06.08.12

"Generation Porno"

Bei Youngster-Partys Treue neu definieren

Sind junge Leute durch das Internet besonders abgebrüht im Umgang mit Sex? Im Swingerclub machten unsere Autoren den Test, bei wummerndem Elektrobass und mit einem Publikum wie auf der Loveparade.

Foto: Bildagentur Huber
Tänzerin in Disco
Tänzerin in einer Disco. Zwei "Welt Online"-Reporter sahen sich in einem Swingerclub um

Sie – Julia Friese

Ich sitze in einem kurzen Kleid auf einer Bank, auf der es zunehmend dunkler wird. Immer mehr Hosenschlitze gruppieren sich im Halbrund um mich herum. Rechte Hände streifen Präservative über, linke Hände streifen über meine Knöchel, fahren auf Fingerspitzen hoch zu meinen Knien. "Wofür hast du eigentlich vorher geschrieben?", frage ich Frédéric, während ich die Hände wie Fliegen verscheuche. Unser Kollegen-treffen-sich-zum-ersten-Mal-in-der-Kantine-Gespräch findet nicht in der Kantine statt. Sondern im Swinger-Club.

In der "Süddeutschen" war vor kurzem vom "Boom der Swinger-Clubs bei jungen Menschen" zu lesen. So genannte Youngster-Partys würden das "frivol-verschwiemelte" Image von Gruppensex-Partys zur schicken Lifestyle-Events generalüberholen. Ein Phänomen, das mit der "Generation Porno" verlinkt wurde. Jener Generation, die mit dem Internet aufgewachsen, schon so früh Zugang zu Pornografie erhalten habe, wie keine Generation zuvor.

Große Teile dieser Generation hätten als Konsequenz ein neues Verständnis von Treue entwickelt, welches zwischen Liebe und Sexualität trenne. Nachdem ich das Themenfleisch "Swinger-Party" in den Käfig meines digital nativen Freundes- und Bekanntenkreis geworfen habe, nähern sich alle freundlich interessiert dem zugeworfenen Happen, man umkreist ihn, aber keiner beißt an.

Man schiebt mir, der Reporterin, das Stückchen vor die Nase: Probier mal, sagen sie, und sag uns dann auf jeden Fall wie es war. Dann laufen sie weg. Entweder sind die um 1985 geborenen, eher die "Generation Animiertes Gif", denn YouPorn – oder die Youngster-Party ist doch eher eine Nische unter dem medialen Vergrößerungsglas als ein Generationen-Symptom.

Publikum wie auf der Loveparade

Tatort Youngster-Party in Berlin: Ein von innen illuminierter Phallus, wummernder Elektrobass und ein Publikum wie auf der Loveparade - nur in monochrom. Ob zahnseidene Unterwäsche, Lackmini oder durchsichtige Bluse – egal ob 18 oder 40 Jahre alt, man trägt schwarz. Hier und da steppt eine Sonntagstänzerin auf High Heels von einem Bein auf das andere. Eine Männergruppe trägt Cowboyhut und Besitzer eines Fitnessstudio-Abos zerrissene Unterhemden. Das ist also dieser "Exzess" der verdorbenen digital Eingeborenen. Soso. Hätte ich mein Smartphone nicht am Eingang abgeben müssen, würde ich es jetzt zücken. Wie viel Uhr? Neue Nachricht? Update? Hallo?

Ein korpulenter Mann liegt auf einem Himmelbett. Wie Gott ihn schuf und er sich nährte. Ein Jacuzzi beinhaltet türkis leuchtendes, brummendes Wasser und darüber zwei nackte Köpfe, deren Lippen aufeinander liegen. Ein Mittzwanziger liegt auf einer Sitzfläche davor und starrt auf den French Kiss, als sei er ein Fernseher. Statt eines Biers hält er seine Männlichkeit in der Hand. Wie lässig!

Generation Porno klingt despektierlich und verallgemeinert, was nicht zu verallgemeinern ist. Die digital Nativen sind zweifelsohne die Generation Zugang, aber es liegt wohl an persönlichem Interesse und Umfeld, inwiefern dieser Zugang auch genutzt wird. Und ob ein genutzter Zugang die Einstellung zur Sexualität, zum eigenen Körper oder zum Beziehungsleben beeinflusst, hängt wohl ebenso vom Konsumumfang, Persönlichkeit, Bildungsgrad, Alter und auch Umfeld ab.

Rico (Name geändert) ist 22, zu Cargo-Shorts kombiniert er einen freien Oberkörper. Seit über vier Jahren geht er regelmäßig auf Youngster-Partys, auch seinen 18. Geburtstag hat er hier gefeiert. Er hat ein sonniges Wesen und auf den hier statt findenden Partys schon mit fünf Menschen gleichzeitig kopuliert.

