24.07.12

Prozess

"Pulver-Kurt" wollte in seiner Scheune Soldat spielen

In Bad Kreuznach beginnt der Prozess gegen "Pulver-Kurt". Noch nie wurden bei einem Privatmann mehr Waffen gefunden. Der 63-Jährige verstieß nicht nur gegen das Sprengstoffgesetz.

Foto: DAPD
Prozess gegen "Pulver-Kurt" beginnt in dieser Woche
Polizisten vor der Scheune in Becherbach: Sie arbeiteten an der Entschärfung der zahlreichen Sprengsätze von Kurt N. Nun beginnt der Prozess gegen ihn

Manche Menschen sammeln Briefmarken, andere horten Erstausgaben oder antike Puppen. Kurt N., bis zum Rauswurf im vergangenen Jahr stolzes Mitglied im Reservistenverband der Bundeswehr, liebte alles, was so zu einem Weltkrieg gehört, Orden zum Beispiel, Uniformen (auch der SS), Militärfahrzeuge. Verboten ist das nicht.

Doch der 63-Jährige mit dem Faible für nachgespielte Weltkriegsgefechte, sogenannte Re-Enactments, steht dennoch jetzt in Rheinland-Pfalz vor Gericht. Denn "Pulver-Kurt" hat es gewaltig übertrieben mit seiner Militaria-Leidenschaft: Zum Arsenal des Rentners zählten auch sechs Maschinengewehre, sechs Maschinenpistolen, zwölf Gewehre, 18 teilweise recht alte Pistolen und Revolver, unzählige Waffenteile, sieben Handgranaten, eine gute Portion Sprengkörper, eine Antipersonenmine, eine Panzerfaust und nebst zahllosen Patronen gut 100 Kilo Sprengstoff sowie Pyrotechnik.

Wegen Verstößen gegen das Kriegswaffenkontrollgesetz, das Waffen- und das Sprengstoffgesetz drohen dem Mann bis zu fünf Jahre Haft.

Einige Waffen besaß er legal

Den Großteil hatte Kurt N. in einer gemieteten Scheune in Becherbach gelagert. Das Dörfchen südwestlich von Mainz ahnte nicht, dass es von dem ein paar Kilometer entfernt wohnenden Metallbauer regelrecht auf ein Pulverfass gesetzt worden war. Eher zufällig war die Polizei im Januar 2011 über das explosive Lager gestolpert und bass erstaunt: In Becherbach sei der bis dato "bundesweit größte Waffenfund bei einem Privatmann" gelungen, sagte die Staatsanwaltschaft.

Für die Katalogisierung der Waffen benötigte das Landeskriminalamt einige Monate. Dabei kam heraus: Einen Teil der Waffen besaß der frühere Unteroffizier der Bundeswehr, der vor Jahrzehnten 18 Monate gedient haben soll, legal. Kurt N. hatte neben einer Waffenbesitzkarte sogar einen Schwarzpulverschein.

In der Becherbacher Ortschronik dürfte der 22. Januar 2011 auf ewig seinen festen Platz haben. Dort, in den sanften Hügeln unweit der Edelsteinstadt Idar-Oberstein, passiert normalerweise nicht viel. An den Anblick von Kriegsgerät und Soldatischem sind die Bürger aber wahrlich gewöhnt.

Nicht weit entfernt, in Baumholder, sind seit Jahrzehnten US-Kampfeinheiten stationiert, und ein Truppenübungsplatz unter der Verwaltung der Bundeswehr hat drei Dutzend Schießbahnen und Feuerstellungen für Infanterie, Panzertruppen und Artillerie. Neben den Deutschen und Amerikanern trainieren dort auch andere Nato-Soldaten.

Doch am Tag nach der Entdeckung von "Pulver-Kurts" Lager blickte Becherbach gemeinsam mit der ganzen Republik entgeistert auf die Fernsehbilder aus einer vollgestopften Scheune. Ein Sprengstoffexperte beförderte vorsichtig zwei alte Kisten heraus, ferngelenkte Roboter schleppten die Holzboxen mit dem Aufdruck "Nobel Actiengesellschaft" danach im vorsichtigen Schneckentempo auf ein Feld am Ortsrand.

