25.08.12

Manieren

"Eene in die Fresse" – Leben in der Rüpel-Republik

Deutschland ist zur Rüpel-Republik geworden, findet der Autor Jörg Schindler. Den Grund findet er in einem System, das uns zu "schwer erträglichen Ichlingen" macht. Aber es gibt noch Hoffnung.

Foto: Zoonar
Rüpel
Da helfen auch keine teuren Anzüge: Das soziale Kapital, das menschliche Miteinander, das Gesellschaften zusammenhält, schwindet

Grüßen Ihre Nachbarn freundlich? Lässt man Ihnen beim Einsteigen in Bus und Bahn hin und wieder den Vortritt? Wenn ja: Genießen Sie es! Denn Höflichkeit und Rücksichtnahme werden anscheinend immer mehr zu Fremdworten. Das zeigte der NDR 2012 in der Reportage "Die Rüpel-Republik".

Ein Essay mit ähnlichem Tenor folgte kurz darauf im "Spiegel". Der Titel: "Kante statt Kant". Die Lage in Deutschland scheint zu eskalieren. Höchste Zeit, dass jemand das Ganze genauer analysiert. Der Journalist Jörg Schindler hat dies nun getan: in seinem Buch "Die Rüpel-Republik".

Dass wir tatsächlich in einer solchen leben, davon ist der Autor überzeugt. Eigene Erfahrungen etwa oder Umfragen im Bekanntenkreis haben ihm gezeigt: Es geht da draußen fast jeden Tag ein bisschen ruppiger zu. Doch ist das gleich auf die ganze Republik übertragbar? Befragt man Freunde und Kollegen in Berlin zum Thema Sittenverfall, nicken die meisten gleich hektisch mit dem Kopf. Im geselligen Köln oder im beschaulichen Ulm dagegen kann man damit eher wenig anfangen.

Obwohl nicht jedem die Lage so dramatisch erscheint und – der Autor nimmt es gleich vorweg – Rumrüpeln, Anrempeln und Vordrängeln sich statistisch schwer nachweisen lassen: Dass vielerorts durchaus etwas im Argen liegt, zeigt Schindler anhand zahlreicher Beispiele.

Hundekot, Grillzeiten, Heckenhöhen

Der Verband deutscher Grundstücksnutzer etwa berichtet von einer eklatanten Zunahme von Nachbarschaftsstreitigkeiten über Hundekot, Grillzeiten und Heckenhöhen. Lehrer stöhnen über Schüler, denen selbst einfache Höflichkeitsformeln wie "Bitte" und "Danke" nicht über die Lippen kommen. Autofahrer sind erzürnt über Regel brechende Kampfradler, Fahrradfahrer über rücksichtslose PS-Rowdys.

Polizisten beklagen die Zunahme von Gewalt und verbalen Entgleisungen ("Ich fick deine Mutter"). Auch in Fußballverbänden ist man fassungslos – über Eltern, die außerhalb des Spielfelds mittlerweile lauter pöbeln als die Spieler auf dem Platz ("Eene in die Fresse oder wat?").

Um zu ergründen, warum es so weit gekommen ist, hat der Autor zahlreiche Bücher, Artikel und Studien gewälzt. Die Antworten, auf die er dabei stieß, sind bekannt: Das System, in dem wir leben, hat uns zu "schwer erträglichen Ichlingen" werden lassen. Das Interesse an unseren Mitmenschen ist gesunken. Die Folge: Misstrauen und Angst breiten sich aus. Das soziale Kapital, das menschliche Miteinander, das Gesellschaften zusammenhält, schwindet.

Mindestmaß an fairer Verteilung

Verschärft wird das vom zunehmenden Druck und der zunehmenden Unsicherheit auf dem Arbeitsmarkt – das Gefühl, dass jeder jederzeit ersetzbar ist. Aber auch von einem Ohnmachtsgefühl gegenüber dem Gebaren auf den Finanzmärkten sowie dem Empfinden von Ungerechtigkeit angesichts milliardenschwerer Rettungspakete für Banken und Länder, die ihre Krisen zum großen Teil doch selbst verschuldet haben.

Nun ist es aber so, sagt die Neurowissenschaft, dass das menschliche Gehirn auf sozialen Zusammenhalt, soziale Akzeptanz und ein Mindestmaß an fairer Ressourcenverteilung geeicht ist. Ist davon nichts zu spüren, wird die Schmerzgrenze überschritten. Das bewirkt vor allem eines: Aggression. Und die muss raus. Der Adressat dieser Wut sei aber meist der Falsche, so Schindler.

Raus aus der Vereinzelung

Das Gegengift gegen die sittliche Verrohung liegt demnach auf der Hand: Die Menschen müssen raus aus der Vereinzelung, wieder lernen, sich gegenseitig zu vertrauen und miteinander zu leben. Wie das gehen kann? Beim gemeinsamen Unkrautjäten in gemeinschaftlichen Gärten in der Stadt zum Beispiel. In Dorfgemeinschaften, die ihre Stromversorgung selbst in die Hand nehmen. In Reparaturcafés, wo Menschen mit handwerklichem Geschick kaputte Geräte reparieren. Bei Tauschbörsen. In Mehrgenerationenhäusern. Schindlers Liste ist lang.

Die Zahl solcher Initiativen wachse ständig, sagen Experten. Die Anhänger kämen aus allen Ecken der Gesellschaft. Sie suchten nach einem System, bei dem Wachstum nicht an oberster Stelle steht. Und Gemeinschaft wieder etwas zählt. Klingt naiv? Das denken sie auch. Aber: Besser als rumzuhocken und sich zu beschweren sei es, einfach mal selbst anzufangen. "Mehr als schiefgehen kann es ja nicht."

"Die Rüpel-Republik" ist ein schönes Buch. Es regt auf jeden Fall dazu an, sich mal wieder intensiver im eigenen Mikrokosmos umzuschauen. Und Lust, selbst was besser zu machen, macht es auch.

Quelle: dpa/bas
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