen Ungewissheit erspart werden können. Spaniens Innenminister Jorge Fernández Díaz verteidigte die Polizeiarbeit dennoch. "Auch die Besten können sich irren", sagte er.

Ruth Ortiz hatte alle Hebel in Bewegung gesetzt, ihre Kinder zu finden. Sie hatte Plakate geklebt, Kundgebungen veranstaltet und ihren Mann öffentlich angefleht zu sagen, was mit den Kindern geschehen ist. Als die Ermittlungen keine Fortschritte brachten, traf die Frau eine ungewöhnliche Entscheidung.

Sie bat den Untersuchungsrichter um die Erlaubnis, dass der renommierte Gerichtsmediziner Francisco Etxeberria die Proben aus dem Verbrennungsofen analysieren durfte. Der Richter willigte ein. Der baskische Professor kam zu dem Ergebnis, dass die Zähne und Knochenreste nicht von Tieren, sondern von kleinen Kindern stammten.

Die Ermittler reagierten geschockt, denn einen Irrtum ihrer eigenen Wissenschaftlerin hatten sie für undenkbar gehalten. Die Polizei gab daraufhin ein neues Gutachten bei einem Wissenschaftler in Auftrag, den das Innenministerium als eine der größten Koryphäen bezeichnete.

Dieser Experte stellte fest, dass die von ihm analysierte Probe von einem Mädchen im Alter von etwa sechs Jahren stammte. Ein namentlich nicht genannter Wissenschaftler sagte der Zeitung "El País", man habe schon mit bloßem Auge erkennen können, dass die Zähne von Menschen stammten.

Vater weist weiterhin alle Verdächtigungen zurück

Der Vater der Kinder weist nach Angaben seines Anwalts weiterhin alle Verdächtigungen zurück. Er sitzt bislang wegen des Vorwurfs der Entführung der Kinder in Untersuchungshaft. Die Justiz will nun prüfen, ob sie ihn auch offiziell des Mordes an den Kindern verdächtigt. Ein wichtiges Indiz fehlt den Ermittlern noch: eine DNA-Analyse der gefundenen Knochenreste.

Wissenschaftler zweifeln allerdings daran, ob Gentests jetzt noch möglich sein werden. Der Verbrennungsofen war eigens so gebaut worden, dass er Temperaturen von bis zu 800 Grad erreicht. Bei dieser enormen Hitze werden genetische Strukturen in der Regel zerstört.

Dreieinhalb Stunden wurde Bretón am frühen Dienstagmorgen zur Tatortbegehung vorgeführt. Auf den Mauern, die das Landgut umgeben, wo er offenbar seine Kinder tötete, sind hasserfüllte Graffiti zu lesen, "Asesino" (Mörder) steht dort geschrieben und "Filicidio" (Kindsmord).

Hunderte Bürger Córdobas hatten bereits in der Nacht zu Dienstag mit Schweigeminuten und einem Meer aus Kerzen der beiden Kinder gedacht. Weit weniger bedächtig, sondern lauthals skandierend forderte eine wütende Menge am Dienstagmittag vor dem Gericht im westandalusischen Huelva, wo die Geschwister bis zu ihrem Verschwinden bei der Mutter lebten, "Gerechtigkeit" und ein hartes Urteil.

Der verdächtige Vater bleibt indes bei seiner Version: dass er "unschuldig" sei und "seine Kinder gegen 17 Uhr in einem Park in Córdoba aus den Augen verloren habe", wie sein Anwalt José María Sánchez de Puerta gegenüber der Tageszeitung "El Mundo" bekräftigte.

Jene Zeitspanne sei laut Ansicht der Ermittler jedoch absolut ausreichend, um sich nach der Ermordung auch der Kindsleichen zu entledigen.

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