24.06.12

Dokusoap auf Vox

Wie Loddar im TV von Fettnapf zu Fettnapf hetzt

Eine neue Dokusoap sollte Lothar Matthäus zeigen, wie er sich selbst sieht: Als Schöngeist, Gentleman und fürsorglichen Vater. Doch dann kam das Malheur mit dem Rührei.

Von Antje Hildebrandt
Foto: vox

Fußball-Legende Lothar Matthäus gewährt in einer neuen TV-Dokusoap Einblicke in sein Privatleben

8 Bilder

Ausgerechnet Rühreier. Vielleicht wäre es besser gewesen, er hätte dem Kamerateam von Vox klipp und klar gesagt: Sorry, Leute, Rühreier gehen gar nicht. Ein Lothar Matthäus gehört nicht an den Herd.

Doch Fernsehen ist nun einmal Fernsehen. Und darum haut Lothar Matthäus, 51, morgens in der Designer-Küche seines geschmackvoll eingerichteten Penthouses in Budapest ohne zu murren die Eier in die Pfanne. Er macht Frühstück für Joanna, das neue polnische Dessous-Model an seiner Seite. Rühreier und Speck, Croissants und Cola.

Es ist kein Frühstück, das Feinschmeckerinnen vom Hocker haut, doch auf die symbolische Geste kommt es an. Matthäus will demonstrieren, dass er außerhalb des Platzes keineswegs der leicht vertrottelte Chauvi ist, als den ihn die Boulevardpresse gerne darstellt. Als einen, der nichts anbrennen lässt.

"Ich sehe zum ersten Mal so scheiße Eier"

Die beschichtete Pfanne wäre womöglich besser gewesen, statt Rühreiern gibt es gequirlten Dotter. Joanna formt ihre Lippen zu einem Schmollmund von der Größe eines Schlauchbootes. "Ich sehe zum ersten Mal so scheiße Eier", sagt sie.

Lothar Matthäus ist siebenfacher deutscher Meister, Europameister, Weltmeister. Er registriert das pikiert. Es ist ein bisschen wie in den TV-Sendungen mit versteckter Kamera. Die Falle, sie ist geräuschlos zugeschnappt. Und man wartet darauf, dass ein Redakteur aus dem Küchenschrank springt und ruft: "Verstehen Sie Spaß?"

Eine rhetorische Frage. Loddar, wie ihn Spötter rufen, reagiert so, wie man es schon von ihm kennt, seit er den Scheidungskrieg mit Ehefrau Nummer vier öffentlich ausgetragen und die Presse mit immer neuen Details aus seinem Schlafzimmer versorgt hat: humorlos. "Ich kann Rühreier viel besser, als ich's Euch gezeigt habe", sagt er.

Nein, wir sind nicht beim "Perfekten Promi-Dinner" – "Lothar – immer am Ball" heißt der Versuch, ein lädiertes Image mit Hilfe des Fernsehens zu retten. Dass das ein gewagtes, wenn nicht gar aussichtsloses Unternehmen ist, lässt schon der zweideutige Titel dieser Dokusoap erahnen. Nicht Lothar Matthäus rennt dem Ball hinterher, der Taktik-Fuchs. Der Ball, das ist er selbst. Vox jagt ihn von Fettnapf zu Fettnapf. Vier Monate lang.

Akribisch aufgeräumtes Penthouse in Budapest

Matthäus, allein zu Hause, in seinem akribisch aufgeräumten Penthouse in Budapest, mit Blick auf die Eisschollen, die auf der Donau treiben. Matthäus auf der Skipiste in Zermatt. Matthäus auf der Berlinale-Party "Movie meets Media", auf der Flucht vor Paparazzi. Matthäus als Mode-Kritiker, bei der Abnahme des neuen Kleides von Joanna. Sein Urteil klingt wie die Fehler-Analyse eines Spieles der deutschen Nationalelf bei der Fußball-EM. "Make-up great, not too much. Dress looks wonderful."

Spätestens an dieser Stelle versteht man, warum sich Vox-Chefredakteur Kai Sturm schon vor der Ausstrahlung der ersten Folge von dieser Dokusoap distanziert hatte. Er sei nicht besonders glücklich mit dem Produkt, hatte er gesagt. Lothar Matthäus käme nicht authentisch rüber.

Diplomatischer kann man kaum einräumen, dass hier etwas entsetzlich schief gelaufen sein muss. Die erste Folge lässt erahnen, dass bei den Dreharbeiten zwei Welten aufeinander getroffen sein müssen. Auf der eine Seite der 1,74-Meter-Gerne-Groß aus dem fränkischen Herzogenaurach, der davon träumt, sich endlich so zu verkaufen, wie er sich selbst sieht: als Gentleman, als Schöngeist, als fürsorglicher Vater.

