10.08.12

Russland

So hauste die Islam-Sekte tief unter der Erde

Acht Ebenen, kein Licht, kaum Luft: 27 Kinder lebten mit der radikalen Sekte in dem unterirdischen Verlies in Russland.

Das Haus am Rande der Stadt Kasan ist von einem breiten Zaun aus dreckig-weißem Ziegelstein umgeben. Aus dem Dach ragt ein grünes Minarett empor. Eine Videoaufnahme der russischen Polizei zeigt eine schmutzige Treppe, die in die Dunkelheit des Kellers führt. Dort beginnt ein unterirdisches Labyrinth aus Dutzenden Kammern. Acht Ebenen, kein Licht, keine Ventilation. In diesem Hause lebte jahrelang, von der Außenwelt abgeschnitten, eine Sekte aus mehr als 60 Menschen: 15 Männer, 23 Frauen und 27 Kinder. Die Kinder wuchsen im Keller auf, waren nie beim Arzt und besuchten keine Schule. Einige von ihnen haben noch nie in ihrem Leben Tageslicht gesehen. Das kleinste Kind war nur fünf Monate, der älteste 17 Jahre alt.

Koran als einzige Lektüre

Der Besitzer des Hauses und Gründer der Sekte ist der 85-jährige Faisrachman Satarow. Er ist in Baschkortostan geboren und studierte Religion in Usbekistan. Zu Sowjetzeiten nannte er sich Imam Ufa in seiner Heimatrepublik, in den 70er-Jahren ist er zum stellvertretenden Mufti aufgestiegen. In den 80er-Jahren erklärte er sich selbst zum Propheten Gottes. Zuerst hatte er nur sieben Anhänger, zehn Jahre später, nach dem Zerfall der Sowjetunion, waren es bereits 80.

Er erzählte, er habe Visionen, in denen Allah mit ihm spricht. Seine Offenbarungen schrieb Satarow auf Tatarisch und Arabisch auf, diese Texte und der Koran waren die einzige erlaubte Lektüre für seine Anhänger. 1996 kaufte einer seiner Schüler ein Grundstück in Kasan, um dort angeblich eine religiöse Schule zu bauen, das Gelände wurde für heilig erklärt. Dorthin zogen die Mitglieder der Sekte und begannen mit dem Bau eines Bunkers. Seit 2001 schotteten sie sich von der Außenwelt fast komplett ab, nur wenige durften das Gelände verlassen, und auch nur, wenn es absolut notwendig war.

2004 wurde das Haus aufgrund von Schulden von Strom und Wasser abgeschnitten. Daraufhin kaufte die Kommune einen Dieselstromgenerator und grub auf dem Grundstück einen Brunnen. Sie hatten ein Auto und einen Kühlschrank für alle Mitglieder. Im Haus gab es ein Radio, doch Zugang zu den Nachrichten hatte nur ein ausgewählter Kreis. Angeblich sollten die Mitglieder ihr ganzes Eigentum für die Sekte spenden.

Die Videoaufnahmen der Polizei zeigen Männer mit langen Bärten, mit selbst gemachten Turbanen und Kaftanen. Jeder, der der Sekte beitrat, sollte einen Eid ablegen und sich Satarow völlig unterwerfen. Die staatlichen Gesetze, aber auch die Regeln des klassischen Islams wurden für nichtig erklärt, Anhänger anderer Religionen wurden für Feinde gehalten. Die verstorbenen Sektenmitglieder wurden nicht auf den muslimischen Friedhöfen, sondern in den umliegenden Feldern beigesetzt.

Das unterirdische Labyrinth wurde nur zufällig entdeckt. Am 19. Juli wurde der Mufti der Republik Tatarstan, Ildus Faisow, bei einem Attentat schwer verletzt, sein Stellvertreter wurde am gleichen Tag ermordet. Die Staatsanwaltschaft leitete Ermittlungen ein, verdächtigt wurden radikalislamische Gruppen. Die Republik Tatarstan galt in Russland lange als Hochburg des gemäßigten Islams, auch Faisow war als Gegner von radikalen Strömungen bekannt. Letzte Woche tauchte im Internet ein Video auf, in dem sich "Mudschahedin von Tatarstan" zu den Anschlägen gegen "Feinde Allahs" bekennen.

Die Polizei suchte nach islamistischen Gruppen, so geriet die Sekte von Satarow – "Faisrachmanisten" ins Visier. Allerdings hatten sie mit den Anschlägen nichts zu tun: Zwar erklärte ihr Prophet die Muslime in Tatarstan für ungläubig, doch zum bewaffneten Kampf rief er nie auf.

17-Jährige war schwanger

Letzte Woche durchsuchte die Polizei das Haus von Faisrachmanisten. Die Mitglieder versuchten sich dabei zu wehren und öffneten Ballons mit Gas. Die Polizei fand weder Sprengstoff, Waffen noch Drogen und beschlagnahmte lediglich Bücher und Audioaufnahmen.

Gegen Satarow wurde eine Anklage erhoben, bis jetzt drohen ihm sechs Monate Haft. In der letzten Zeit war er krank und verließ selten sein Bett, die Sekte verwaltete er über seinen Assistenten. Die Staatsanwaltschaft verordnete ihm, die Organisation aufzulösen, und droht mit dem Zwangsabriss des Hauses.

Auch gegen mehrere Eltern wird wegen Verletzung der Kinderrechte ermittelt. 13 Kinder wurden mit ihren Müttern ins Krankenhaus gebracht, einige von ihnen leiden an Anämie und Tuberkulose.

Eine 17-jährige Frau war schwanger, eine andere Frau hat während der Durchsuchung eine Fehlgeburt erlitten. Die Ärzte erzählen, dass die Patienten sich weigern, Medikamente zu nehmen, außerdem nehmen sie nur das Essen zu sich, das ihre Verwandten aus der Gemeinde bringen. Einige Kinder wurden bereits in Heimen untergebracht, um sie neu zu sozialisieren.

Offenbar war die Existenz der Sekte bereits lange bekannt. In der Republik wurden Satarow und seine Anhänger für geisteskrank gehalten, es war sogar bekannt, dass sie mit Kindern in seinem Haus leben, abgeschottet von der Welt. Warum die Behörden allerdings so lange nicht reagiert haben, bleibt bislang unklar.

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