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23.04.09

Piraten

Kreuzfahrt mit der "Astor" – nur die Crew hat Angst

Die Übergriffe von Piraten vor der Küste Somalias reißen nicht ab. Morgenpost Online hat sich an Bord der "Astor" umgehört und festgestellt: Die Gäste scheinen auf den gefährlichsten Gewässern der Welt völlig unbesorgt zu sein. Für sie sind Piraten nur ein Thema, wenn Kostümfest ist.

© AFP
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"Wir haben alle Angst vor Piraten", sagt Dmitrij Aksenow, Kapitän auf der "Astor". Wir – damit meint er die Crew. Die Gäste hingegen scheinen auch auf den gefährlichsten Gewässern der Welt völlig unbesorgt zu sein. Piraten sind nur ein Thema, wenn Kostümfest ist.


"Wir würden im Ernstfall versuchen, schnell zu entkommen", sagt der Kapitän. Bis zu 19,5 Knoten (das entspricht 36 Stundenkilometern) schnell ist das Kreuzfahrtschiff. Doch während auf der Brücke höchste Wachsamkeit herrscht, üben sich die Passagiere in Urlaubslaune und Sorglosigkeit – wie gebucht, wie bezahlt.

Die einzige Aufregung auf der dreitägigen Seetage-Etappe zwischen den Seychellen und Oman, von wo aus die "Astor" auf der Reise "Besuch im Garten Eden" weiter nach Dubai fährt: Im Tagesprogramm steht eines Morgens, dass es ab sofort nicht gestattet ist, die Liegen auf dem Sonnendeck mit Handtüchern zu reservieren. Ja, so ein Kreuzfahrtschiff ist ein bisschen wie Mallorca! Nur wer früh aufsteht, ergattert sein Lieblingsplätzchen. Das reserviert er dann bis zum Sonnenuntergang mittels Badetuch. In dieser Disziplin sind die Deutschen auf jeden Fall Weltmeister, und anders als auf Mallorca gibt es auf der "Astor" auch keine Briten, die sich zum Kampf rüsten könnten. Da es an Bord aber nicht genügend Liegen für alle gibt, räumt neuerdings ein Steward Liegen, die seit mehr als einer Stunde nicht genutzt werden. Freunde macht er sich damit keine. Das ist neu, eine Revolution auf hoher See. Nach vielen Diskussionen tritt nach ein paar Tagen dann wieder Ruhe ein. Macht ja am Ende doch Sinn, die neue Ordnung.

Drei Seetage lang bekommen die Passagiere kein Land zu Gesicht, nicht einmal in weiter Ferne. Aus Sicherheitsgründen fährt das Schiff noch weiter draußen, als Kreuzfahrtschiffe das noch vor ein, zwei Jahren gemacht haben. Die Gewässer vor Somalia gehören nämlich zu den gefährlichsten der Welt. In der vergangenen Woche kaperten Piraten auf offener See vor den Seychellen den unter belgischer Flagge fahrenden Frachter "MV Pompei", sie nahmen dabei zehn Geiseln.

Der "Live Piracy Report" des Piracy Reporting Centre (PRC) in Kuala Lumpur verzeichnet weltweit seit Anfang April insgesamt 16 Piratenüberfälle auf Schiffe, die Hälfte davon fand im Golf von Aden und auf dem Seegebiet von Somalia statt.

Zurück an Bord der "Astor". Während Kapitän Aksenow die Route im Blick behält, versieht auf dem kleinen Balkon der Brücke ein Mann in blauer Latzhose seinen Dienst: Er beobachtet mit einem Fernglas konzentriert das Meer. Sicher ist sicher. Das Meer ist ruhig. Keine verdächtigen Schiffe in Sicht.

"Das Problem der Piraterie existiert, und man kann und darf es nicht verniedlichen. Wir haben die Sicherheitsmaßnahmen erhöht", sagt Transocean-Geschäftsführer Peter Waehnert. Details verrät er nicht. Wegen der Sicherheit, wir verstehen. Wie viele Sicherheitsexperten an Bord sind und wie die Bewaffnung für den Ernstfall aussieht, ist Geschäftsgeheimnis. Ein Piratenüberfall wäre mehr als geschäftsschädigend – für jedes Kreuzfahrtschiff. Doch laut Unternehmensdarstellung haben nur wenige Passagiere angesichts der in den vergangenen Jahren deutlich gestiegenen Gefahr ihre Reisepläne geändert. Im Jahr 2008 wurden weltweit 293 Piraterie-Zwischenfälle gemeldet, das ist gegenüber 2007 ein Plus von mehr als elf Prozent. "Die Rate der Passagiere, die umbuchen oder eine Reise stornieren, lag in den vergangenen Monaten bei höchstens fünf Prozent", sagt der Transocean-Geschäftsführer Waehnert.

Die meisten Passagiere, viele davon Stammgäste, verfahren nach dem Prinzip Optimismus: wird schon gut gehen. Oder aber sie buchen um, eine Kreuzfahrt im Mittelmeer oder vor der Küste Norwegens ist garantiert piratenfrei. Im Mai jedenfalls schippert die "Astor" in herzschonenden Gefilden: in der piratenfreien Ostsee.