Denn die alte Schreibweise hatte die Fachleute fürchteten lassen, dass die Kisten 40 Kilogramm altes Nitroglyzerin enthielten, also jenen extrem empfindlichen Sprengstoff, aus dem die Firma Nobel einst Dynamit produzierte. Hastig wurde der ganze Ort evakuiert, alle 600 Einwohner mussten ihre Häuser verlassen und bei Freunden oder in einer Turnhalle schlafen. Bei Dunkelheit dann jagten Experten vom Landes- und Bundeskriminalamt sowie vom Kampfmittelräumdienst den Fund in die Luft.

Brisanter Einsatz vor Ort

Es gab einen Blitz und einen lauten Knall, doch Sachschaden hatte nur die Friedhofshalle zu beklagen: Dort ging eine Fensterscheibe zu Bruch. So manchem Beobachter war das Anlass zum Spott: "Viel Rauch um fast nichts", höhnte ein Bewohner. "Das war nie im Leben Nitroglyzerin." Tatsächlich wurde der Verdacht später nie bestätigt.

Gut möglich, dass vor allem Feuerwerkskörper oder Übungsmunition hochgegangen war. Im Internet spekulierten Re-Entactment-Fans später, dass es sich sehr wahrscheinlich um TNT gehandelt haben dürfte, einen Sprengstoff also, der anders als Nitroglyzerin ohne geeigneten Zünder nicht explodiert und daher als "handhabbar" gilt. Es wurden sogar Vorwürfe laut, die überflüssige Sprengung habe wahrscheinlich unzählige kleinste Partikel hochgiftigen TNT in der Gegend verteilt und diese damit kontaminiert.

Doch sicher hatten sich die Sprengstoff-Fachleute eben nicht sein können. Entsprechend groß war die Anspannung vor der Aktion gewesen. Zwei der Experten mussten nach dem Einsatz sogar nach Hause gebracht werden: Sie waren nicht mehr in der Lage zu fahren.

Hilfsbereiter Rentner

Der Rentner Kurt N., ein zweifacher Vater, den seine Nachbarn als liebenswert, hilfsbereit und höflich beschrieben, lag zu diesem Zeitpunkt im Krankenhaus. Er hatte einen schweren Schock erlitten, als die Polizei sein Haus gestürmt hatte. Die Beamten hatten im Zusammenhang mit einem anderen Verfahren den Hinweis bekommen, der Hundsbacher wolle eine Waffe kaufen.

Die Berichte über die Hausdurchsuchung ließ die Frau aufhorchen, die Kurt N. die Scheune vermietet hatte. Sie informierte die Polizei. Dass N. gern den Soldaten gespielt habe, sei bekannt gewesen, sagte sie später. Aber von dem explosiven Lager in der Nähe ihres Wohnzimmers habe sie nichts geahnt.

Nach dem Fund war spekuliert worden, ob Kurt N. womöglich rechtsradikal und Becherbach das Hauptquartier einer unbekannten Neonazi-Organisation gewesen sei. Doch die Staatsanwaltschaft fand keine Hinweise auf einen politischen Hintergrund.

Sie hält Kurt N. lediglich für einen waffenverrückten Sammler, auch wenn der Beklagte, dessen Sohn ebenfalls bei den historischen Gefechten mitspielte und mittlerweile wegen Waffenbesitzes verurteilt ist, bereits 2006 einmal im Visier der Behörden war. Damals hatte er in der SS-Uniform eines Militaria-Vereins an einem Re-Enactment-Gefecht in Baumholder teilgenommen.

Ein Verfahren wurde aber gegen eine Geldauflage eingestellt, weil die Runen der SS-Uniform abgedeckt waren. Laut Staatsanwalt ist das bei militärhistorischen Veranstaltungen nicht verboten.

Kurt N. soll sich auch immer stark gemacht haben dafür, Rechtsradikale aus den historischen Militaria-Vereinen und von nachgespielten Kriegsgefechten, bei denen gestandene Männer im Kübelwagen und in voller Montur Häuserkämpfe oder Feldschlachten nachstellen, fernzuhalten.

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