07.08.12

Burgbau

Mittelalter-Knochenjob mit modernem Arbeitsrecht

Im österreichischen Friesach wird eine Burg errichtet – mit den Methoden des Mittelalters. Die Arbeiter dürfen zwar Schienbeinschoner benutzen, aber bitteschön nur selbst gefertigte aus Holz.

Foto: Elisalex Henckel Donnersmarck
Mit viel Handarbeit und ein paar selbst gebauten Maschinen: Zwei Maurer an der Stelle, wo der 27 Meter hohe Burgturm entstehen soll
Mit viel Handarbeit und ein paar selbst gebauten Maschinen: Zwei Maurer an der Stelle, wo der 27 Meter hohe Burgturm entstehen soll

Es ist ruhig auf der Baustelle, sehr ruhig. Kein Betonmischer, der rattert, kein Presslufthammer, der dröhnt. Aus dem Wald ist bloß das Hacken von Holz zu hören, das Klappern von Metall und das Plätschern eines Wasserlaufs, denn die Menschen, die hier schuften, tun dies ganz ohne die Hilfe von Maschinen. Sie bauen eine Burg – mit Methoden wie im Mittelalter.

Nicht, dass es in und um Friesach mangeln würde an Burgen. Zwei thronen bereits über der kleinen Kärntner Stadt, dazu Stadtmauern und andere Wehranlagen oder zumindest das, was von ihnen die Jahrhunderte überdauert hat. Die ganze Region ist reich an Burgen, die vielleicht spektakulärste – Hochosterwitz – nur eine halbe Stunde Autofahrt entfernt.

Die neue Burg von Friesach soll jedoch mehr werden als nur ein Gebäude nach mittelalterlichem Vorbild. Sie soll nicht nur den Tourismus ankurbeln, sondern auch der Wissenschaft neue Erkenntnisse liefern und Langzeitarbeitslose beschäftigen. Die Vergangenheit, das ist jedenfalls der Plan, soll Zukunft schaffen.

Das Mittelalter beginnt an einem Gatter aus Holz

Wer das Burgbaugelände besucht, stößt zunächst auf eine Menge neuzeitlicher Errungenschaften. Hinter Schautafeln, die Namen und Logos der Sponsoren auflisten, steht eine Reihe hellblauer Container. Sie beherbergen die Arbeiter, wenn sie Pause machen, aber auch die Nähmaschine, auf der ihre Leinenwämse entstehen, einen Computer und natürlich die Kasse.

Das Mittelalter beginnt an einem Gatter aus Holz, neben der Koppel von Norikerstute Flora und den anderen Zugpferden, die den Burgbauern ab dieser Grenze dabei helfen, Steine, Holz, Sand, Kalk und was sonst noch gebraucht wird, an ihren Platz zu bringen. Ein Weg führt eine bewaldete Anhöhe hinauf, auf der rechten Seite hämmert ein Schmied auf einem Stück Metall herum, auf der linken schaben zwei Frauen Rinde von Fichtenstämmen.

Zurzeit arbeiten 35 Menschen an der Burg, darunter viele ausgebildete Maurer, Tischler, Steinmetze und eben ein Schmied, aber auch viele Langzeitarbeitslose aus ganz anderen Bereichen, die hier neue Fähigkeiten erwerben und neues Selbstvertrauen schöpfen sollen, um nach ein oder mehreren Saisons auf der Burgbaustelle wieder eine Stelle auf dem regulären Arbeitsmarkt zu finden.

"Für mich war es wie eine Therapie"

Dominik Pippan steht über einem bereits entrindeten Fichtenstamm und behaut ihn so mit einer Axt, dass er später zu Brettern zersägt werden kann. Eine Arbeit, die sonst eine Maschine im Handumdrehen erledigt. Sie sei anstrengend, aber schön, sagt der 31-Jährige. "Der Kontakt mit dem Material, die frische Luft, die Bewegung, das spart mir das Fitnesscenter." Pippan kam nach einem Unfall zum Burgbau, er ist schon seit drei Jahren hier. "Für mich war es wie eine Therapie."

Wie seine Kollegen trägt er über sandfarbener Arbeitskleidung einen Leinenwams, dazu moderne Sicherheitsschuhe und eine Brille, die er auf Aufforderung des Burg-Friesach-Geschäftsführers Jürgen Freller hastig abnimmt, als er fotografiert wird. "Er kann ja nicht blind arbeiten", sagt Freller entschuldigend, "diese Zugeständnisse an die Gegenwart müssen wir machen, aber wir bemühen uns, auf der Burgbaustelle so authentisch wie möglich zu sein."