Die Geschäfte laufen trotz Wirtschaftskrise gut – und zwar so gut, dass der Geschäftsführer sogar erwägt, ein neues Schiff in Auftrag zu geben. Das Bremer Unternehmen will dafür bis zu 270 Millionen Euro investieren, bis zu 900 Passagiere sollen darauf Platz finden. Peter Waehnert ist Optimist: "Ich glaube nicht, dass Piraten Interesse an Kreuzfahrtschiffen haben", sagt er. Sie seien an schneller Beute interessiert. Passagiere hingegen wären, wenn sich die Lösegeldverhandlungen hinziehen, ein Klotz am Bein. Tanker oder Transportschiffe sind da bessere Beute. Transocean-Geschäftsführer Peter Waehnert sagt: "Es ist Aufgabe der Politik, die Seewege frei zu halten."

Trübe Gedanken kommen an Bord der "Astor" bei den Passagieren nicht auf. Das Wetter ist, abgesehen von ein wenig Regen auf den Seychellen und einem Sandsturm in Dubai, prima, und es wird viel getan, um die Gäste bei Laune zu halten. Wer nicht gern allein ist, kann seinen Tagesablauf von 7 Uhr morgens – da gibt es Kaffee für Frühaufsteher – bis Mitternacht durchplanen. Im Stundentakt.

Es gibt unter anderem Frühschoppen, Malkurse, "Best-Age-Gymnastik", Eisschnitzerei, Wassergymnastik, Tanzkurse, kleine Galas, Konzerte, Lesungen und die Klassiker Bingo und Shuffleboat. Wer dennoch Sorgen hat, kann sein Herz dem Bordpfarrer ausschütten.

Sobald das Schiff anlegt, brechen die meisten, ausgerüstet mit Wasserflaschen und Fotoapparaten, zum Ausflug auf. Die Route der Reise führt von Kenia über die Seychellen (Praslin, La Digue und Victoria) nach Salalah und Maskat im Oman und weiter über das Emirat Fujairah nach Dubai. Auf den Seychellen geht's zum Beispiel zur Naturschutzinsel Aride, von Salalah im Oman aus kann man einen Ausflug in die Wüste machen, Kamele streicheln, auf dem Markt Weihrauch kaufen und in den Straßen die konsequente Verkaufsstrategie der Japaner bewundern: Im Oman sind fast ausschließlich japanische Autos unterwegs. Schlechte Laune hat hier niemand, stolz preisen die Omanis die Vorzüge ihrer Heimat, deren Reichtum auf Erdöl und -gas beruht: Fast die Hälfte der Einwohner ist unter 30 Jahre alt, Schule und medizinische Versorgung sind kostenlos. Ein Liter Benzin kostet hier rund 25 Cent, ein Liter Wasser umgerechnet einen Euro. Da staunt der Reisende. Unternimmt man einen Ausflug in die Wüste, dominieren Kamele und Tankstellen, so weit das Auge reicht. Sogar die Straßenschilder warnen hier vor Kamelen.

In der Hauptstadt Maskat kann man den in Türkis, Weiß und Gold gehaltenen Sultanspalast bewundern, der aussieht wie ein versehentlich gelandetes Ufo. Der Marmor auf dem riesigen Platz davor ist perfekt poliert. Sehr eindrucksvoll. Und im Hafen schaukelt die Lieblingsyacht des Sultans: Die "Al Said" gehört zu den 20 größten Yachten der Welt, sie wurde in Deutschland gebaut und hat unter anderem einen Konzertsaal. Der Sultan ist Klassikfan und unterhält ein eigenes Orchester mit jungen Nachwuchstalenten.

Zurück an Bord der "Astor", kann man sich nach dem Landausflug beim Yoga entspannen, oder man geht vor dem Abendessen noch schnell zur Aquagymnastik. Einer der Höhepunkte der Reise ist die Äquatortaufe, ein Klassiker in der Unterhaltungswelt der Kreuzfahrer. Die Spezialtaufe ist ein buntes, lautes Spektakel, bei dem Neulinge, die zum ersten Mal den Äquator überqueren, unter anderem einen toten Fisch küssen müssen und mit buntem Schaum die Haare shampooniert bekommen. Danach darf man in den Swimmingpool und bekommt eine Urkunde. Diese Prozedur dauert, bis alle getauft sind, Stunden und erinnert an eine ausgelassene Schülerparty.

Kurz darauf ist Kostümfest. Ein bisschen sind Kreuzfahrer wie Kinder. An Bord eines großen Schiffes tut der Mensch so manche Dinge, die er an Land niemals machen würde. Aber es guckt ja so gut wie niemand zu, da küsst man auch mal einen Fisch.

Das Kostümfest ist die einzige Gelegenheit, bei der man an Bord Piraten zu Gesicht bekommt. Ob diese Verkleidung eigentlich noch politisch korrekt ist, danach fragt niemand. Da draußen, irgendwo, schippern sie, die echten Piraten. Wer das Thema, etwa beim Cocktail, anschneidet, gilt schnell als Spaßbremse. Und die kann man auf einer Kreuzfahrt wirklich nicht gebrauchen.

Kreuzfahrten: Die "Astor" hat 295 Kabinen und Platz für 590 Passagiere. Im Mai fährt das Schiff beispielsweise in der Ostsee. Die Reise "Das Gold der Ostsee" startet am 4. Mai in Bremerhaven und führt bis zum 14. Mai über Riga, Tallinn, St. Petersburg, Helsinki, Stockholm nach Kiel. Die Reise kostet in einer 2-Bett-Kabine pro Person ab 1890 Euro ( www.transocean.de ). Anschließend beginnt die Reise "Norwegen macht glücklich!", sieben Tage kosten (2-Bett-Kabine) ab 1199 Euro.

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