21.06.12

Altenheim Elversberg

Pfleger sollen Patienten zu Tode misshandelt haben

Bestürzung im saarländischen Elversberg: Mehrere Monate lang sollen zwei Pfleger wehrlose Senioren bis zum Tod gequält haben. Einer der beiden Männer "operierte" eine Frau ohne Narkose.

Foto: DAPD
AWO zeigt zwei Pfleger nach Todesfaellen in Altenheim an
Das Awo-Seniorenzentrum in Elversberg. Zwei Altenpfleger der Arbeiterwohlfahrt (Awo) im Saarland stehen im Verdacht, den Tod von zwei Patienten verursacht zu haben

Die Wände sind in einem freundlichen Blassgelb gestrichen, die Türen leuchten kräftig in munterem Orange. Alles passt zum Namen der Station: "Sonnenschein" heißt die zweite Etage im Seniorenzentrum Elversberg, einer Saarland-Gemeinde einen Katzensprung nördlich von Saarbrücken.

Ausgerechnet an diesem Ort mit dem netten Namen, zwischen den Stationen "Blumenwiese" und "Sternenhimmel" gelegen, ist monatelang Grausames geschehen: Zwei Pfleger, einer 25, einer 35 Jahre alt, sollen auf der Beatmungsstation des Heims zwölf schwer kranke Menschen bestohlen, gequält und misshandelt haben. Die Staatsanwaltschaft ermittelt unter dem Verdacht der Körperverletzung mit Todesfolge, weil im Februar und Mai auch zwei Bewohner gestorben sind. Anzeige hat die Arbeiterwohlfahrt (Awo) erstattet, die das Heim betreibt.

Die beiden vom Dienst suspendierten Männer, ein Intensivpfleger und ein Altenpfleger, haben die wehrlosen Senioren offenbar systematisch gedemütigt. Es heißt, der jüngere, seit 2005 im Heim beschäftigte Pfleger, habe einen alten Mann absichtlich bei der Rasur geschnitten, um ihn zu maßregeln.

"Wir haben es hier mit abgrundtiefem Sadismus zu tun"

Einem Schwerkranken zog der Mann nach Auskunft der Awo auch einmal die lebensnotwendige Atemkanüle heraus, um ihn zu "erziehen". Er habe ihn dabei gefragt, wie es denn so sei, keine Luft mehr zu bekommen, schilderte der Anwalt der Awo, Klaus John, den Vorfall.

Der ältere, erst seit September 2011 in Elversberg beschäftigte Intensivpfleger, hat einem Schwerkranken womöglich eine tödliche Überdosis Morphium verpasst. Und eine der wohl schrecklichsten Taten hat der Mann sogar bereits zugegeben: Er hat ohne Ausbildung, vor allem aber ohne jegliche Narkose, eine todkranke Frau "operiert". Die Patientin litt unter einer Nekrose, also dem Absterben von Gliedmaßen oder Gewebe.

Die Schwerkranke, die einen Tag später gestorben sei, habe sicher "unmenschliche Schmerzen" erleiden müssen, sagte Anwalt John. Der Intensivpfleger habe die Operation damit verteidigt, er könne dies besser als jeder Arzt. "Wir haben es hier mit abgrundtiefem Sadismus zu tun", empörte sich der Rechtsanwalt. Auch Awo-Landeschef Paul Quirin ist erschüttert: "Das sind Psychopathen, die ihre Macht missbraucht haben."

Im 8000-Einwohner-Örtchen Elversberg, wo einst mal ein paar Jahre lang der Boney-M.-Erfinder Frank Farian gelebt hat, ahnte lange niemand etwas von den Misshandlungen. Dabei wussten Kollegen auf der Station offenbar spätestens seit Februar, womöglich sogar bereits seit Weihnachten Bescheid.

Täter setzten Kollegen unter Druck

Die beiden Täter hätten aber Angst und Schrecken verbreitet und ihre Kollegen unter Druck gesetzt, suchte der Awo-Anwalt nach Gründen, warum so lange niemand die Stimme erhob. Alle hätten befürchtet, Probleme zu bekommen, wenn sie ihre Kollegen "ans Messer liefern".

Der Skandal kam erst ans Tageslicht, weil regelmäßig starke Schmerztabletten fehlten. Offenbar hatte das Duo also auch Medikamente gestohlen. Als dann das Personal befragt wurde, gab es erste Hinweise auf die Misshandlungen.

Dabei hatten die beiden ihre Taten keineswegs sonderlich geheim gehalten. Im Gegenteil, die Pfleger brüsteten sich offenbar damit, wie sie mit schutzlosen Menschen umgingen. So hatten sie Kranke beispielsweise aus Spaß absichtlich entstellt und fotografiert. Unter anderem war eine alte Frau mit einem Hitlerbärtchen und Gurkenscheiben im Gesicht verunziert und abgelichtet worden. Vor Weihnachten 2011 verschickte einer der Pfleger Fotos von der Frau mit seinem Handy an Kollegen.

Dabei wird das Heim, das 157 Pflegeplätze hat, regelmäßig kontrolliert. Der sozialmedizinische Dienst der Knappschaft hatte dem Zentrum zuletzt die Note 1,4 gegeben, und auch dem Medizinischen Dienst der Krankenkassen war bei seinem letzten Besuch im Dezember 2011 nichts Wesentliches aufgefallen.

Übergriffe oft schwer zu erkennen

Beim "Pflegelotsen" der Krankenkassen schneidet das Heim durchschnittlich ab, lediglich ein paar Mängel bei der Behandlung von Wundgelegenen sorgten für hochgezogene Augenbrauen. Pflege-Experten wie der Münchner Claus Fussek bezweifeln schon lange, ob die freiwilligen Prüfberichte überhaupt aussagekräftig sind. Sie sind eigentlich als Orientierung für Patienten und Angehörige gedacht. Pflegeheime und ambulante Dienste werden seit 2008 regelmäßig durch den Medizinischen Dienst geprüft.

Bei alten Menschen sind Übergriffe allerdings oft schwer zu erkennen. Viele Pflegebedürftige können sich nicht mehr äußern, etwa, weil sie dement sind. Manche Blessuren können auch anders entstanden sein, etwa durch Stürze nach einem Schwindelanfall. Blutergüsse können entstehen, weil alte Haut besonders empfindlich ist oder weil spezielle Medikamente gespritzt werden müssen.

Die Deutsche Hospiz-Stiftung glaubt dennoch, dass die Misshandlungen viel früher an die Öffentlichkeit hätten kommen können. "Es müssen schon viele Menschen wegschauen, wenn so lange unbemerkt bleibt, dass Pflegekräfte über einen längeren Zeitraum Patienten auf grausame Weise quälen", sagte Vorstand Eugen Brysch. Er fordert, Schwerpunkt-Staatsanwaltschaften einzurichten, um Täter wie jene im Saarland konsequenter verfolgen zu können.

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