27.08.12

Empire State Building

Die Verletzungen nach dem New Yorker Todesdrama

Wenn Polizeikugeln Unschuldige treffen: Bei der Schießerei am Empire State Building wurden neun Passanten von Schüssen oder Querschlägern der Polizei verletzt. Das könnte gerichtliche Folgen haben.

Foto: AFP
11 Shot, Two Killed, In Shooting By NYC's Empire State Building
Bei der Schießerei vor dem Empire State Building wurden neun Passanten verletzt. Der Täter erschoss einen ehemaligen Arbeitskollegen

Nun hat also auch das Opfer einen Namen und ein Gesicht: Steven Ercolino, 41 Jahre alt. Ihm hatte am Freitagmorgen sein ehemaliger Kollege Jeffrey Johnson drei Kugeln in den Kopf geschossen, ehe er selbst unter den Kugeln zweier Polizisten tot zusammenbrach.

Steven Ercolino wollte eigentlich heiraten. Seit acht Jahren waren er und Ivette Rivera (38), eine dunkelhaarige Schönheit aus der Bronx, ein Paar. Sie waren zusammen in seine Wohnung in Hoboken, New Jersey, gezogen und hatten ihren letzten Urlaub zusammen in Mexiko verbracht.

"Die beiden wollten immer heiraten", sagte Steven Ercolinos Bruder der Presse. "Sie hatten aber noch keinen Trauring, glaube ich." Jetzt gibt es statt einer Hochzeit ein Begräbnis.

Ein zutiefst einsamer Mann

Auch Details über den Mann, der eine Pistole aus seiner Aktentasche zog und auf einen ehemaligen Kollegen schoss, kommen ans Licht.

Jeffrey Johnson wurde von Nachbarn als still beschrieben; Gäste hatte er nie. Mit anderen Worten: Er war ein zutiefst einsamer Mann. Auf einem Foto sieht man ihn in einem grauen Anzug mit Feldstecher und einer Kamera mit enormem Objektiv im Central Park stehen: Jeffrey Johnson liebte Vögel, beobachtete sie und tauschte sich mit anderen Vogelliebhabern über seine Beobachtungen aus.

Sein Tonfall konnte dann geradezu zärtlich werden, wie in dieser E-Mail, die Johnson einem Vogelfreund schickte, der für die Nachrichtenagentur "Associated Press" arbeitet: "Um Mitternacht sah ich eine ganze `Flotilla´ von Stockenten am Harlemer Meer" (einem riesigen Wasserreservoir im Central Park, d. Red.).

"Sie schwammen und quakten sanft ... es war neun Grad unter Null, und sie waren völlig unbeeindruckt. Bemerkenswert." Auf "Youtube" veröffentlichte Jeffrey Johnson Videos mit gezeichneten Bildern von Autos und Frauen.

Keine Polizisten unter den Verletzten

Unterdessen hat sich bestätigt, dass am Freitagmorgen neun Passanten – fünf Frauen, vier Männer – von fehlgegangenen Schüssen und von Querschlägern der Polizei getroffen und leicht verletzt wurden. "Drei wurden von Kugeln der Beamten getroffen, die anderen wurden durch Splitter verletzt", sagte New Yorks Polizeichef Raymond Kelly dem US-Sender CNN. Zunächst hieß es, die Passanten seien von Blumentöpfen und andere Gegenstände getroffen worden, die die Kugeln zersplittern ließen.

Entgegen Gerüchten, die unmittelbar nach dem Schusswechsel kursierten, befanden sich unter den Verletzten keine Polizisten. Nachdem Jeffrey Johnson seinem Kollegen drei Kugeln in den Kopf gejagt hatte, richtete er seine Waffe auf zwei Polizeibeamte, die ein Bauarbeiter herbeigerufen hatte, drückte jedoch nicht ab; er wurde dann von den zwei Beamten erschossen.

Laut Statistik treffen Polizisten, wenn sie mit Handfeuerwaffen schießen, lediglich in 34 Prozent der Fälle ihr Ziel. Geoffrey P. Alpert, ein Kriminologe, der für die University of South Carolina arbeitet, sagte der "New York Times": Fälle, bei denen unschuldige Passanten von Polizeikugeln getroffen werden, seien "nicht häufig", aber "sie passieren".

Eine gesamtamerikanische Statistik dazu gibt es nicht. Alpert führte weiter aus: "Es ist eine Regel, dass man keine Zivilisten in die Schusslinie bringt, aber es ist auch eine Regel, dass man Mörder nicht davonkommen lässt.

Es ist eine gespannte Situation, in der die Leute Angst haben und sich bewegen. Es ist nicht so wie im Kino, wo man ihm die Waffe aus der Hand schießen kann." Laut "New York Times" wurden 2010 drei unschuldige Beobachter von Polizeikugeln getroffen; im Jahr davor war es ein Mensch, der zu Schaden kam, als ein Polizist mit einem Kriminellen rang, wobei sich ein Schuss aus der Waffe des Beamten löste.

Gerichtliches Nachspiel

Wenn Unschuldige getroffen werden, führt dies meist zu einem gerichtlichen Nachspiel. In manchen Fällen hat das Gericht verfügt, dass es die Sache nicht weiterverfolgen wird; in anderen Fällen kam es zu außergerichtlichen Einigungen, das "New York Police Department" zahlte Schmerzensgeld.

2006 bekam ein Wilson Ramos sechs Millionen Dollar zugesprochen, nachdem eine Polizeikugel ihn im Kopf getroffen hatte – er war daraufhin gelähmt. Immerhin 1,8 Millionen bekam 1978 ein Zuschauer, der bei einem Banküberfall verwundet worden war – die Bank und die Polizei legten dabei zusammen. Ob die neun Verletzten vom vergangenen Freitag vor Gericht klagen werden, ist allerdings noch nicht klar.

Bei der Waffe, die Jeffrey Johnson verwendete, handelte es sich um eine Pistole des Kalibers 45 mit einem Magazin, das Platz für acht Kugeln hatte. Laut einem Bericht des Nachrichtensenders ABC hatte er seine Waffe 1991 legal in Sarasota, Florida, erworben. Er brachte sie dann aber nach New York, und das ist nach amerikanischen Waffengesetzen völlig illegal.

Restriktive Waffengesetze in New York

Es ist in Amerika äußerst schwierig, eine Waffe auf legalem Weg von einem Bundesstaat in den nächsten zu transportieren; der Grund dafür ist, dass sich die Waffengesetze von Bundesstaat zu Bundesstaat stark unterscheiden (es gibt laxe und enge Auslegungen des berühmten zweiten Zusatzartikels zur amerikanischen Verfassung, der Bürgern und legalen Einwanderern in Amerika grundsätzlich erlaubt, sich zu bewaffnen).

Stadtgemeinden können dann noch einmal weitere Einschränkungen vornehmen.

In der Stadt New York etwa sind die Waffengesetze äußerst restriktiv. Man kann sich zwar eine Waffe besorgen, muss diese dann aber zuhause lassen. Eine Pistole im Handschuhfach des Autos oder (wie hier) in der Aktentasche bei sich zu führen – das ist schlechterdings nicht erlaubt.

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