Das moderne Arbeitsrecht sorgt beim Friesacher Burgbau für Bedingungen, die einem Arbeiter aus dem Mittelalter wohl paradiesisch vorkommen dürften – 38-Stunden-Woche, Wochenendruhe, Urlaub. So weit es gehe, versuche man aber den heutigen Ansprüchen mit den Mitteln des Mittelalters gerecht zu werden, sagt Freller und zeigt auf Dominik Pippans Schienbeinschoner. Sie sind nicht aus Plastik, sondern aus Holz geschnitzt.

Eine Baustelle als Geschichtslabor

In der Zimmermannshütte ein wenig weiter den Hang hinauf hacken zwei Männer Holzklötze zu Schindeln, eine Frau hobelt sie glatt. Gegenüber schlägt ein Steinmetz Felsbrocken für den 27 Meter hohen romanischen Turm zurecht. Allein dafür werden die Burgbauer insgesamt 4000 Tonnen Stein verarbeiten, sagt Freller.

Mit dem sogenannten Bergfried entsteht dann erst der erste Teil der eigentlichen Burg, obwohl das Gelände bereits 2009 eröffnet wurde. Allein die Rodungsarbeiten und der Bau des Weges hat ein Jahr gekostet, es folgten die Handwerkerhütten und erste Teile der Mauer um den geplanten Turm, inzwischen sind die Punkte abgesteckt, innerhalb derer die Maurer demnächst damit beginnen werden, ihn hochzuziehen.

"Im Tourismus reden alle von Entschleunigung, die wird bei uns gelebt", sagt Johannes Grabmayer, Professor für mittelalterliche Geschichte an der Universität Klagenfurt und wissenschaftlicher Leiter des Friesacher Burgbauprojekts. Ihn interessiert die Baustelle als "Geschichtslabor" sowieso mehr als das fertige Bauwerk, das nicht nach einem historischen Vorbild, sondern als eine Art Protoyp einer Höhenburg im Raum Alpen-Adria um das Jahr 1200 errichtet wird.

Ehrgeizige Ziele

Die Idee, im 21. Jahrhundert eine Burg neu zu bauen, stammt jedoch nicht von Grabmayer, sondern von zwei Frauen, die man in Friesach inzwischen vergeblich sucht, der Klagenfurter Historikerin Renate Jernej und ihrer Geschäftspartnerin Gertrud Pollak. Sie entstand während eines Restaurierungsprojektes mit Arbeitslosen und ähnelte nur auf den ersten Blick einem gut besuchten Burgneubauprojekt, das es im französischen Guédelon bereits gibt.

Tatsächlich hatten Jernej und Pollak deutlich ehrgeizigere Ziele: Sie wollten mehr als einen historischen Themenpark und begnügten sich auch nicht damit, alte Techniken zu erforschen und zu bewahren. Sie sprachen von einer "Schule des Bauens", in der sie auch neue Lern- und Managementstrategien ausprobierten und sich für Barrierefreiheit, "gender diversity" und die Begegnung von Menschen aus verschiedenen sozialen Schichten einsetzten.

Jernej und Pollak wollten "etwas, das ausstrahlt" – der Stadt Friesach als Eigentümerin der Projektgesellschaft kam dabei der Tourismus zu kurz. Vergangenes Jahr drangen "Auffassungsunterschiede" an die Öffentlichkeit, inzwischen sind nicht nur Jernej und Pollak gegangen, nach offiziell "einvernehmlicher" Trennung, sondern auch der einstige Geschäftsführer und die Pressesprecherin, vom Führungsteam ist nur Johannes Grabmayer, der wissenschaftliche Leiter, geblieben.

Besucherzentrum im nächsten Frühjahr

"Die beiden Damen wollten eine Sozialutopie", sagt der Professor, "die war hochinteressant, aber aus meiner Sicht und der der Stadt undurchführbar, weil hier öffentliche Gelder verwendet werden. Es ging immer um ein Tourismusprojekt mit wissenschaftlicher Begleitung und nicht um eine Gegenwelt mit touristischer Begleitung."

Bis nächsten Frühjahr soll ein Besucherzentrum fertiggestellt werden, ab 2016 soll sich das Projekt, für das die Stadt, das Land Kärnten, die österreichische Arbeitsagentur AMS und die EU insgesamt gut sechs Millionen Euro zur Verfügung gestellt haben, dann selbst tragen. Der neue Geschäftsführer Jürgen Freller erhofft sich 70.000 bis 100.000 mittelalterinteressierte Besucher pro Saison. Wann die durch die fertige Burg wandern können werden, weiß auch Johannes Grabmayer nicht so genau. Er schätzt in etwa 30 bis 40 Jahren.

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