05.07.12

Städtebau

Wie China Touristen ein kleines Europa baut

Die Kopie eines Pariser Schlosses in Peking, ein Hotel im Schweizer Folklorestil in Shenzhen: China ahmt Europas Architektur nach — für Touristen oder reiche Pendler.

Foto: Imaginechina

Sieht französisch aus, steht aber in China: Das Chateau Zhang Lafitte in einem Pekinger Vorort, ein Nachbau des Chateaus Maisons-Laffitte in Frankreich.

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Die Kopie des Château-de-Maisons-Laffitte steht nicht in Paris. Sie ist im Pekinger Vorort Changping 30 Kilometer nördlich der chinesischen Hauptstadt zu finden. Ihr Besitzer, der Bauunternehmer Zhang Yuchen, hat sich das Maisons-Lafitte als Fünf-Sterne-Schlosshotel so orginalgetreu wie möglich nachgebaut – mit einigen Verbesserungen nach chinesischer Art.

Die angehängten Flügelbauten etwa stammen vom Jagdschloss Fontainebleau, die Säulengänge sind von Berninis Kolonaden in Rom kopiert. Der Park gleicht den Gärten von Versailles. Zhang hat für seinen Nachbau sogar Kalkstein aus Frankreich eingeführt. Das alles kostete ihn 50 Millionen Euro. Inzwischen ist es nach einem weiteren Ausbau der Anlage mit integrierten heißen Quellen die doppelte Summe geworden.

Das Peking-Lafitte ist der Krönungsbau für Zhangs großes Immobilienprojekt auf dem weitläufigen Gelände des Schlosses, wo einst chinesische Bauerndörfer standen. Sie wurden abgerissen, auf den Feldern entstanden teure Villen. Deren Besitzer können, wenn sie vor ihre Haustür treten, das Schloss bewundern.

Mit Bill Gates im goldenen Kaminzimmer

Peking-Maison-Lafitte ist für Zhang auch ein persönliches Wahrzeichen. Hier spielte er Gastgeber für Bill Gates und Warren Buffett, die sich mit Chinas Multimillionären im goldenen Kaminzimmer trafen, um über Wohltätigkeits-Aktionen zu sprechen.

Überall in China entstehen Nachbauten westlicher Architektur – meist historischer Bauten, entweder weil ihre Besitzer Aufsehen erregen oder sie für den Tourismus nutzen wollen. Am beliebtesten sind dabei europäische Gebäude aus der Barockzeit. Auch sind Kopien des Washingtoner Kapitols in China beliebt.

Manche Nachbauten sind indes zum Misserfolg verdammt. Shanghai scheiterte vor zehn Jahren mit seinem Plan, neuen Stadtteilen das Flair europäischer Kleinstädte zu verleihen. So entstand etwa Shanghai-Anting, gebaut nach deutschem Vorbild im Bauhausstil, sehr umweltfreundlich und mit Kirche und Marktplatz ausgestattet.

Sogar ein Goethe- und Schillerdenkmal stehen neben einem Springbrunnen. Shanghai gönnte sich einen britischen Stadtteil, Thames Town genannt.

Anting und Thames Town sind heute gepflegte Geisterstädte. Das Konzept, begüterte Shanghaier Bürger an den Stadtrand in eine von neun geplanten "Satellitenstädte aus aller Welt" zu locken, ging nicht auf. Shanghai beließ es daher auch bei Anting und Thames-Town. Klein-Italien, Klein-Spanien, Klein-Holland und Klein-Schweden wurden nicht mehr gebaut.

Im Schweizer Folklorestil gebautes Hotel

Doch Chinesen geben so leicht nicht auf. 30 Kilometer von der Wirtschaftssonderzone Shenzhen entfernt wurde 2007 in Südchina ein im Schweizer Folklorestil gebautes Interlaken OCT Hotel Shenzhen mit dazugehörendem Themenpark eröffnet. Noch mehr an europäischem Flair schufen clevere Tourismus-Manager der "China Minimetals Cooperation" in Guangdong.

