30.07.12

Anonymer Wohltäter

Was würden Sie mit einem Umschlag voller Geld tun?

Ein Millionär aus Großbritannien verteilt anonym Briefe mit 1000 Pfund. Fremde und Freunde werden beschenkt, für "etwas Gutes". Doch gibt es den Wohltäter Mr. Lucky wirklich? Eine Spurensuche.

Foto: WeAreLucky
Auch sie beschenkte Mr. Lucky: Videokünstlerin Tess aus London investierte das Geld in eine Kamera. Aber ist das eine würdige Interpretation des Wortes "gut", fragt sie sich auf Mr. Luckys Website
Auch sie beschenkte Mr. Lucky: Videokünstlerin Tess aus London investierte das Geld in eine Kamera. Aber ist das eine würdige Interpretation des Wortes "gut", fragt sie sich auf Mr. Luckys Website

Es ist eine gute, fast schon wundersame Geschichte: Er ist Millionär, er wird Mr. Lucky genannt, und er verschenkt Geld. Viel Geld. Rund 94.000 Pfund hat er bereits unter die Leute gebracht, in Briefumschlägen mit jeweils 1000 Pfund oder vergleichbaren Beträgen in anderen Währungen.

Er verteilt sie unter anderem in England und Südafrika an Fremde auf der Straße, aber auch an Freunde. Sie können damit machen, was sie wollen – vorausgesetzt, es ist "etwas Gutes". So schreibt es der Engländer auf seiner Website we-are-lucky.com, und so steht es in einem Artikel des "Sunday Telegraph".

Ein Detail macht die Geschichte noch besser: Bei alldem will Mr. Lucky um jeden Preis anonym bleiben. "Bitte versuchen Sie nicht herauszufinden, wer ich bin", schreibt er auf Anfrage der Berliner Morgenpost in einer E-Mail. Was ist das für ein Mensch, der so großzügig ist? Und ist etwas dran an dem mysteriösen Märchen? Oder ist das alles nur eine Marketing-Kampagne, für wen oder was auch immer?

"Es ist immer wichtig, ehrlich zu sein, und vor allem bei diesem Projekt", schreibt Mr. Lucky. Er habe Glück gehabt – das wolle er zurückgeben. Glück, das war für ihn ein Topjob in der Versicherungsbranche. Dort macht er viel Geld. Eines Tages will er sich einen Traum erfüllen, einen Weltraumflug mit Virgin Galactic für 400.000 Dollar. Doch Freunde öffnen ihm die Augen. Mit dem Geld könne man etwas weniger Egoistisches anfangen. Er storniert die Reise und startet das "Wearelucky"-Projekt. Eine filmreife Geschichte.

Ein perfekt inszeniertes Projekt

"Sie ist wahr", sagt Melanie Mulhern. Die Journalistin begleitete Mr. Lucky Anfang Juli für eine Reportage im "Sunday Telegraph". Ja, sagt sie, sie hatte Zweifel, aber sie kenne die Identität des Mannes. Auch andere Zeitungen sind aufgesprungen und haben mit Mr. Lucky gesprochen.

Der Wohltäter verteilt seine Umschläge seit August vergangenen Jahres, seit Februar veröffentlicht er die Geschichten der Beschenkten auf der Website we-are-lucky.com. Neben seiner Facebook-Seite mit rund 6000 Fans hat er einen Twitter-Account mit fast 4000 Followern, über den er ab und zu Schnitzeljagden auf die Umschläge eröffnet.

Ja, auch das ist das Projekt: gut inszeniert. Die Menschen auf den Fotos auf der Website sind perfekt in Szene gesetzt. Mr. Lucky sagt, er hätte sie selbst fotografiert. 85 Geschichten rauschen dank ein paar Mausklicks vorbei. Dafür verantwortlich ist Kris Cooks von der Internetagentur Tooandflow. Er sei der ehemalige Mitbewohner von Mr. Luckys Verlobter, sagt er der Berliner Morgenpost. Er habe das Logo, die Umschläge und die Website gestaltet, und Letztere mit einem Partner gebaut.

