19.07.12

"Mattscheibe"

Oliver Kalkofe lästert wieder im Fernsehen

TV-Satiriker Oliver Kalkofe leidet am Fernsehen. Als Ventil dafür hatte er "Kalkofes Mattscheibe" – und geht damit wieder auf Sendung.

Foto: DPA
Kalkofes Mattscheibe - Rekalked
Ab Oktober greift Oliver Kalkofe auf Tele 5 in 'Kalkofes Mattscheibe - Rekalked' wieder genüsslich in die unerschöpfte Schatzkiste des Fernsehens

Das Fernsehen ist für den TV-Satiriker Oliver Kalkofe in den vergangenen Jahren immer schlechter geworden. Das Schlimmste für ihn: Gescriptete, also nach Drehbuch von Laien nachgespielte Realität: "Bekloppte spielen Bescheuerte nach. Das macht das Fernsehen kaputt", meinte der 46-Jährige im Interview.

Ab Oktober kann er wieder im Fernsehen über das Fernsehen lästern: Der kleine Sender Tele 5 gibt seiner Satiresendung "Kalkofes Mattscheibe" nach vier Jahren Pause eine neue Heimat – jeweils freitags um 20 Uhr darf er für 15 Minuten loslegen. Dabei ist das Ganze noch gar nicht durchfinanziert, wie er sagt. Weitere Online- und Pay-TV-Partner sollen den TV-Qualitäts-Check mittragen.

Frage: Herr Kalkofe, das erste Fernsehhalbjahr 2012 ist gerade vorbei – was war für Sie das Schrecklichste, was sie gesehen haben?

Oliver Kalkofe: "Es gibt nicht wirklich ein einzelnes Format, es ist vielmehr die Masse an ewig gleichem gescripteten Material. Selbst die neuen Sat.1-Daily-Talkshows sind in Wirklichkeit von der üblichen Schimpansenbrigade des Senders geschrieben und von besonders schlechten Laiendarstellern gespielt worden. Nichts mehr im Fernsehen ist auch nur im Ansatz noch real, nichts hat mehr mit der Unterhaltung oder Information im Sinne des einstigen Mediums zu tun."

Frage: Läuft sich dieses Gescriptete, also diese vorgegaukelte Realität, nicht irgendwann tot?

Oliver Kalkofe: "Ich habe die Befürchtung, dass wir uns in Zukunft darauf einstellen müssen, dass – zumindest bei den Privaten – nichts mehr auch nur halbwegs real ist, was uns als solches verkauft wird – und das ist schlimm. Hätten wir gute Autoren, dann wäre das ja noch in Ordnung. Aber was hier geschieht, hat nichts mehr mit künstlerischer Tätigkeit zu tun. Man schaut nach seltsamen Typen auf der Straße und lässt die für ein paar Euro die verkorksten Proletenporno-Fantasien der verzweifelten Hilfsredakteure nachspielen. Bekloppte spielen Bescheuerte nach – das macht das Fernsehen allmählich kaputt und überflüssig."

Frage: Hat Ihnen denn gar nichts gefallen?

Oliver Kalkofe: "Doch, die Fußball-EM, die hat mir Spaß gemacht. Das war wenigstens ein reales Live-Event. Ich glaube, die EM war nicht gescriptet, zumindest die Spiele waren halbwegs echt und nicht von Laiendarstellern nachgestellt. Das ist heutzutage fast unbezahlbar."

Frage: Nach rund vier Jahren Pause von "Kalkofes Mattscheibe" können Sie nun wieder im Fernsehen über das Fernsehen lästern – warum diese Pause?