Sie kopierten das österreichische Hallstadt im Salzkammergut und investierten dafür, so meldete Xinhua, sechs Milliarden Yuan (720 Millionen Euro). In Guangdong ging die Rechnung auf. Schon in der ersten Woche nach der Öffnung Anfang Juni seien 150 der 400 Villen zum durchschnittlichen Quadratmeterpreis von knapp 1100 Euro verkauft worden, hieß es, das Doppelte des regionalen Standards.

Das chinesische Hallstadt hat sich inzwischen den Segen des angereisten Hallstadter Bürgermeisters eingeholt. Der Klon soll künftig zur Attraktion für Chinas Touristen ausgebaut werden. Dann aber, so lautet das Kalkül der schlauen österreichischen Hallstädter, wollen die chinesischen Touristen irgendwann auch mal das Original sehen. So etwas nennt man im Neusprech eine "Win-Win-Situation".

Chinas lukrativer Tourismus-Markt steht wohl auch hinter der Absicht, das noch weithin unberührte Paradies Tibet für Reisende zu erschließen. In der südöstlichen Präfektur Lingchi (Nyingchi), 400 Kilometer von Lhasa entfernt, wollen Guangdonger Geschäftsleute in drei Jahren mit Hilfe des US-Immobilienentwicklers Leisure Quest International 22 Touristendörfer bauen – eines davon nach Schweizer Vorbild. Diese Nachricht sorgte in der Schweiz für Aufsehen. Dabei handelt es sich offenbar um eine Falschmeldung, zumindest was den Schweizer Part betrifft.

"Visitenkarte des tibetischen Tourismus"

Wie "Welt online" erfuhr, will Tibets Partnerprovinz Guangdong im Gebiet Lingchi einen modernen Tourismus entwickeln und dafür auch touristische Dörfer ausbauen. Xinhua schrieb von einer neuen "Visitenkarte des tibetischen Tourismus." Am 30. März begann das Projekt, den malerischen tibetischen Landflecken Lulang, dessen Guangdonger Partner die Stadt Dongguan ist, für den Tourismus zu erschließen.

Ein Entwurf der US-Immobilenentwickler, die 2011 ins Spiel kamen, geht jedoch den tibetischen und chinesischen Auftraggebern nach Angaben der Tageszeitung "Dongguan Shibao" folkloristisch nicht weit genug. Er zeige zu wenig des "tibetischen Stils". Sie beauftragten ein chinesisches Design-Institut in Shenzhen, die vorliegenden Planungen zu erweitern.

Doch "die Idee, eine Schweizer Dorfidylle nachzubauen, ist vom Tisch. Das ist von Journalisten entweder missverstanden oder erfunden worden", sagte ein mit dem Design beauftragter chinesischer Bauplaner.

Trotzdem sind die geplanten Touristendörfer umstritten. Die weltbekannte tibetische Autorin und Bloggerin Tsering Woeser fordert, dass die Landschaften, Seen und Berge der 3100 Meter hohen Gebiete von Linzhi im Südosten Tibets geschützt werden. Sie beobachte mit "großer Sorge", wie seit zwei Jahren chinesische Unternehmen in Tibet ihre "Claims" abstecken, um Touristenorte zu schaffen.

Spirituelle Kulturlandschaften

Es höre sich schön an, wenn sie versichern, nach internationalen Kulturstandards oder traditioneller Bauweise zu verfahren. Dabei, so Woeser, gehe es "vor allem ums Geschäft." Landschaften, Berge und Seen gehörten in Tibet zu spirituellen Kulturlandschaften. Sie ließen sich nicht in touristische Formen pressen oder in touristische Spielwiesen verwandeln.

Das führe in der ohnehin kritischen Gemengelage Tibets nur zu weiteren Spannungen und zu Streit über Entschädigungen, wenn alteingesessene Bewohner zwangsweise umgesiedelt werden.

Doch der Tourismus macht vor Tibet nicht Halt. Trotz aller politischen, vor allem Ausländer betreffenden Einreisebeschränkungen, steigen die Zahlen: 2011 wurden vor allem von Chinesen und zum kleinen Teil von Ausländern 8,7 Millionen Besuchsreisen nach Tibet unternommen.

Nach Chinas Fünfjahres-Plänen sollen es ab 2015 dann 15 Million Touristentrips pro Jahr sein. Bereits im nächsten Jahr soll dafür der Bau einer Eisenbahn zwischen Lhasa und Linzhi beginnen.

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