Er erzählt nicht prahlerisch, er erzählt wie jemand der berichtet, in einem besonderen Restaurant ein besonders zartes, fein marmoriertes Steak gegessen zu haben. Er empfindet Genuss. Eine Freundin hat er nicht. Er sagt, die meisten Gesichter, die zu diesen Partys kämen, sähe er jede Woche wieder, man kenne sich.

Kick mit doppeltem Boden

Youngster-Partys sind kein Trend. Und das ist aller Wahrscheinlichkeit nach auch gut so. Denn wären sie Trend, würden auch junge Menschen an der Garderobe neben dem Eingang ihre Straßenkleidung gegen ein Sexkostüm tauschen, die das eigentlich nicht möchten.

Am Rande einer tonlosen Szenerie auf Turnmatten steht ein junges Pärchen. Sie trägt ein buntes Blumenkleid, ihr Körper ist zu ihrem Freund gerichtet, den sie am oberen Rücken umarmt. Sie stehen da, als beobachten sie einen Autounfall. Er streicht ihr über den Kopf, die Umarmung hat etwas Tröstendes, die beiden küssen sich. Die Wahrscheinlichkeit, dass das junge Paar hier heute Sex sucht, ist gering. Grundsätzlich geht es ihnen gut, vielleicht sogar so gut, dass sie gelangweilt sind.

Im Gespräch darüber mit Menschen, die im Schnitt Internetzugang haben seit sie zwölf sind und Handys besitzen seit sie 15 Jahre alt sind, ernte ich viele neugierige Nachfragen. Die meisten enden damit, dass man sich einig ist: Man selber würde nicht auf eine Swinger-Party gehen, höchstens aus Spaß und wenn dann mit dem Partner gemeinsam.

Einzig ein 32-Jähriger ist unabhängig von meinen Schilderungen begeistert. Er plant seine Freundin auf das Thema anzusprechen. Der 32-Jährige reagierte als einziger so, wie Sexualtherapeuten es von großen Teilen, der doch etwas jüngeren Generation Porno erwarten: Sex und Liebe, das sei für ihn zu trennen. Wenn man sich Intimgymnastik mit fremden Partnern gegenseitig erlaube, oder sogar im gleichen (Club-)Raum über die Schulter des Fremden hinweg das "Daumen hoch"-Zeichen gebe, sei das kein Betrug. "Eher ein Kick mit doppeltem Boden."

Der 32-Jährige konsumiert Pornografie, seit er zwölf Jahre alt ist. Das Internet kann für diese frühe Leidenschaft allerdings nicht verantwortlich gemacht werden. Der gebürtige Berliner hat damals Videokassetten mit seinen Kumpels getauscht.

Er – Frédéric Schwilden

Ich weiß alles über Sex. Dachte ich zumindest. Ich kann die Bedeutung folgender Begriffe auch erklären ohne rot zu werden: Bondage, Top, Spanking, Figging, Rimming. Angeblich gehöre ich zur Generation Porno. Aber die gibt es nicht. Schon allein, weil das Leben an sich Porno ist. Das germanische Nationalmuseum in Nürnberg zeigt das pornografische Kartenspiel eines Papstes.

Die New Yorker Kunstband The Velvet Underground sang 1967 von SM-Praktiken, lange bevor Alice Schwarzer sich über den Porno-Rap echauffierte. Jeff Koons, Hotel Desire, Shades Of Grey. Durch die beiden Rotlichtexperten Ulla Oberender und Michael Beretin, ebenfalls bei den Privaten, weiß ich nun, dass ein Bordell vornehmlich ein Wellness-Tempel mit Wohlfühlfaktor ist.

Aber wenn man dann vor dem Eingang zu diesem Swinger-Club in Tempelhof steht, es ist schon dunkel, kurz nach Mitternacht, und alles um einen herum sieht so geheimnisvoll aus, gibt es keine Theorie mehr. "Young Love" heißt die Veranstaltung. Nach Eigenauskunft der Clubseite eine "Electro-House-Party für Youngster & Junggebliebene, Freaks & Kinky Techno". Gäste zwischen 18 und 25 haben kostenlosen Eintritt.

Meine Kollegin Julia und ich betreten den Eingangbereich. "Wenn euch ein Mann oder so belästigt, sagt Bescheid. Der fliegt dann." Immerhin, die Frau mit den Riesen-Brüsten, die durch das Lack-Korsett noch riesiger wirken, deren Augen so tief sind durch das viele Schwarz drum herum, scheint wirklich sehr besorgt um die Gäste des Clubs. Schon mal ganz okay. Weil ich ein Hemd trage, schaut mich Julia aus ihrem echt kurzen Kleid ein bisschen unglücklich an. Na gut. Hemd weg. Also nur noch schwarze Hose, Weste und Schuhe, sonst nichts.

