18.08.12

Tatum & McConaughey

"Strippen, das ist Schwerstarbeit"

Die wollen lachen, schreien, hingucken, rumtatschen: Steven Soderberghs neuer Film "Magic Mike" spielt in einer Strip-Bar. Ein Gespräch mit seinen Stars Channing Tatum und Matthew McConaughey.

Foto: DAPD
Channing Tatum, Matthew McConaughey
"Also ehrlich, ich fand dich schon süß, als wir die Szenen gedreht haben": Matthew McConaughey (r.) zu Channing Tatum

Nur männliche Jour­na­lis­ten warten im Hotel de Rome in Berlin-Mitte auf ein Interview mit den Hol­ly­wood­stars Matthew Mc­Co­n­aughey und Channing Tatum. Kein Zufall: Ihr neuer Film "Magic Mike", der seit Don­ners­tag im Kino läuft, spielt in einer Strip-Bar. Und beide lassen dabei wie­der­holt die Hosen runter. Frauen würden zu sehr aus dem Häuschen geraten, war die Be­fürch­tung des Verleihs. So wie die Fans, die dem jüngsten Film von Steven So­der­bergh einen größeren Erfolg beschert haben als seine "O­­cean's"-Filme mit George Clooney und Brad Pitt.

Matthew Mc­Co­n­aughey: Na, das ist ja mal eine De­mo­gra­fie! Nur männliche Jour­na­lis­ten da draußen.

Berliner Morgenpost: Aber auch wir ersparen Ihnen schlüpf­rige Fragen nicht. Hatten Sie je zuvor Er­fah­run­gen mit Strippen?

Mc­Co­n­aughey: Null. Ich war viel­leicht zwei Mal in Strip-Bars.

Berliner Morgenpost: Sie dagegen sehr wohl, Herr Tatum. Der Film basiert auf Ihren Er­fah­run­gen.

Channing Tatum: Ja, ich habe acht Monate lang als Stripper ge­ar­bei­tet. Seither wollte ich eine Ge­schichte darüber erzählen. Denn immer, wenn man unter Männern auf das Thema kam, wollten die mehr darüber wissen: Wie bist du da rein­ge­kom­men? Wie war das? Was verdient man da so?

Berliner Morgenpost: Und: Wie Sind Sie da rein­ge­kom­men? Wie war das? Was ver­dien­ten Sie so?

Tatum: Ich hörte im Radio von einem Vor­sprech­ter­min für eine Männ­er­re­vue. Ich dachte mir, warum nicht? Tanzen konnte ich. Ich war 18 damals, hatte schon zwei Jobs gleich­zei­tig. Aber abends für zwei Stunden noch mal 150 Dollar ein­ste­cken, das hat nicht weh getan. In vier Tagen die Woche kam da was zusammen.

Mc­Co­n­aughey: War also gute Arbeit für dich, oder?

Tatum: Das hat mich zumindest von der Couch meiner Schwester run­ter­ge­holt. Ich war damals ein ver­rück­ter Junge, wollte mich austoben. Das war damals die Welt, in die ich wollte, und nun ja, ich hab sie gefunden. Sex, Drugs und Rock 'n' Roll, das ganze Zeug.

Berliner Morgenpost: Aber die Fas­zi­na­tion hielt nur acht Monate?

Tatum: In Wahrheit ist das eine ziemlich dunkle Welt, deutlich dunkler, als wir sie im Film gezeigt haben. Aber Gott sei Dank bin ich ir­gend­wann auf­ge­wacht und kam da wieder raus. Ich habe heute keine Sucht­pro­ble­me, ich habe auch keine Kinder aus dieser Zeit am Hals.

Berliner Morgenpost: Wie fühlt sich das denn an, im Tanga vor der Kamera zu stehen?

Mc­Co­n­aughey: Das ist Schwerst­ar­beit. Vor allem auf der Bühne. Einfach nur ausziehen genügt nicht. Die wollen lachen, schreien, hin­gu­cken, rum­tat­schen.

Tatum: Das ist immer schreck­lich, vor allem, wenn man vor anderen Jungs steht. Als ich das in echt gemacht hab, habe ich mir keine Gedanken darüber gemacht, was für ab­ge­drehte Dinge ich da tat. Da war ich jung und wollte Spaß. Und damals haben mich ja auch nur ein paar Hundert Frauen gesehen.

Berliner Morgenpost: Beim Film dürften es jetzt aber ein paar mehr sein. Was ist das Ziel­pu­bli­kum? Nur die Frauen, wie in der Strip-Bar?

Tatum: Ich würde mal kal­ku­lie­ren, dass mehr Frauen als Männer in den Film gehen. Aber wer immer kommt, wird wohl aus demselben Grund kommen.

