22.06.12

Mutter und Sohn tot

Leipziger Drogen-Drama unter den Augen der Ämter

Schockierender Tod eines Zweijährigen in Leipzig: Er verdurstete neben seiner drogensüchtigen, toten Mutter. Dabei hatte ein Nachbar die Behörden über den Zustand der Mutter informiert.

Foto: AFP

Ein zweijähriger Junge ist in einer Wohnung in Leipzig neben seiner gestorbenen Mutter vermutlich verhungert und verdurstet.

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Ein schlichter Altbau in der friedlichen Möckernschen Straße 17 in Leipzig, das Erdgeschoss hellgelb gestrichen, darüber rote Klinker. An der Ecke eine Texilreinigung. Leipzigs Stadtteil Gohlis ist ein bürgerliches Wohnviertel, kein sozialer Brennpunkt. Doch ein paar Fenster im Erdgeschoss des Wohnhauses sind mit Bettlaken verhangen, wie so oft in letzter Zeit.

Jetzt hat sich herausgestellt: Hinter diesen Vorhängen hat sich vor wenigen Tagen ein unfassbares Drama ereignet. Eine 26-jährige, drogenabhängige Mutter starb in ihrer Zwei-Zimmer-Wohnung möglicherweise an Organversagen.

Ihr gerade erst zwei Jahre alter Sohn verdurstete offenbar wenige Tage später neben ihr. Tod durch Dehydrierung, stellten die Gerichtsmediziner nach Informationen von "Bild" festgestellt haben.

Nachbarn bemerkten Verwesungsgeruch

Die Ermittler wollen sich jedoch noch nicht zur genauen Todesursache äußern. Gewalteinwirkung schlossen sie allerdings aus. "Es gibt bisher keine Anhaltspunkte für ein Verbrechen oder eine Straftat", sagte Oberstaatsanwalt Ricardo Schulz. Gefunden wurden die beiden erst, als Nachbarn Verwesungsgeruch aus der Wohnung bemerkten.

In der Nacht zu Sonntag alarmierten sie die Polizei. Die Beamten brachen die Wohnungstür auf und entdeckten die Leichen. Erst Donnerstagabend informierten die Behörden die Öffentlichkeit.

Viele Leipziger sind schockiert. Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich sagte "Welt online": "Der Vorfall erschüttert mich. Es macht mich betroffen und traurig, dass es im Umfeld niemandem aufgefallen ist. Jetzt müssen die zuständigen Stellen zunächst aufklären. Auch wenn es für eine endgültige Bewertung noch zu früh ist, müssen wir alle gemeinsam dafür sorgen, dass so etwas nicht passiert."

Inzwischen liegen Kerzen, Blumen und Kuscheltiere vor der Wohnungstür. Passanten fragen sich, wie sich solch ein Drama unter den Augen der Behörden abspielen konnte. Denn Yvonne F. war seit ihrem 16. Lebensjahr – also seit zehn Jahren – wegen ihres Drogenkonsums dem Jugendamt bekannt. Das räumte die Leiterin des Allgemeinen Sozialdienstes (ASD), Sybill Radig, ein.

Auch Nachbarn erzählen, in der Wohnung seien Junkies ein- und ausgegangen. Dennoch habe sich die gelernte Bürokauffrau rührend um ihr Kind gekümmert. Den Kontakt zu ihren Eltern hatte sie allerdings offenbar abgebrochen.

Jugendamt erfüllte angeblich alle Standards

Inzwischen ging der Leiter des Jugendamtes, Siegfried Haller, vor die Presse. Seine Botschaft: Alle Standards der Betreuung seien nach seinem Wissen eingehalten worden. Dennoch sei zu prüfen, ob etwas schief gelaufen sei. "Natürlich müssen wir das aufklären", sagt Haller.

