24.07.12

Spendenaktion

Mobbing-Opfer Karen Klein bekommt 700.000 Dollar

Die Amerikanerin Karen Klein ist nun berühmt – und reich dank einer Spendenaktion im Internet. "Sie hat ein wenig Glück verdient", sagt Max Sidorov der das Crowdfunding initiierte.

Foto: DAPD
Bus Monitor Bullying
Karen Klein an ihrem ehemaligen Arbeitsplatz. Dank einer Menge Spenden muss sie nun nicht mehr zurück dorthin. Grund für die Spenden war eine fiese Mobbing-Attacke durch Schüler

Busbegleiterin Karen Klein sitzt wie jeden Morgen in Bus 784 der Greece High School im US-Bundesstaat New York, als die Tortur beginnt. Vier Siebtklässler beschimpfen die 68-Jährige als fett und schwitzend, sie machen sich über ihr Hörgerät und ihre Frisur lustig und fragen nach ihrer Adresse, um ihr an die Haustür zu pinkeln.

Sie lachen sie aus, sie bedrohen sie, sie schubsen sie herum und machen obszöne Gesten. Einer von ihnen lästert, ihre Verwandten hätten sich umgebracht, weil sie genug von ihr gehabt hätten.

Sie wussten offenbar, dass Kleins Ehemann vor 17 Jahren gestorben ist und ihr ältester Sohn vor zehn Jahren Selbstmord begangen hat.

Die betagte Dame versucht, ihre Peiniger zu stoppen, und droht, deren Eltern zu informieren. Sie erntet schallendes Gelächter. Irgendwann gibt sie auf, Tränen fließen über ihre Wangen. Für die Jugendlichen ist es ein Ansporn, immer weiterzumachen.

Spenden kommen an

Die Quälerei, offenbar aufgenommen mit einem Handy, hat ein Unbekannter Mitte Juni ins Internet gestellt. Millionen klickten das zehnminütige Video an. Es sind widerliche und schockierende Szenen, die wütend machen. Sie zeigen, wie wenig Respekt viele Halbwüchsige vor älteren Menschen haben und wie schnell sie in der Gruppe sämtliche Hemmungen fallen lassen. Und es sind Szenen, die eine riesige Welle von Mitgefühl ausgelöst haben. Weltweit. Das ist die gute Seite dieser Geschichte.

"Als ich das Video zum ersten Mal gesehen habe, konnte ich es nicht fassen. Wie können Schulkinder nur so etwas tun?", sagt Max Sidorov. Der 25 Jahre alte Ernährungsberater, der im kanadischen Toronto lebt, war auf Facebook zufällig auf den Film gestoßen und entschied sich, Geld für Karen Klein zu sammeln.

Auf der Crowdfunding-Plattform "Indiegogo", auf der jedermann Spenden für verschiedenste Zwecke generieren kann, erstellte Sidorov eine Kampagne. Der Titel: "Lasst uns Karen Klein einen Urlaub geben!" Das Ziel: 5000 US-Dollar innerhalb eines Monats. Es wurde dann doch ein wenig mehr.

703.873 Dollar sind zusammengekommen, die abzüglich Provision in diesen Tagen auf das Konto von Klein überwiesen werden. 32.271 Menschen aus 85 Ländern haben gespendet. "Ich hoffe, dass jeder da draußen weiß, wie dankbar ich bin. Leute haben mir geschrieben, dass sie mich lieben. Im Grunde war die ganze Welt beteiligt. Das hat mir noch ein besseres Gefühl gegeben als das Geld", ließ Klein über ihre Tochter Amanda ausrichten. Sie würde ja gerne jeden Spender persönlich anrufen, aber es sei unmöglich, all die Telefonnummern herauszubekommen.

25 Jahre als Busfahrerin gearbeitet

"Ich habe ihr vor Beginn der Kampagne von meinem Plan erzählt. Als ich ihr noch am selben Tag gesagt habe, dass schon mehr als 100.000 Dollar zusammengekommen sind, hat sie das natürlich nicht geglaubt. Sie hat es vermutlich gar nicht verstanden", erinnert sich Sidorov: "Diese Kampagne hat sehr schnell eine unglaubliche Dynamik bekommen. Es zeigt, dass es viele Menschen gibt, die ein gutes Herz haben."

Dreimal hat er Klein in ihrem Haus in Rochester besucht. "Ich habe ihre Familie kennengelernt, die mir natürlich sehr dankbar ist. Wir sind jetzt gute Freunde, telefonieren oft und schreiben uns Nachrichten", sagt Sidorov. Klein sprach mit ihm auch darüber, was sie mit dem Geld anstellen könne: "Ihren Job als Busbegleiterin gibt sie auf. Karen will schnell in den Urlaub fahren und dann in ein größeres Haus umziehen."

Den Rest wolle sie spenden, es gebe da einige Organisationen, die infrage kommen. Einer ihrer Enkelsöhne ist Autist, eine Enkeltochter leidet am Down-Syndrom. Klein hat zwei Töchter und einen Sohn, sie ist achtfache Großmutter.

25 Jahre lang arbeitete Karen Klein als Schulbusfahrerin in Bus 784 der Greece High School, jener Schule, an der sie selbst 1962 ihren Abschluss gemacht hatte. Mit 65 Jahren wurde sie abgelöst und jobbte seitdem als Busbegleiterin.

Sie half Schülern beim Ein- und Aussteigen, sie passte auf, dass es keinen Ärger gibt. Sie selbst aber war dem Spott derer, die sie unterstützte, hilflos ausgesetzt. Es sei nicht das erste Mal gewesen, dass sie an ihrem Arbeitsplatz angepöbelt und schikaniert wurde, sagt Sidorov: "Sie hat das jahrelang einfach ertragen. Ich hoffe sehr, dass ihr das Geld jetzt endlich ein wenig Glück gibt. Sie hat es so sehr verdient."

Familien entschuldigten sich

Die Rollenverteilung zwischen Karen Klein und den pöbelnden Schülern hat sich unterdessen geändert. Während die Großmutter in den USA zum Liebling der Massen geworden ist, sind es nun die Schüler, die geächtet werden.

Die Schulbehörde in Greece, einem Vorort von Rochester, hat die vier für ein Jahr vom Unterricht suspendiert und in einem alternativen Bildungsprogramm untergebracht. Außerdem müssen sie 50 Sozialstunden ableisten und sich dabei um ältere Menschen kümmern.

Per Brief haben sich die Jugendlichen und ihre Familien bei Klein entschuldigt. Ob sie damit zufrieden ist, sei noch nicht klar, sagt Sidorov. Eigentlich erwarte sie eine persönliche Entschuldigung. Außerdem wolle sie wissen, was sich ihre Peiniger bei alldem eigentlich gedacht haben.

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