Elektro, Pärchenfloor, Spa-Bereich

Eine Treppe hoch, vorbei an Glaskästen mit Keuschheitsgürtel, Peitschen, Stöpseln und was eben gerade so modern ist, beginnt die Tanzfläche. Es riecht so wie in Esoterik-Läden ein bisschen nach Opium. Da stehen erstaunlicherweise wirklich junge Menschen. Bei Swingen denkt man ja an Typen die Horst und Manuela oder Cindy und Maik heißen. Es läuft Elektro, ein paar fummeln, oben auf einer Empore ist der Pärchenfloor, durch einen Vorhang geht es unten in den Spa-Bereich.

Wir trinken Bier und schauen Menschen in einem Whirlpool beim Sex zu. Wir müssen extrem gut aussehen, wie wir den beiden zuschauen. Denn vor uns steht auf einmal eine Männergruppe. Vier Weiße, ein Schwarzer. Julia sitzt links, da ist auch eine Wand, ich sitze rechts. Und neben mir nimmt einer aus Bahrain Platz und fragt mich, ob Julia nach der Größe entscheide. Ich antworte wahrheitsgemäß, dass ich es nicht wisse, verweise auf meine Begleitung. Die ersten Hände berühren Julia. Ich schaue zum Bahrainer, der gerade kurz vor seinem arabischen Frühling zu stehen scheint.

Als ich acht war, hatte ich meinen ersten eigenen Computer mit Internetanschluss, mein Vater ist Wissenschaftler. Mit zwölf wurde die Leitung für ein paar Wochen gekappt und es gab eines dieser Gespräche, auf das keiner so richtig Lust hat. Weder die Eltern, noch das Kind. Ich hatte mit meinem Freund Simon, mit dem ich eigentlich Hausaufgaben machen wollte, den Browserverlauf mit einigen obszönen Internetseiten gefüllt, dummerweise vergessen ihn zu löschen.

So fanden meine Eltern heraus, dass ihr Sohn sich den nackten Körper einer lächelnden Asiatin, die anscheinend noch eine sehr gute Freundin zu Besuch bei sich hatte, mehrfach und in verschiedenen Posen angeschaut hatte. Was der Vater nun gesagt hat? Bestimmt irgendwas mit "das Internet ist sehr verführerisch" und "Du musst damit bewusst umgehen".

Genaueres weiß ich wirklich nicht mehr. Aber geschadet hat der frühe Konsum solcher Bilder wohl nicht. Der Anblick des Bahrainers, der anderen fünf Typen, der Menschen in knackengen Leder-Shorts, super Push-Korsagen, gibt mir doch ein seltsam undefinierbares Gefühl von Unbehagen.

Lustige Tribals auf Venushügeln und Steißen

Schnell verlassen wir den Spa-Bereich. Lassen das Pärchen weiter planschen und durchbrechen den Rubbel-Halbkreis. Wir tanzen ein bisschen. Bumm. Bumm. Utz. Utz. Ständig gucken Typen auf Julia, sprechen Sie an. Für mich interessiert sich nur so eine kleine Gothic-Pummel-Maus. Sie nimmt mir mein Bier aus der Hand, trinkt einen Schluck, schaut mich fragend an und geht dann doch wieder.

Weiter tanzen. Bier trinken. Rumschauen. Jung sind sie hier schon, so vielleicht Ende zwanzig. Aber attraktiv? Es gibt viele Pumper mit ganz kurzen Haaren, schweren Ketten und mehr so Military-Style. Viele Frauen haben diese lustigen Tribals auf Venushügeln, Steißen und wo es halt noch so hinpasst.

Wir sitzen im Pärchenbereich mit Rico (Name geändert) aus Pankow, 22, Koch. Er empfehle ja eher den Saturday Night Fuck. Er streichelt Julia dabei und erzählt von abgefahrenen Sachen mit fünf Leuten gleichzeitig. Und gegenüber knien zwei Frauen parallel in Hündchenstellung auf Lederquadern. Zwei Männer haben mit ihnen Sex. Während sie zustoßen, reden die Männer miteinander. Vielleicht über Musik oder das Wetter. Dann wechseln sie, die Frauen bleiben brav liegen und weiter geht's.

Jetzt mal ehrlich, das Phänomen Sexparty ist nun wirklich nichts Neues. Aber wenigstens waren die in Rom noch nicht überall bemalt.

Und auch wenn das jetzt albern klingt, Rico, der Bezirks-Proll, die Kleine, die Tribal-Babes, irgendwie sind das Freiheitskämpfer. Die wollen keinen perfekt inszenierten Porno-Sex nachstellen, die wollen ihr Ding machen, weil sie Lust darauf haben. Es scheint unmöglich, das alles zu ordnen. Ich denke an Dash Snow, den jungen New Yorker Künstler, der früh an einer Überdosis Heroin gestorben ist. Der hat von seinen Exzessen mit Frauen, Männern und noch mehr Frauen Polaroids gemacht. Das war dann Kunst und ziemlich teuer.

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