Er selbst habe erst am Donnerstagabend durch das Internet von den Fällen erfahren und sich danach sofort bei den Kollegen und der Polizei erkundigt. Möglicherweise gebe es ein "Schnittstellenproblem" in der Zusammenarbeit mit der Drogenhilfe. "Wir sind kein Spezialisten der Suchthilfe", betont Haller.

Doch für die Vergabe von Drogenberatung und sonstiger Familienhilfe ist stets das Jugendamt zuständig. Zwischen sechs und zwölf Stunden in der Woche werden einer Familie normalerweise vom Jugendamt für die Arbeit mit Familienhelfern zugesprochen. Wenn die Eltern nicht bereit sind, einen Entzug zu beginnen, raten Helfer meist, die Kinder von ihren Eltern zu trennen, in Pflegefamilien oder bei Verwandten unterzubringen.

Behörden kannten Mutter und Kind seit Jahren

Das letzte Wort behält das Jugendamt. Suchtkranke können oftmals ihre Rolle als Eltern nicht mehr bewältigen. Es kommt zu Verwahrlosung und bis hin zu Gewalttaten.

"Wohnungen von Patienten sind oft stark vermüllt, der Strom schon seit Wochen abgeklemmt", erzählt eine Mitarbeiterin der Drogenhilfe. "Kleine Kinder laufen abends bei Kälte ohne Schuhe durch die Stadt." Mit der Sucht gehe oft Armut einher. Rund die Hälfte der betreuten Familien ist arbeitslos.

"Oft müssen die größeren Geschwister die Aufgaben der Eltern übernehmen, die morgens im Bett bleiben. Die Größeren ziehen dann die Kleineren an, schmieren ihnen Brote, bringen sie in den Kindergarten."

Drogenhelfer versuchen, erst das Vertrauen betroffener Familien zu erlangen. "Man muss den Eltern zuhören und versuchen zu verstehen, wieso sie ein bestimmtes Verhalten an den Tag legen." Der nächste Schritt sei dann, zusammen Verhaltensdefizite herauszustellen und daran zu arbeiten. Hauptziel sei der Entzug.

Im Leipziger Fall kannten die Behörden Mutter und Kind seit Jahren. Den letzten Kontakt gab es am 10. April dieses Jahres. "Die Mutter war mit einem neuem Lebenspartner und ihrem Kind beim Allgemeinen Sozialdienst und teilte mit, dass sie wegziehen will. Mutter und Kind machten einen guten Eindruck", sagte ASD-Chefin Radig. Es habe keine Anzeichen mehr dafür gegeben, dass weitere Hilfe nötig sei. "Diese Lücke vom 10. April bis zum Tag des Tod können wir derzeit nicht schließen", sagte Haller.

Mutter verpasste ständig Termine

Es handelt sich offenbar um die Geschichte einer jungen Mutter, die versuchte, von den Drogen wegzukommen, aber immer wieder rückfällig wurde. Schon seit mehr als zwei Jahren wurde sie von den Behörden betreut. Im April 2010 zog sie in eine Mutter-Kind-Einrichtung, ab August 2010 machte sie eine Drogentherapie.

Im Februar 2011 meldeten Nachbarn jedoch, dass die Mutter und ein Mann in der Wohnung Drogen konsumierten. Ein Prozess wegen Kindswohlgefährdung wurde eingeleitet, keine drei Wochen später jedoch als "unbegründet" abgeschlossen. Immer wieder gab es Kontakte mit dem Jugendamt, dem Jobcenter, der Drogenberatung.

Immer wieder fiel die Frau jedoch dadurch auf, dass sie Termine nicht wahrnahm. Bei Besuchen sollen die Hartz-IV-Empfängerin und ihr Kind jedes Mal einen guten Eindruck auf die Sozialarbeiter gemacht haben. Im Februar dieses Jahres setzte sie nach Absprache mit der Ärztin sogar das Methadon ab. Doch Ende März beschwerte sich der Vermieter beim Sozialdienst über erneuten Drogenmissbrauch und wies auf die Gefahr für das Kind hin. Er sollte auf traurige Weise Recht behalten.

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