14.07.12

Gehirnwäsche

Die schreckliche Kindheit bei Scientology

Katie Holmes, so heißt es, wollte nicht, dass ihre Tochter mit den Lehren der Organisation erzogen wird. Betroffene, die als Kind in die Fänge von Scientology gerieten, können das sehr gut verstehen.

Foto: DPA
Ideal Church of Scientolgy in Los Angeles
Scientology wird in Deutschland vom Verfassungsschutz beobachtet. Die Sekte interessiert besonders das Geld ihrer Mitglieder

Es ist nur ein Satz, den die kleine Maria sagt, aber ihr Vater muss schlucken. "Papa, Papa, weißt Du was: ich habe auch Auditing gemacht."

Nun ist es also soweit. Seine Ex-Frau nimmt die gemeinsame Tochter mit zu Scientology.

Auditing – so nennen die Scientologen eine Art Selbstanalyse unter Anleitung. In oft stundenlangen Psycho-Gesprächen werden Kindern Fragen gestellt wie: "Hattest Du jemals das Gefühl, deine Eltern oder dein Zuhause wären für dich nicht gut genug?" Oder: "Hast du jemals an deinem Körper etwas gemacht, das du nicht hättest tun sollen?"

David Schneider ist Ende 30, er lebt in einer norddeutschen Großstadt, mehrere hundert Kilometer von seiner Tochter entfernt, die nach der Trennung bei der Mutter geblieben ist. Er sieht Maria an Wochenenden.

Jetzt sitzt er in seiner Küche in einem Hinterhaus und trinkt Limonade. Ringsum liegt Spielzeug verteilt, bunte DVDs stehen im Fensterbrett. Maria schaut im Nachbarraum Zeichentrickfilme. Schneider redet leise, dreht er sich immer wieder zur Tür um.

Er möchte nicht, dass seine Tochter mitbekommt, wie er sich sorgt. Schneider steckt in einem Dilemma. Er will nicht, dass seine Tochter nach der Lehre der Scientologen erzogen wird.

Doch er traut sich auch nicht, seine Ex-Frau darauf anzusprechen – aus Angst, seine Tochter zu verlieren. "Meine Ex-Frau könnte mit dem Kind nach Dänemark, Großbritannien oder in die USA gehen, das ist mein Albtraum." In den drei Ländern gibt es große Gemeinden von Scientologen. Aussteiger berichten häufig von zerrissenen Familien. Der Glaube spielte im Leben des Eventmanagers nie eine große Rolle, auch nicht als sich seine Frau während der Schwangerschaft als Scientologin offenbarte. Da waren sie noch nicht lange ein Paar. "Ich war naiv", sagt er heute. Damals glaubte er, ein glückliches Familienleben sei auch mit einer Scientologin möglich.

Tochter wurde nicht verschont

David Schneider heißt eigentlich anders. Er will anonym bleiben und erzählt seine Geschichte nur, um zu zeigen, dass es Fälle wie den von Cruise, Holmes und ihrer Tochter Suri auch in Deutschland gibt. Maria ist fast so alt wie Suri und deshalb verfolgt Schneider die Berichte über die Trennung des früheren Glamourpaars mit großem Interesse. Er kann Katie Holmes gut verstehen, wenn es in den Medien heißt, dass sie ihre Tochter vor Scientology schützen wolle.

Schneiders Ehe mit der Scientologin begann schon nach der Geburt der Tochter zu kriseln. Der Vater fühlte sich unter Druck gesetzt. Es sollte mehr Geld verdienen, zugleich drängte seine Frau ihn Kurse bei Scientology zu belegen. Er belegte einen Anfängerkurs. Doch er fühlte sich zunehmend eingeengt. Eskalierte ein Streit, bestand seine Frau auf einer Beratung durch Scientologen. "Alle Probleme mussten immer nach der Scientology-Lehre gelöst werden."

Als es ihm zuviel wurde, reichte er die Scheidung ein. Da war seine Tochter bereits in der Grundschule. Die Eltern einigten sich darauf, sich das Sorgerecht zu teilen. David Schneider hoffte noch, seine Ex-Frau würde ihre "Religion" bei der Erziehung etwas zurücknehmen. Das Gegenteil war der Fall. Die Mutter steigerte sich immer weiter in die Lehren des Scientology-Gründers L. Ron Hubbard hinein. Dass auch seine Tochter nicht verschont werden würde, ahnte Schneider bei einem Besuch in der Wohnung der Ex-Frau. Dort entdeckte er eine Anleitung zum Kindererziehen aus der Feder Hubbards im Regal.

Kinder werden psychisch gequält

Der Scientology-Gründer hat sich in den 50er Jahren intensiv mit der Erziehung von Kindern befasst. "Es ist möglich, ein Kind jeder Alterstufe, nachdem sprechen gelernt hat, zu auditieren", schreibt Hubbard 1951 in dem Buch "Kinder-Dianetik". Beim Auditing erlitten Kinder gelegentlich heftige Schmerzen, so Hubbard. "Sie befreien sich in solchen Fällen von alten Geschehnissen und Bestrafungen."

Der Verfassungsschutz, der die Organisation seit 1997 beobachtet, kam schon vor Jahren zu dem Schluss: "Wie in der scientologischen Wirklichkeit - auch den eigenen Anhängern gegenüber – das Recht auf körperliche Unversehrtheit mit Füßen getreten wird, zeigt der Umgang mit Kindern." Diese würden als spirituelle Wesen, sogenannte "Thetane in kleinen Körpern", betrachtet und wie Erwachsene mittels einer speziell entwickelten Fragetechnik indoktriniert und mitunter psychisch gequält.