Oliver Kalkofe: "Ich saß ja nicht nur am Strand und habe das Geld in den Grill geworfen. Ich wäre schon lange wieder bereit gewesen, aber es wird immer weniger im deutschen Fernsehen produziert. Die Sender machen ihre Gewinne hauptsächlich nur noch dadurch, dass sie nichts mehr riskieren oder produzieren. Deshalb haben wir uns entschieden, die "Mattscheibe" einfach selbst zu produzieren, auf eigenes Risiko mit Rückstellungen. Tele 5 ist unser Partner fürs Free-TV, aber es wird auch exklusive Plattformen im Internet und Pay-TV geben, vielleicht auch eine Art des Crowdfundings, und wenn alles gut geht, kriegen wir am Ende die kompletten Produktionskosten zusammen. Aber ohne Mut zum Risiko würde im heutigen Fernsehen leider fast nichts mehr passieren."

Frage: Nach dem Anfang beim Radio über den Bezahlsender Premiere und das recht große ProSieben sind Sie nun mit ihrer Lästershow beim kleinen Tele 5 gelandet...

Oliver Kalkofe: "Und ich könnte nicht glücklicher darüber sein, denn hier habe ich wieder die Freiheit, die ich damals am Anfang bei Premiere hatte. Jede Woche ab Oktober auf einem festen Sendeplatz, freitags um 20 Uhr, immer 15 Minuten – das ist perfekt. Und auch wenn der Sender kleiner ist als der vorige – dafür bin ich wieder in der Prime Time und habe einen verlässlichen Partner. Fast alle anderen Sender sagten nur viele Jahre lang: Ja, ein wirklich tolles Format, das muss man unbedingt weiter machen! Aber dann kam irgendein Controller und rechnete aus, dass es doch viel zu teuer und riskant sei. Tele 5 aber hat einfach zugeschlagen und gesagt: Ja, wir machen das! So was gibt es heute leider kaum noch, das hat was von Piratensender!"

Frage: Was wird denn nun zu sehen sein?

Oliver Kalkofe: "Das Fernsehen hat sich in der Zwischenzeit komplett geändert. Was früher mal den Hauptteil ausmachte, war so etwas wie Volksmusik- und Schlagersendungen, große Shows und tägliche Game-Shows. Das ist heute alles verschwunden. Inzwischen ist alles voll mit Scipted Reality, Dokusoaps und gestellten Formaten, in denen Prominente ihren fiktiven Alltag nachstellen. Es wird immer schwieriger, Namen und Köpfe zu finden, an die man sich noch erinnert und die man mehrfach parodieren kann. Sowas wie Achim Mentzel wird heute leider nicht mehr hergestellt. Früher ließ man noch Charakterköpfe auf den Sender, egal was für bescheuerte Quadratschädel das waren. Heute gibt es fast nur noch Moderatoren, die gleich und nett aussehen, problemlos funktionieren und sprechen können ohne hinzufallen – dafür aber völlig austauschbar."

Frage: Wie kommen Sie denn jetzt an ihre Fernsehbeiträge?

Oliver Kalkofe: "Ich schaue mir Unmengen von Mist an und entscheide selbst, was in die Sendung kommt. Aber ab jetzt können die Zuschauer aktiv mitmachen und unter www.kalkwatch.de jederzeit die schlimmsten TV-Verbrechen melden, die sie gesehen haben! Wir nehmen die meisten Sender 24 Stunden am Tag auf und können versuchen, wirklich alle Fernsehverbrechen zu sühnen, die uns rechtzeitig angezeigt werden! Quasi der Zuschauer als TV-Polizei, im Grunde längst überfällig!"

Frage: Wenn Sie so sehr am Fernsehen leiden, warum tun Sie sich das dann an?

Oliver Kalkofe: "Die "Mattscheibe" ist entstanden aus einem echten Gefühl der Wut und Verzweiflung von mir, als jemand, der das Fernsehen im Grunde sehr liebt. Irgendwann merkte ich, wir werden hier doch nur noch für blöd verkauft. Viele Fernsehmacher, zumindest der großen Sender, verachten und verarschen doch ihr Publikum. Wir müssen da zurückschlagen."

Quelle: Patrick T. Neumann/dpa/mim
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