21.07.12

"Batman"-Massaker

USA rätseln nach Amoklauf über Motive des Attentäters

Der Verdächtige James Holmes hatte die Tat laut Polizei wochenlang vorbereitet, sich ganz legal Waffen und 6000 Schuss Munition besorgt.

Foto: REUTERS

In Aurora (Colorado) bringen Menschen ihre Bestürzung zum Ausdruck, sie trauern mit Kerzen und US-Fahnen um die Opfer der Tragödie.

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Freitag, kurz nach Mitternacht. Seit wenigen Minuten lief der neue Batman-Film "The Dark Knight Rises" in einem Kino im Zentrum von Aurora, einer Stadt mit rund 300.000 Einwohnern, gelegen im Staat Colorado. Da erhob sich der Mann im Saal Nummer neun, warf einen Gaskanister in den Raum und feuerte mitleidlos in die Menge.

Der Amokläufer, der zwölf Menschen tötete und 58 verletzte, ist bekannt. Von ihm soll in dieser Geschichte erst am Ende die Rede sein. Es muss vor allem um die Opfer gehen, deren Namen früh vergessen werden, während die Täter derartiger Massaker die Bekanntheit ernten, die sie sich erhofften. Und es muss um Überlebende und Hinterbliebene gehen.

Da war Micayla Medek, 23 Jahre jung, eine Angestellte in einem Schnellrestaurant der Subway-Kette. Die fröhliche Frau war eine begeisterte Tänzerin und sie hatte einen großen Freundeskreis. Mit zehn Leuten aus ihrer Clique hatte Micayla die Premiere des neuen Batman-Films besucht. Sie wurde im Kugelhagel getroffen und ins Krankenhaus gebracht. Freunde informierten nach der Bluttat die Eltern in Milwaukee (Michigan). Ihre Schwester Amanda telefonierte die Krankenhäuser in Aurora und im 20 Kilometer östlich gelegenen Denver, der Hauptstadt von Colorado, ab. Aber erst nach 19 schrecklichen Stunden des Wartens kam die noch schlimmere Bestätigung: Micayla war ihren Verletzungen erlegen. Ihre Tante Jenny Zakovich sagt dennoch: "Ich fühle auch mit der Familie des Schützen. Wir machen ihnen keine Vorwürfe."

Die Schüsse kamen aus einer Smith & Wesson AR-15, einer Pumpgun Remington 870 und einer Glock-Pistole, Kaliber 40. Eine weitere Glock stellte die Polizei im Hyundai des Täters sicher, der hinter dem Kino geparkt war. Dort ließ sich der Schütze festnehmen. Noch gibt es keine Bestätigung dafür, dass der Attentäter gezielt den Batman-Film für sein Verbrechen auswählte. Der New Yorker Polizeichef erklärte zwar, der Schütze habe seine Haare rot gefärbt und sich als Joker bezeichnet, die Polizei in Aurora bestätigte das jedoch nicht.

Brent Lowak gehört zu den Überlebenden des Massakers. Der 25-Jährige war mit Jessica, einer Freundin, im Kino. Von Jessica wird noch zu reden sein. Brent nahm kurz nach Beginn des Films wahr, dass ein Gegenstand in den Kinosaal geworfen wurde, offenkundig der Gaskanister, und er hörte ein zischendes Geräusch. Dann knallten die Kugeln.

"Wie bei einer Jagdsaison"

Brent und Jessica warfen sich in die Sitzreihe auf den Boden. Jemand müsse 911, den Polizeinotruf, alarmieren, rief Jessica. Das versuchten viele der Besucher, auch Brent griff nach seinem Handy. Dann hörte er Jessica vor Schmerzen schreien, sie war am Bein getroffen worden. Der Täter, ausgestattet mit Gasmaske und kugelsicherer Weste, setzte das Massaker mitleidlos fort, es war eine Szene "wie direkt aus einem Horrorfilm", sagt Chris Ramos, ein anderer Überlebender. "Er schoss wirklich auf jeden, wie bei einer Jagdsaison."