Was es heißt, nach der Lehre Hubbards erzogen zu werden, weiß Alexander Artesius nur zu gut. Auch der 22-Jährige heißt eigentlich anders. Er sitzt in einem Cafe und erzählt, was der kleinen Maria bevorstehen könnte. Artesius wuchs bei einer alleinerziehenden Scientologin auf. Wie Maria ging er zunächst in eine normale Grundschule. Als er dort als hyperaktives Kind auffällig wurde, schickte ihn seine Mutter mit 14 Jahren auf ein Scientology-Internat in Dänemark.

Dort befand sich die "Sonderjyllands Internationale Skole", eine Schule, in der Dutzende Scientology-Kinder aus Deutschland, Österreich und der Schweiz lernten. Kinder, die gegen Regel verstießen, seien streng bestraft worden, sagt Artesius. "Ich wurde von der Gruppe isoliert oder musste schwere körperliche Arbeit verrichten." Selbst kleine Kinder hätten teilweise komplette Räume fegen und putzen müssen. Seine Mutter besuchte ihn nie. Bis heute hat er diese Zeit nicht überwunden. "Ich analysiere immer noch Menschen. Manchmal merke ich, wie die Scientology-Lehre noch immer mein Denken beeinflusst."

Scientology-Kinder kriegen Gehirnwäsche

Alexander Artesius ist ein in sich gekehrter Typ. Auf Fragen antwortet er nach längerem Nachdenken oder mit schnellen Gegenfragen, einem rhetorischen Kniff, den Scientologen anwenden. Wie stark ihn die Zeit in der Organisation geprägt hat, merkt man auch, wenn er fast ehrfürchtig über den Gründer Hubbard spricht. Dann fallen Sätze wie "Er hat doch geschrieben… Er hat doch gesagt…" Alexander Artesius kämpft mit seiner Vergangenheit. "Scientology wird mich mein ganzes Leben beschäftigen", sagt er. Die Organisation schade Menschen, insbesondere Kindern, die noch keine gefestigte Persönlichkeit entwickelt haben. Ihm kamen während Pubertät Zweifel. "Sie hatten auf alle Fragen eine Antwort und trotzdem fühlte ich mich unverstanden."

Insbesondere der Umgang mit negativen Gefühlen, mit schlechter Laune, Wut, Zorn und Angst irritierten ihn. Permanent seien Scientologen gezwungen zu lächeln und glücklich zu wirken. "Man hat dadurch zunächst das Gefühl, stärker geworden zu sein, in Wahrheit hat man das Negative einfach ausgeblendet", sagt er heute. Erst nach seinem Ausstieg lernte Artesius, dass all diese Emotionen normal sind. Da war er schon ein junger Erwachsener.

"Scientology-Kinder lernen das richtige Leben nicht kennen", sagt Deutschlands bekannteste und schärfste Kritikerin der Organisation, Ursula Caberta von der Hamburger Innenbehörde. Sie hat ein Buch über die Kindheit bei Scientology veröffentlicht. "Sie werden von Klein an nicht für das reale Leben erzogen, sondern für das System Scientology", sagt Caberta. Die Kinder wüchsen in dem festen Glauben auf, sie seien die einzigen, die die Welt retten könnten. "Das ist wie in Nordkorea, systematische Gehirnwäsche, ein totalitäres System." Die Trennung von Holmes und Cruise werfe nun ein Schlaglicht auf diese Kinder, sagt Caberta.

Leid, ein Leben lang

Dass gewachsene Interesse an Scientology und deren Umgang mit Kindern spürt auch Jürg Stettler. Der Scientology-Sprecher hält die "gegenwärtige Hysterie" dazu jedoch für "völlig absurd". Es gebe viele funktionierende Ehen, in denen ein Partner Scientologe sei. Und im Übrigen würden in Deutschland intime Fragen beim Auditing nicht gestellt.

Der Schauspieler Tom Cruise ist seit Jahren der Vorzeige-Scientologe. Berichterstattung über die Trennung des ehemaligen Traumpaars "TomKat" ist gerade ein medialer Supergau für die Organisation. Dass die Anwälte nach nur zwölf Tagen Verhandlung eine Scheidungsvereinbarung präsentierten, war daher auch im Interesse der Scientologen. Holmes erhält US-Berichten zufolgen das alleinige Sorgerecht für Suri. Zudem sei genau festgelegt, wie die beiden mit dem Kind über religiöse Themen und über Scientology reden dürfen.

Eine vergleichbare Regelung würde sich David Schneider auch für seine Tochter Maria wünschen. Aber er scheut, die Konfrontation mit seiner Ex-Frau. Tatsächlich scheint der Bruch kaum zu vermeiden. So war es auch bei Alexander Artesius aus Berlin. Als er mit 19 Jahren aus Scientology ausstieg, zahlte er einen hohen Preis. Erst machte seine Mutter ihm schwere Vorwürfe, er würde ihr Fortkommen in der Organisation behindern, dann brach sie den Kontakt zu ihm vollständig ab.

David Schneider will seiner Tochter Maria eine Trennung von seiner Mutter ersparen. Einfach wäre das ohnehin nicht. Scientology ist in Deutschland nicht verboten, eine rechtliche Handhabe, der Mutter das Sorgerecht zu entziehen, gibt es nicht. "Aus meiner Sicht ist das Kindswohl bei Scientology grundsätzlich gefährdet", sagt Caberta. Gerichte und Jugendämter erkennen diese Gefährdung meint jedoch nicht an.

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