12.04.09

List

So überwältigten die Seemänner die Piraten

Mit einer List gelang es der Crew des entführten Containerschiffes offenbar, sich aus der Hand der somalischen Piraten zu befreien. Der Schiffsingenieur soll einen der Geiselnehmer unter einen Vorwand in den Maschinenraum gelockt haben. Dort wartete ein weiterer Seemann – und der Kampf begann.

Der Nervenkrieg um den von Piraten verschleppten US-Kapitän hat sich zugespitzt. Am Morgen donnerten nach einem Bericht des US-Senders CNN zwei US-Hubschrauber im Tiefflug über die Piratenhochburg Haradhere an der Küste im Nordosten Somalias. Hoffnung machte derweil die Nachricht, dass die US-Marine Kapitän Richard Phillips am Sonntagvormittag gesichtet hatte. Damit gibt es ein sehnlichst erwartetes Lebenszeichen des 53-Jährigen. Einzelheiten nannte Phillips' Reederei aber nicht.

Die Piraten hatten das von Phillips geführte Containerschiff "Maersk Alabama" am Mittwoch rund 500 Kilometer von der somalischen Küste entfernt geentert. Innerhalb weniger Stunden konnte die Mannschaft das Schiff jedoch wieder unter ihre Kontrolle bringen. Die Piraten flohen mit Phillips als Geisel in dem Rettungsboot.

Die Crew an Bord der "Maersk Alabama" wurde in Mombasa von Sicherheitskräften abgeschirmt. CNN berichtete, dass die Seeleute bei ihrer Ankunft winkten und lächelten. "Kapitän Phillips ist ein Held!", rief einer von ihnen. Andere schilderten, wie die Mannschaft die Piraten überwältigte.

So habe der Schiffsingenieur einen der Piraten unter einen Vorwand in den Maschinenraum gelockt. Zusammen mit einem anderen Mitglied der Besatzung haben sie dann den Mann überwältigt. Dabei stach ein Matrose den Piraten mit einem Messer in die Hand. Anschließend fesselten sie den Mann. Anderen Crew-Mitgliedern gelang es, sich während des Piratenüberfalls in einem sicheren Teil des Schiffes zu verbarrikadieren. Inzwischen begannen FBI-Beamte mit der Vernehmung der Crew.

Das Rettungsboot, auf dem vier somalische Seeräuber den Kapitän gefangen halten, trieb unterdessen auf die somalische Küste zu. Sollte Phillips an Land verschleppt werden, sinken die Chancen auf eine schnelle Lösung, denn im unzugänglichen Hinterland der Region mit vielen Bergdörfern und Höhlen gibt es zahllose Schlupfwinkel.


Stammesälteste nahmen erneut Verhandlungen über die Freilassung des Amerikaners auf. Der britische Sender BBC berichtete, die Clanvertreter seien in Booten zum Rettungsschiff aufgebrochen. Stammesälteste, die in der somalischen Gesellschaft hohes Ansehen genießen, hatten bereits zuvor erfolgreich zwischen Piraten und Reedern vermittelt.

Vertreter der US-Marine hatten betont, Phillips dürfe keinesfalls an Land verschleppt werden, wie CNN weiter berichtete. Sein Schiff, die "Maersk Alabama", erreichte unterdessen den Hafen von Mombasa in Kenia. Die Seeräuber warnten zwei zur Hilfe geeilte US-Kriegsschiffe, ein gewaltsamer Befreiungsversuch werde katastrophale Folgen haben.

Einwohner der Küstenstadt Haradhere seien am Sonntag nach dem Überflug von Hubschraubern in heller Panik geflohen, berichtete CNN unter Berufung auf einen somalischen Journalisten. Sie hätten geglaubt, die Hubschrauber planten einen Luftangriff. Die Fischer seien aus Angst nicht auf Fang gefahren.

In der Umgebung von Haradhere soll sich auch der Anfang April gekaperte Frachter "Hansa Stavanger" mit fünf deutschen Seeleuten an Bord befinden. "Der Krisenstab des Auswärtigen Amtes bemüht sich weiterhin intensiv um eine Lösung des Falles", sagte die zuständige Sprecherin in Berlin dazu.


Nach einem Bericht der "New York Times" hatte eine Gruppe von Stammesältesten zuvor Gespräche zur Freilassung von Phillips abgebrochen, da US-Unterhändler auf der Festnahme der Seeräuber beharrten. Wenige Stunden zuvor hatte sich kurz nach Sonnenaufgang ein kleines Boot der US-Marine den Piraten und ihrer Geisel genähert. Die Seeräuber feuerten mehrere Warnschüsse ab. Daraufhin seien die Soldaten zum US-Kriegsschiff "USS Bainbridge" zurückgekehrt, hieß es, ohne das Feuer zu erwidern.

Während in US-Medien zuerst von einer versuchten Befreiungsaktion die Rede war, hieß es später, der Trupp habe eine Kontaktaufnahme mit den Entführern geplant oder sei auf einer Aufklärungsmission gewesen. In die Verhandlungen ist auch die US-Bundespolizei FBI eingeschaltet.

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