Der Schütze, zunächst unauffällig gekleidet, hatte ein Ticket für die Vorführung gekauft, sich in den Saal gesetzt und nach knapp einer halben Stunde das Kino durch den Notausgang verlassen. Die Tür blockierte er so, dass er sie von außen aufstoßen konnte. Aus dem Auto holte er seine Ausrüstung und die Waffen, legte Helm und Schutzbekleidung an und kehrte zurück, um seinen Massenmord zu beginnen. Brent versuchte, Jessicas Wunde mit der Hand abzupressen und die Freundin zu beruhigen. Dann wurde er selbst von Kugeln an den Beinen getroffen. Und Jessica war plötzlich still, hatte aufgehört zu schreien. Sie war tot.

Die 25-jährige Jessica Ghawi aus Denver ist zum Gesicht des Amoklaufs von Aurora geworden. Ihr Bruder Jordan hat die tragische Geschichte der angehenden Sportjournalistin gleich nach der Tat getwittert und in Interviews erzählt. "Ich will, dass wir uns an Jessica und an die anderen Opfer erinnern", sagt Jordan, "und nicht an den Schützen."

Seine Schwester, die unter dem Pseudonym Jessica Redfield für einen Radiosender vor allem über das von ihr geliebte Eishockey verfasste, war nur sechs Wochen zuvor einer ähnlichen Wahnsinnstat knapp entgangen. In einem Einkaufszentrum im kanadischen Toronto starben zwei Menschen und fünf wurden verletzt, als bei einem Streit zwischen Gangs ein Krimineller um sich zu schießen begann. Wegen eines "eigentümlichen Gefühls" hatte Jessica unmittelbar zuvor das Einkaufszentrum verlassen.

"Ich kann dieses eigentümliche Gefühl nicht aus meiner Brust bekommen. Dieses leere, fast ekelhafte Gefühl will nicht weggehen", schrieb die junge Frau anschließend in ihrem Internetblog. "Ich bemerkte dieses Gefühl, als ich im Eaton Center in Toronto war, nur wenige Sekunden bevor jemand im Restaurantbereich zu schießen begann. Ein eigentümliches Gefühl ließ mich hinausgehen und unwissend dem Unheil ausweichen."

Jessica tat ihren letzten Atemzug am Freitag auf dem Boden eines Kinosaals, gekauert hinter Zuschauersitze, neben einem Freund, der sie vergeblich zu retten versuchte. Andere hatten Glück. Ein junges Ehepaar brachte sein Baby, das während des Films in den Armen der Mutter geschlafen hatte, unverletzt aus dem Kino. Matt McQuinn hingegen starb, als er seine Freundin Samantha mit seinem Körper vor den Kugeln abzuschirmen versuchte.

Er studierte Neurowissenschaft

Es bleibt über den Täter zu berichten: James Eagan Holmes (24), ein studierter Neurowissenschaftler und ehemaliger Doktorand an der Universität von Colorado. Im Juni hatte der als intelligent und nett, aber extrem zurückhaltend beschriebene junge Mann sein Aufbaustudium abgebrochen. Gründe dafür sind nicht bekannt. Seine Waffen hatte H. in den vergangenen Wochen legal erworben.

Ein Motiv für seinen Amoklauf gab der bislang gänzlich unauffällige Holmes nicht an. Er verlangte nach seiner Festnahme einen Rechtsanwalt. Am Montag soll er vernommen werden. Der Polizei sagte der aus dem kalifornischen San Diego Stammende nur, dass er seine Wohnung mit Sprengstoff präpariert habe.

Die ersten dieser Sprengstofffallen in der Wohnung sollen nach Angaben vom Abend entschärft sein. Die erste Gefahr sei gebannt, sagte eine Sprecherin der örtlichen Polizei am Sonnabend. Die Fallen seien installiert gewesen, um "jeden umzubringen, der versucht hätte, in die Wohnung zu gehen". Demnach befanden sich noch Dutzende weitere Sprengstofffallen in der Wohnung. Es gebe eine Menge elektrischer Kabel, Behälter voller Munition und Flüssigkeiten in dem Apartment, sagte der Polizeichef von Aurora, Dan Oates. Die Wohnung sicher zu betreten, sei eine "wahre Herausforderung".

Ein Journalist des Fernsehsenders ABC spürte die Mutter des Täters telefonisch in San Diego auf. "Sie haben die richtige Person", sagte die Mutter. "Ich muss die Polizei anrufen … – ich muss nach Colorado fliegen."

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