Mc­Co­n­aughey: Genau. Ich meine, wir zeigen Haut. Männliche Haut. Wer immer drauf steht, ist hier richtig. So einfach ist das.

Tatum: Es ist aber keine Schnulze, kein Film nur für Frauen. Männer erfahren schon auch ganz schön viel über sich.

Mc­Co­n­aughey: Irgendwie hat das doch jeder mal erlebt. Also jetzt nicht unbedingt das Strippen. Aber blöde Jobs haben wir doch alle schon gemacht, um ein paar Kröten in der Tasche zu haben.

Berliner Morgenpost: Als Sie zusammen die Hosen run­ter­las­sen mussten, war da auch so etwas wie eine ho­moe­ro­ti­sche At­mo­sphäre in der Luft?

Tatum: Wenn Sie da stehen und mit Ihren Kleidern wedeln, nach dem Motto: Yeoh yeoh, let this go? Nee, wirklich nicht.

Mc­Co­n­aughey: Also ehrlich, ich fand dich schon süß, als wir die Szenen gedreht haben.

Tatum: Hört, hört! Nein, im Ernst: Die Arbeit macht doch Narren aus uns. Da ist überhaupt nichts Se­xu­el­les. Frauen gehen auch nicht da hin, weil sie sich sexuelle Kicks ver­spre­chen. Sie gehen da hin, um ihre Freun­din­nen in Ver­le­gen­heit zu bringen.

Berliner Morgenpost: Ach so?

Tatum: Ja. Die schicken denen kaum be­klei­dete Männer auf den Tisch und wollen gucken, was die für Gesichter machen. Und wie sie rot werden. Darum geht's. Als Steven (So­der­bergh, der Re­gis­seur, die Red.) uns durch diese Acts geführt hat, lief er auch knallrot an, hat sich aber auch vor Lachen kaum ein­ge­kriegt, weil er nicht glauben wollte, was wir da gemacht haben. So etwas hat er noch nie gesehen.

Berliner Morgenpost: Gab es so etwas wie Kon­kur­renz zwischen Ihnen: wer besser aussieht, wer besser performt?

Tatum: Oh Gott nein.

Mc­Co­n­aughey: Wir wussten alle, dass Channing besser tanzt.

Tatum: Immerhin: Ge­wöhn­lich spielst du beim Dreh deine Szene, dann heißt es Cut, du gehst zurück in deinen Trailer und wartest, bis du wieder dran bist. Hier war es anders: Wir sind alle da­ge­blie­ben, haben alle geguckt, was die anderen machen. Das war echt lustig. Und hat uns wohl alle noch mal ge­gen­sei­tig an­ge­sta­chelt.

Berliner Morgenpost: Wird es denn mal eine Spe­­cial-DVD mit allen Strip-Ein­la­­gen in voller Länge geben?

Tatum: Darüber wurde schon mal geredet. Aber ehrlich? Die sind gar nicht so toll, wir haben da schon immer das Beste zu­sam­men­mon­tiert, vieles ist auch ganz schön peinlich. Vor allem: Die Einlagen fangen un­ter­schied­lich an, enden aber alle gleich. Das ist viel­leicht doch ermüdend.

Berliner Morgenpost: Die Frauen, vor denen Sie beim Dreh getanzt haben, waren bezahlte Sta­tis­ten?

Mc­Co­n­aughey: Ja, die bekamen Geld dafür, zu­zu­gu­cken.

Tatum: Ich hatte mal überlegt, normale Frauen von der Straße rein­zu­ho­len. Aber die Ver­trags­mo­da­li­tä­ten hätten das nicht zu­ge­las­sen. Und manchmal war es schon schwer genug, die Sta­tis­tin­nen im Zaum zu halten.

Berliner Morgenpost: Was un­ter­schei­det einen guten von einem schlech­ten Strip?

Mc­Co­n­aughey: Du bist der Experte.

Tatum: Schwer zu sagen. Der eine tanzt besser, der andere posiert besser. Der dritte ist Wrestler, also lässt man ihn einen Kampf auf­füh­ren. Jeder bringt etwas Per­sön­li­ches mit ein. Aber es ist nicht so, dass Strippen dich in der Kör­per­spra­che, gar in deiner Se­xua­li­tät irgendwie besser oder at­trak­ti­ver macht. Es ist nur Tanzen.

Berliner Morgenpost: Gibt es Ähn­lich­kei­ten zwischen Strippen und Schau­spie­len?

