19.08.12

Neue ARD-Late-Night

"Kackbratze" Krömer, der Fluch einer Kunstfigur

Kurt Krömer ist zurück, mit einer Late Night und etwas rasierter. Aber auch reifer? So hatte er es zumindest versprochen. Doch sein Debüt ließ Luft nach oben. Besonders als Gregor Gysi im Studio saß.

Foto: rbb Presse & Information
Kurt Krömer war nicht immer erfolgreich. Anfangs habe oft der Gerichtsvollzieher vor seiner Tür gestanden, hat er letztens im Interview erzählt
Kurt Krömer war nicht immer erfolgreich. Anfangs habe oft der Gerichtsvollzieher vor seiner Tür gestanden, hat er letztens im Interview erzählt

Krömer, die "alte Kackbratze", ist seriös geworden. Der Komiker hat sein Outfit aus der Altkleidertonne gegen Marken-Klamotten eingetauscht. Er rasiert sich jetzt, wenn's juckt. Ein Tribut an seinen neuen Sendeplatz? Man sieht ihn jetzt immer samstagnachts um 23.15 Uhr in der ARD, direkt nach dem "Wort zum Sonntag."

Ein "Wort zum Sonntag – Spezial", hat er zum Auftakt in einem Trailer versprochen. Gedreht wurde er im Isaf-Camp der Bundeswehr in Afghanistan. Die hatte ihn, den Totalverweigerer, an den Hindukusch eingeladen, und er ist tatsächlich hingeflogen. Neues Image, neue Ziele. Es war eine gute Gelegenheit, um zu demonstrieren, dass er künftig auch da hingehen will, wo es wehtut. In dem Trailer sah man, wie er sich im Tropenanzug neben einem Militärseelsorger auf einer Ledercoach fläzte. "Ick würde sagen, Sie schau'n sich das mal an."

Und spätestens da ahnte man: Der Imagewechsel war nur ein Gag, eine raffinierte PR für seine neue Show. Die heißt jetzt "Krömer – Late Night Show". Aufgezeichnet wird sie nicht mehr im rbb-Studio, sondern im Berliner Ensemble, dem Brechtschen Haustheater. Aber sonst hat sich kaum etwas verändert.

Die Komik als Waffe des Underdog

Der neue Krömer ist sich treu geblieben. Er kommt noch immer ohne Moderationskarten, Manieren und anderen Chi-Chi aus. Alles andere wäre auch Mord an seiner Figur. Er verkörpert den Underdog, der die Komik als Waffe entdeckt hat, um Rache zu nehmen. Jahrelang hat er eingesteckt, jetzt schlägt er zurück. Und man liebt ihn sogar dafür. Er ist ein Prolet, als Clown getarnt, und Clowns dürfen alles.

Das ist das Erfolgsgeheimnis des Kurt Krömer. So hat er es von der fleischgewordenen Parodie des Ur-Berliners zum ernstzunehmenden Komiker gebracht. Sogar den renommierten Grimme-Preis hat er gewonnen, wenn auch erst im sechsten Anlauf. Jetzt steht er mit der ARD-Show vor der vielleicht größten Herausforderung seiner Karriere: Kann er die Figur weiterentwickeln, ohne die Fans vor den Kopf zu stoßen?

Wie Gregor Gysi Krömer abblitzen lässt

Die erste Folge der neuen Sendung hat daran Zweifel geweckt. Als Gäste hat er Gregor Gysi und Helge Schneider eingeladen. Den Politiker der Linken fragt er aus nach der Beziehung zwischen Oskar Lafontaine und Sahra Wagenknecht. "Ist das die Antwort auf ,Bauer sucht Frau?'"

Doch Gysi lässt sich nicht auf dieses Spiel ein. Der alte Fuchs. Er weiß ja, wie Krömer tickt. Er war schon einmal in seiner Sendung. Als sein Gastgeber kurz aufsteht, nimmt er seinen Platz und seine Rolle ein. Er löchert ihn mit Fragen. Wie es denn um seine eigene Beziehung stehe? Und wie er zur Komik gekommen sei?

Krömer lässt das zu. Das macht den Charme seiner Show aus. Er hat keine Angst davor, zu scheitern. Doch diese Masche nutzt sich langsam ab. Das zeigt sich im Fall von Helge Schneider. Mit dem Komiker kommt erst gar kein Gespräch zustande. Zwei Clowns in einer Sendung, das ist immer ein Wagnis. In diesem Fall geht es schief.

Das Dilemma der Kunstfigur

Helge Schneider interessiert sich mehr für die Flipstüte auf dem Tisch als für den Afghanistan-Trip seines Gastgebers. Er macht es wie Gregor Gysi und dreht den Spieß einfach um. Er textet Krömer mit erfundenen Stories zu: "Ich bin schon Starfighter geflogen."

Und spätestens hier zeigt sich das Dilemma der Kunstfigur: Ob Kurt Krömer die Haare gescheitelt trägt oder kurz, ob er sich beim Herrenausstatter einkleidet oder beim Arbeiter-Samariter-Bund, das macht keinen Unterschied. Krömer bleibt Krömer. Ein Gefangener seiner Figur. Einer, der mit seiner Umgebung fremdelt, weil er in seiner eigenen Welt lebt, egal, wohin man ihn verpflanzt. Einspieler vom Hindukusch zeigen, wie er sich tropenbehelmt in die Truppe einreiht und augenzwinkernd Neuland erkundet. Man hatte nicht erwartet, dass er mit Soldaten über Sinn und Unsinn von Auslandseinsätzen diskutieren würde. Kurt Krömer ist nicht Sandra Maischberger.

Aber gegen Spurenelemente einer Auseinandersetzung mit dem Krieg wäre nichts einzuwenden gewesen. Doch entweder interessierte ihn das Thema nicht oder er machte sich einen Spaß daraus, die Erwartungen des Publikums konsequent zu unterlaufen. Jedenfalls begnügte sich damit, einen Militärseelsorger mit Stories über nervende Nachbarn in good old Germany zu zutexten.

Thema verfehlt oder wieder so eine Verarsche? Einmal mag das funktionieren. Aber bei seinen nächsten Front-Einsätzen wird er sich nicht mehr vor einer Antwort auf die drängenden Fragen der Gegenwart drücken können.

Und jetzt das Wort zum Sonntag.

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