28.08.12

Studie

Was sich die Deutschen für ihre Freizeit wünschen

Zu viele Möglichkeiten, zu wenig Zeit: Die Deutschen schaffen es nicht, sich ihre Freizeit befriedigend einzuteilen.

Foto: DPA
Ausschlafen ja, durchfeiern nein: Urlaub mit den Eltern
Ausschlafen, Sex und spontane Aktionen: So wünschen sich die Deutschen ihre Freizeit. Doch Wunsch und Wirklichkeit klaffen weit auseinander

Zeit für spontane Aktionen, endlich mal wieder ausschlafen und mehr Sex: Fragt man die Deutschen, was sie in ihrer Freizeit gerne öfter machen würden, so liegen diese Wünsche neben dem nach mehr sozialen Kontakten ganz vorn. Doch was tun sie stattdessen mit den vier Stunden, die ihnen statistisch jeden Tag zur Verfügung stehen? Fernsehen, Radio hören und telefonieren. Erst dann kommt Zeit für Familie und Partner, dicht gefolgt von Handy, Computer und Internet. Das zeigt der aktuelle Freizeit-Monitor. "Die Deutschen schaffen es nicht, in ihrer Freizeit das zu tun, was sie sich eigentlich wünschen", sagt Prof. Ulrich Reinhardt von der BAT-Stiftung für Zukunftsfragen. "Es gibt einen Spagat zwischen Wunsch und Wirklichkeit." Auch der ebenfalls am Dienstag veröffentlichte Wohlstands-Index belegt, dass die Deutschen großen Wert auf sozialen Zusammenhalt, intensive Familienbeziehungen und Kontakte zu guten Freunden legen. "Wohlstandsqualität heißt für die Deutschen auch und gerade Beziehungsqualität", sagt Forscher Horst W. Opaschowski.

"Wir greifen zu Kombi-Aktivitäten"

Doch was ist dann der Grund dafür, dass Erholung und soziale Kontakte so oft den Kürzeren ziehen? "Akute Zeitnot und ein überbordendes Angebot, an das wir uns gewöhnt haben", sagt Freizeitforscher Reinhardt. "Wir wollen soviel in unsere freien Stunden reinpacken und greifen zu Kombi-Aktivitäten." Sprich: Beim Fernsehen bügeln oder telefonieren, in der Telefonwarteschleife Mails checken. Hinzu komme die Möglichkeit, sich via Internet und Smartphone viele Wünsche adhoc zu erfüllen – sei es die fehlende Information zu besorgen oder den just gehörten Song herunterzuladen.

"Dieser Instant-Konsum wird noch zunehmen", glaubt Reinhardt. "Für die Mehrheit der Deutschen, vor allem für die jüngeren, ist es heute deutlich schlimmer, das Handy zu Hause zu vergessen als das Portemonnaie." Aus längeren Erholungsphasen werden so Freizeithäppchen. "Die Muße, das Faulenzen, geht weiter zurück", bescheinigt Reinhardt. Mögliche Folge: Mit der Zerstückelung werden auch die Aufmerksamkeitsspannen kürzer.

Der streitbare Ulmer Hirnforscher Manfred Spitzer sieht dies noch drastischer. Er formuliert nicht nur überspitzt: "Fernsehen macht dick, dumm und gewalttätig", sondern spricht auch Computer und Internet jegliche positive Eigenschaft ab – weil sie, speziell bei Kindern, die Hirnentwicklung hemmen sollen. Prof. Frank Schwab, der an der Uni Würzburg den Lehrstuhl Mensch-Computer-Medien innehat, beurteilt die fortschreitende Medialisierung der Freizeit differenzierter: "Man muss stets sehen, wie die Alternative ist." In einer kargen oder gar aggressiven Umgebung könnten Fernsehen oder Computer überaus wichtig und hilfreich sein – auch für Kinder. "Natürlich kann die mediale Erholung die Erholung im realen Leben nicht ersetzen. Aber auf der Wii turnen oder Sport anschauen ist besser als gar kein Sport."

Sich eine strikte "Me-Time" verordnen

Problematisch findet Schwab jedoch, wie das Arbeitsleben via Smartphones die freie Zeit perforiere. "Man muss sich schützen vor immerwährender Erreichbarkeit." Auch Zukunftsforscher Peter Wippermann (Trend Büro Hamburg) sagt angesichts höchst mobiler Arbeits- und Lebensmodelle: "Wir haben die Zeiten der Systemkontrolle verlassen und müssen uns nun in Selbstkontrolle üben." Mehr als die Hälfte der jüngeren Deutschen habe heute keinen geregelten Tagesablauf mehr. "Aber wir alle brauchen einen bestimmten Rhythmus". Digitale Medien mit vernetzbaren Kalendern, Foren und Listen lieferten nicht nur eine Flut neuer Angebote, sondern könnten auch helfen beim eigenverantwortlichen Planen von Berufs- und Freizeit: "Aber jeder sollte sich in diesem Kalender auch strikt eine 'Me-Time' verordnen, in der er gar nichts macht", sagt Wippermann.

Bestenfalls, so die Forscher, finde der Wunsch nach mehr realen Sozialkontakten dann auch via Internet Erfüllung: Und zwar nicht nur in den üblichen sozialen Netzwerken, sondern auch auf Tausch- und Sharing-Seiten oder Internetforen für Nachbarschaftshilfe.

Quelle: dpa/tat
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