Tatum: Sie wollen jetzt sicher hören, beides ist ein Spiel, man muss sich entblößen und trotzdem einen Schutz bewahren oder so. Aber wenn Sie so was einmal auf der Bühne gemacht haben, glauben Sie mir, dann wissen Sie: Das ist mit nichts zu ver­glei­chen.

Berliner Morgenpost: Geht es nicht auch darum, Emotionen vor­zu­gau­keln?

Tatum: Nee, echt nicht. Strippen ist eine Show, Per­for­man­ce. Du kannst bes­ten­falls so tun, als ob es dir Spaß macht, auf der Bühne im Höschen rum­zuhüp­fen. Aber wenn du dann hinter die Bühne kommst und du siehst all die anderen da in ihrem Outfit, dann musst du los­plat­zen vor Lachen. Schau­spiel ist dann doch viel mehr.

Mc­Co­n­aughey: Es gibt da ganz sicher weniger Trennung zwischen dem, was du bist, und dem, was du vorgibst. Du musst da raus und deine drei, vier Minuten bestehen. Da gibt's kein Cut und keinen zweiten Take. Und du musst auf­pas­sen, dass du deinen Tanga nicht zu früh raus­hol­st, sonst kommst du ins Nie­mands­land.

Berliner Morgenpost: Aber werden nicht auch Stars – wie Stripper – gern zu Objekten der Begierde de­gra­diert?

Tatum: Jahr­zehnte über waren es die Frauen, die im Kino zu Objekten de­gra­diert wurden. Ich finde, das ist nur korrekt, wenn wir da mal die Seiten wechseln. Aber ich fühl mich jetzt nicht als Ding- Ob­jekt.

Berliner Morgenpost: Sie haben aber doch schon öfter in Filmen das Shirt ausziehen müssen, weil das Ziel­pu­bli­kum das sehen will.

Tatum: Also wenn ein Film am Strand spielt, werde ich da wohl nicht im Anzug stehen. Wenn es im Drehbuch steht und wenn es Sinn macht in der Szene, klar zieh ich dann das Shirt aus. Es ist aber nicht so, dass ich es nicht erwarten kann, bis ich's tun darf.

Mc­Co­n­aughey: Also ich mochte es, wenn ich in meinen An­walts-Rol­len mein Shirt ausziehen durfte. Doch, doch.

Berliner Morgenpost: Das kann Ihnen wohl auch nicht ganz egal sein, den Körper in Form zu halten ...

Mc­Co­n­aughey: Klar willst du gut aussehen. Ich fühl mich einfach besser dabei, du hast ein anderes Be­wusst­sein, mehr Selbst­ver­trau­en.

Tatum: Ich hab 20 Pfund zugelegt zwischen den letzten beiden Filmen. Ich bin gern faul, ist mir egal, wie ich dann aussehe. Solange ich gut schau­spie­le­re, ist mir der Rest schnurz.

Berliner Morgenpost: Wie weit würden Sie in Sachen Nacktheit gehen, be­ruf­lich, meine ich? Lars von Trier ließ Sexszenen ja schon in echt durch­spie­len.

Mc­Co­n­aughey: Ich glaube, mit "Magic Mike" bin ich so weit gegangen, wie ich gehen möchte.

Tatum: Sex vor der Kamera? Das bringt den Film auch nicht weiter. Ich mag Sexszenen ja schon nicht, wenn sie nur gestellt sind. Das ist echt schlimm: Wenn plötzlich die Brüste von Angelina Jolie vor dir hängen, lenkt das enorm von deinem Charakter ab. Man soll ja nie nie sagen, aber das müsste schon sehr, sehr notwendig sein. Wüsste nicht, was das sein sollte.

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  • Channing Tatum ...

    ... Jg. 1980, begann als Wer­be­mo­del und ab 2006 erst mit be­lang­lo­sen Tanz­fil­men wie "Step Up", bis er sich mit dem Sport­drama "The Fighter" als ernst­haf­ter Schau­spie­ler durch­setz­te. Derzeit zählt er zu den am heißesten ge­han­del­ten Stars in Hol­ly­wood. Die Ge­schichte von "Magic Mike" basiert weit­ge­hend auf seinen Er­fah­run­gen. Tatum hat den Film auch pro­du­ziert.

  • Matthew McConaughey ...

    ... Jg. 1969, wurde 1996 mit dem Ge­richts­drama "Die Jury" zum Star und hat seither vor­nehm­lich in Aben­teu­er­fil­men und Romantic Comedys à la "Der Wo­ma­ni­zer" gespielt. Dieses Images wurde der Texaner in letzter Zeit über­drüs­sig, weshalb er derzeit extremere Rollen forciert – wie in "Killer Joe", in "Mud" oder jetzt als Leiter einer Strip-Bar in "Magic Mike".

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