Auf der Suche nach den Beschenkten

Doch gibt es Thomas und Moira aus Edinburgh, die ihre 1000 Pfund an ein Waisenhaus in Bulgarien gespendet haben, wirklich? Reaktion der Beschenkten außerhalb der Website gibt es wenige. Einem Bericht von "Spiegel online" zufolge hat ein Edward C., dem am 20. Juni jemand 1000 Pfund gegeben haben soll, darüber getwittert.

Auf der Website verrät Mr. Lucky nur den Vornamen und den Wohnort seiner Beschenkten. Bei Jaymee aus Plettenberg Bay ergibt das eine exotische Kombination. Schnell erscheint ihr Profil in der Facebook-Suche. Die 27-Jährige ist Filmemacherin und lebt mit ihrem Mann Frederick in der kleinen Stadt in Südafrika. Sie kennt Mr. Lucky "aus einem früheren Leben", sagt sie am Telefon. Er und ihr Mann seien "Kitesurfing-Kumpel".

Bereits zwei Mal erhielt das Pärchen einen Umschlag, das erste Mal im September 2011. Zu dieser Zeit verteilte Mr. Lucky das Geld vor allem an Freunde. "Lange war ich zu nervös, völlig fremde Menschen anzusprechen", schreibt er auf der Website.

Mr. Lucky verrät sich

"Ich war von dem Geld ein bisschen eingeschüchtert", sagt Jaymee Phillips. Ursprünglich planten sie, das Geld der südafrikanischen Lebensrettungsgesellschaft zu spenden. Doch dann benötigten es Menschen in ihrem Umfeld dringender: Sie unterstützten Freunde bei einer Missionsreise nach Nepal und ihren Gärtner beim Motorradführerschein.

"Es geht um die Magie, die entsteht, wenn die Energie der Menschen auf ein bisschen Geld trifft", sagt Mr. Lucky. Er antwortet wieder per E-Mail – jetzt mit einem echten Namen. Ein neues Pseudonym? Ein versteckter Hinweis? Nach einigen Klicks findet sich im Netz tatsächlich ein Mann Mitte dreißig mit markanten Gesichtszügen, der für eine Versicherung im Ausland arbeitet. Und nach ein paar weiteren Suchbegriffen eine Verbindung zu Jaymee.

"Es war eine Reise"

Er habe sich versehentlich mit seinem Klarnamen eingeloggt, sagt Mr. Lucky am Telefon. Es war eine Flüchtigkeit. Er wählt seine Worte mit Bedacht, aber nicht so, als hätte er etwas zu verbergen. "Ich habe Geld, aber nicht so viel, wie Sie vielleicht denken", sagt er. Wahrscheinlich müsse er im nächsten Jahr wieder arbeiten. In seinem Job habe er nie innegehalten. "Er hat einen großen Sinneswandel durchgemacht", sagt Jaymee. "Es war eine Reise", sagt Mr. Lucky.

Kennt man seine Identität, ergibt vieles Sinn: Die wiederkehrenden Orte, die er besuchte, die Freunde, die er traf, die Dinge, die er mit ihnen unternahm. Und es wird einem klar, wie wenig es um seine Person geht. "Wir fühlen uns gut, wenn wir etwas für andere tun. Ich denke, ich bin danach süchtig." Er klingt genauso enthusiastisch wie Jaymee, als sie erzählt, dass sie mit dem zweiten Umschlag einen Wettbewerb für junge Schriftsteller ins Leben rufen will.

Erzählt Mr. Lucky von den Projekten, die "glückliche Leute" angestoßen haben, verliert er die Zögerlichkeit in der Stimme. Er erzählt von Katherine, die die Hilfsorganisation Mumaso Afrika gegründet hat. Und von Ross und Polly, die sich für kinderlose Paare einsetzen.

Einen Satz gibt es, der aus Mr. Luckys altem Leben bei der Versicherung stammt: "Es gibt immer einen besseren Weg", sagte er damals. Jeder könne lernen, sich zu verbessern, sagt er heute. "Das macht jeden einzelnen Tag spannend."

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