Auf der anderen Seite ein Filmteam, das gar nicht daran denkt, ihn auf einen Sockel zu hieven. Zuschauer wollen Idole straucheln sehen, das ist der Schlüssel zum Erfolg der sogenannten Celebrity-Soaps. Ihr Unterhaltungswert bemisst sich nach der Fallhöhe der Protagonisten. Im Fall von Lothar Matthäus hielt sich das mediale Gefälle von vornherein in Grenzen. Seit seinem Abschied vom Profi-Sport strampelt er wie eine Fliege in der Milch, um nicht vom Radar der Medien zu verschwinden.

Sucht nach der Droge Aufmerksamkeit

Es ist das alte Problem. Die Sucht nach der Droge Aufmerksamkeit. Matthäus und die Frauen, dieses Thema war immer für eine Schlagzeile gut. Solange er als Fußballer gut im Geschäft war, werteten ihn solche Homestories sogar auf.

Doch nach seinem Abschied vom Profisport und seine schier endlose Reihe von Trainer-Engagements funktionierte das nicht mehr. Matthäus sagt, er habe zu spät erkannt, dass Einblicke in sein Schlafzimmer seinem Marktwert eher schadeten. "Wenn es diese Geschichten über mein Privatleben nicht gegeben hätte, hätte ich heute wahrscheinlich einen Job als Trainer in der Bundesliga."

Letzte Ausfahrt Vox? Er habe die Dreharbeiten nutzen wollen, um das schiefe Bild von sich geradezurücken, hat er im Interview mit "Welt Online" gesagt. Und man hörte, wie Leid er es war, auf den Frauenhelden und Ferrarifahrer reduziert zu werden, als der er einst eine Bremsspur auf dem Boulevard hinter sich hergezogen hatte. Tatsächlich ist sein Rollen-Repertoire größer als befürchtet.

Das Rühr-Massaker ist dabei noch eine jener Geschichten, die geeignet sind, die Zuschauer für ihn einnehmen – aus Mitleid. Die Schere zwischen Eigen- und Fremdwahrnehmung, das erkennt man, geht weit auseinander. Die Produktionsfirma hat das gnadenlos ausgenutzt.

"Wer schön sein will, muss leiden"

Matthäus' Welt, das ist noch immer ein Fußballplatz. Eine Welt der Linien und Halbkreise. Hier fühlt er sich zu Hause. Hier ist er der Kapitän. Das zeigt die Dokusoap. Sie führt ihn vor, wie er sich aufregt, wenn der Fußläufer vor dem Aufzug nur ein wenig verrutscht ist. Sie zeigt, wie er Joghurts nach Haltbarkeit in Viererketten in seinen Kühlschrank einsortiert. Ein Choleriker, ein Ordnungsfanatiker. Der Sprecher kommentiert es gewohnt süffisant aus dem Off: "Hier bestimmt die Haltbarkeit die Aufstellung."

Eine verstopfte Nase. Das ist der Höhepunkt der ersten Folge. Joanna hat sich erkältet. Schuld an der Erkältung ist Lothar. Draußen sind es minus 17 Grad, doch er besteht darauf: Joanna trägt keine Strumpfhose unterm Kleid. "Wer schön sein will, muss leiden."

Ein Gag auf seine Kosten, den ihm die Produzenten ins Drehbuch geschrieben haben? Im Interview hat Matthäus das dementiert. Ihm bleibt auch gar nichts anderes übrig. Ein tragischer Held, der auf aussichtslosem Posten kämpft.

Vox-Chefredakteur nahm Kritik wieder zurück

Tapfer behauptet er, in dieser "Personality Doku" sei nichts inszeniert. Der Lothar aus dem Fernsehen, das sei er. 1:1. Er stehe dazu – inzwischen auch wieder mit der Rückendeckung des Vox-Chefredakteurs.

Offenbar hat es hinter den Kulissen gekracht. Jedenfalls hat Kai Sturm seine Kritik an der Dokusoap wieder zurückgenommen. "Lothar Matthäus ist als Weltstar, Führungsspieler und Trainer gewöhnt, die Führung zu übernehmen. Das hat er auch auf seine Sendung übertragen", heißt es in einer Stellungnahme des Senders. Man sei, ooops, glücklich mit dem Endergebnis.

Die 180-Grad-Wende ist ungefähr so glaubwürdig wie Matthäus' neu entflammte Leidenschaft für selbst gebratene Rühreier. Auch sie wird nicht dazu beitragen, ihn zu rehabilitieren. Sein Gesicht, er hat es längst verloren. Aber er ist Gentleman genug, um es dem Vox-Chefredakteur nicht nachzutragen. Er sagt: "Man kann auch mal ein Eigentor schießen."

Lothar - immer am Ball, ab dem 24. Juni immer sonntags bei Vox, 23.15 Uhr

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