01.08.12

Fall Carlina White

Baby-Entführerin muss für 12 Jahre ins Gefängnis

Eine Frau stiehlt einen Säugling, nun muss sie dafür 12 Jahre ins Gefängnis. Ein Trost ist das nicht. Vater und Mutter betrauern die verlorene Zeit mit Carlina. Sie haben kaum Kontakt zu ihr.

Von Ansgar Graw
Foto: DPA
Woman who snatched Carlina White 1987 pleads guilty to kidnapping
Vermisstenanzeige des Zentrums für verlorene und ausgebeute Kinder. Links ist ein Babyfoto von Carlina White zu sehen. Das rechte Bild ist eine Simulation wie das Mädchen heute aussehen könnte

Es war "kein Verbrechen aus Gier, kein Verbrechen aus Rache", sagte der Richter, als er Annugetta "Ann" Pettway, die vor 25 Jahren ein 19 Tage altes Baby aus einem New Yorker Krankenhaus stahl, zu zwölf Jahren Haft verurteilte. "Aber es war ein Akt von Egoismus, ein Verbrechen aus Egoismus", das für die Eltern "den schlimmsten Albtraum wahr werden ließ".

Erst im vorigen Jahr ging dieser Albtraum zu Ende, als das gekidnappte Mädchen, Carlina, längst herangewachsen zu einer jungen Frau, ihre tatsächliche Familie fand. Pettway hatte sie unter dem Namen Nejdra Nance in Bridgeport (Connecticut) aufgezogen und als ihr leibliches Kind ausgegeben. Nur 70 Kilometer entfernt, in der New Yorker Bronx, lebten die wirklichen Eltern, Joy White und Carl Tyson, und sie hofften und beteten, Carlina wiederzusehen.

Die verkleidete Krankenschwester

Am frühen Morgen des 4. August 1987 hatten Joy, damals erst 16 Jahre alt, und Carl ihr Baby, das 40 Grad Fieber hatte, in eine Klinik in Harlem gebracht. Eine Frau in der Uniform einer Krankenschwester kam ans Krankenbett, tätschelte der jungen Mutter die Schulter und schickte die Eltern zum Ausruhen nach Hause.

"Ich war misstrauisch, weil sie kein Namensschild trug", erinnert sich Tyson, "aber wir waren ja vor allem um Carlina besorgt". Als die Mutter einige Stunden später nach dem Verbleib ihrer Tochter fragte, war Carlina verschwunden. Die Stadt New York setzte eine Belohnung von 10.000 Dollar aus, ein Phantombild wurde gefertigt – ergebnislos. Carlina wuchs bei Pettway auf, in nicht immer einfachen Verhältnissen.

"Das Gefühl, sie hätte mich weggenommen"

Die vermeintliche Mutter nahm Drogen, nutzte falsche Identitäten, unterschlug während eines Jobs in einem Geschäft Waren und beging Scheckbetrug. Pettway, die vor der Entführung einige Fehlgeburten erlitten hatte, misshandelte Carlina zudem gelegentlich und ließ sie als kleines Mädchen häufiger unbeaufsichtigt daheim. Elf Jahre später bekam Pettway doch noch ein eigenes Kind. Um den heute 14-jährigen "Bruder" musste sich Carlina oft kümmern.

Nach dem Abschluss der High School in Bridgeport zog Carlina mit Ann Pettway nach Atlanta (Georgia). Zu diesem Zeitpunkt war das Mädchen längst skeptisch. Warum hatte sie so wenig Ähnlichkeit mit der angeblichen Mutter und mit deren gesamter Familie? "Ich hatte immer das Gefühl, sie hatte mich meinen Eltern weggenommen", sagte Carlina im vorigen Jahr der New Yorker "Post".

Als die vermeintliche Nejdra vor sieben Jahren schwanger wurde, bat sie ihre Mutter um ihre Geburtsurkunde, um bei den Behörden Hilfe für die Babypflege zu beantragen. Pettway flüchtete sich in Widersprüche. Schließlich erzählte sie dem Mädchen, sie sei tatsächlich nicht ihre leibliche Mutter. Eine drogenabhängige Frau habe sie ihr als Baby übergeben und gebeten, sie aufzuziehen.

"Ich glaube, ich bin Carlina"

Carlina, die 2006 ihre eigene Tochter, Samani, zur Welt brachte, glaubte ihr nicht. Sie begann nach ihrer tatsächlichen Identität zu forschen. Im Internet stieß vor zwei Jahren auf das "Zentrum für vermisste und missbrauchte Kinder". Dort hatten ihre echten Eltern auch ihr Babyfoto eingestellt. Und Carlina registrierte sofort die frappierende Ähnlichkeit nicht nur mit Babyfotos von sich selbst, sondern auch mit Samani.

Am 4. Januar 2011 klingelte bei Joy White das Telefon. "Ich glaube, ich bin Carlina", sagte ihr die Anruferin. Und Joy wusste sofort, dass es ihre Tochter war. "Ich hatte seit 23 Jahren ein Foto meiner Tochter auf meiner Kommode. Ich sprach zu ihr jeden Tag. Ich habe die Hoffnung nie aufgegeben."

Carlina und ihre Familie trafen sich, lernten sich endlich kennen, feierten. Alles sah nach einem Happyend aus. Die Polizei löste eine Fahndung nach Ann Pettway aus. Sie wurde kurz darauf in einem Pfandhaus in Connecticut erkannt und stellte sich den Behörden.

"Sie haben mich 23 Jahre leiden lassen"

Pettway wurde von einem US-Bundesanwalt angeklagt, weil nach New Yorker Recht die Tat bereits verjährt wäre. Sie bekannte sich der Entführung schuldig, so dass die Ankläger nur ein recht mildes Strafmaß von zehneinhalb Jahren beantragten. Richter P. Kevin Castel ging mit seinem Urteil von zwölf Jahren Gefängnis darüber deutlich hinaus.

Für Joy White und Carl Tyson, die sich ein Jahr nach der Entführung ihres Babys trennten, aber der Urteilsverkündung gemeinsam folgten, ist das noch zu wenig. "Ich zerbrach in eine Millionen Teile", beschrieb die Mutter die Folgen der Tat. Und der Vater wandte sich direkt an die Kidnapperin: "Ann, Sie haben mich 23 Jahre leiden lassen. Sie sollten für jene 23 Jahre ins Gefängnis, die sie mir genommen haben."

Carlina White war bei der Urteilsverkündung nicht dabei. Sie hat den Kontakt zu ihren Eltern auf gelegentliche Telefonate reduziert, ist zu hören. Angeblich will sie mit der Verfilmung ihres Schicksals Geld verdienen. Verwandte vermuten, sie leide an einen Loyalitätskonflikt, weil ihr die Entführerin trotz allem mütterliche Liebe entgegengebracht habe. Carlina nennt sich heute wieder Nejdra Nance.

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