US-Hanf-Plantagen
Vor dem Haus wächst Gras, drinnen aber auch
Illegal und gefährlich: Als Folge der US-Immobilienkrise nutzen Amerikaner immer häufiger leerstehende Häuser zum Anbau von Marihuana. Oft kommt es zu Bränden wegen falsch angezapfter Elektrizität.
Tatort Wisconsin, ein Haus nahe der Summer Street im beschaulichen Sheboygan Falls: Handwerker sollten im tiefsten Winter auf Wunsch der Bank die Schlösser an einem leer stehenden Wohnhaus auswechseln, weil die Hypothek geplatzt war. Als die Männer die Tür öffneten, wähnten sie sich in einem Treibhaus.
Die Heizung lief, in den Räumen waren zusätzliche Scheinwerfer angebracht, um das Tageslicht zu verlängern, und schon aus dem Flur waren die ersten Töpfe mit Hanfpflanzen zu sehen.
Keine Möbel – dafür aber 268 Hanfpflanzen
Die herbeigerufene Polizei fand insgesamt 40 dieser Pflanzen, zum Teil anderthalb Meter hoch, außerdem Setzlinge, getrocknete Blüten und Blätter, Düngemittel, ein ausgeklügeltes Belüftungssystem und alle Hilfsmittel zur Herstellung von Marihuana. Der 43 Jahre alte Hausbesitzer, der in einer anderen Wohnung lebte, wurde verhaftet.
Tatort North Winchester in Chicago: Über etliche Tage hatte die Polizei nach einem anonymen Hinweis ein verdächtiges Reihenhaus observiert. Der Preis für das Apartment war in der Immobilienkrise abgestürzt, ein Pärchen hatte es zum Schnäppchenpreis angemietet.
Doch es gab außer einer Matratze keine Möbel, keine Kleidung, keine Lebensmittel – dafür aber 268 Hanfpflanzen im Untergeschoss, 272 weitere im Obergeschoss, 170 Gramm Cannabis in der Küche und größere Mengen an Bargeld. Auch dieses illegale Gewächshaus war ausgestattet mit anspruchsvoller Technik und Scheinwerfern zur Wachstumsbeschleunigung. Der Stromzähler war manipuliert worden, um den hohen Elektrizitätsverbrauch zu kaschieren.
Zweckentfremdungen der besonderen Art
Tatort Kalifornien, der Windsor Court im vorstädtischen Vallejo, 25 Meilen nordöstlich von San Francisco: Als aus einer Apartmentwohnung dichter Rauch quoll, pochte der Nachbar aufgeregt an die Haustür.
Sie sprang auf, die Wohnung war menschenleer – aber vollgestopft mit Hanfpflanzen und einem professionellen System zur Ausleuchtung unzähliger Marihuanapflanzen in Töpfen und Kästen. Die Feuerwehr war wenige Minuten später am Haus, das durch eine defekte und illegale Stromzuleitung in Brand geraten war. Die Mieter tauchten nie wieder auf.
Drei Beispiele für einen Trend in den USA: Die Immobilienkrise, die seit einer halben Dekade Wirtschaft und Verbraucher in ihren Klauen hält, führt nicht nur zu Leerständen, sondern auch zu Zweckentfremdungen der besonderen Art. Geräumte Häuser und Wohnungen, durchaus auch in guten und besseren Lagen, werden umfunktioniert zu Treibhäusern für Marihuana und andere Drogen.
Das hat mehrere Ursachen: Professionelle Produzenten und Händler von "Gras" suchen die schützende Umgebung ausgesprochen bürgerlicher Wohngebiete, weil sie sich dort sicherer wähnen vor Einbrüchen und polizeilicher Neugierde.
Schaltuhr zum Verschleiern des Leerstands
Dazu entwickeln sie besondere Strategien: Ein Marihuanazüchter in Kalifornien stattete sein angemietetes Haus mit einem eigenen Vorbau aus, in dem er per Schaltuhr Lampen im Flur und auf der Veranda an- und ausgehen ließ, um den Leerstand zu verschleiern. Andere Mieter derartiger Treibhäuser kehren jede Woche regelmäßig zu ihrer Immobilie zurück, um den Rasen zu mähen und sich der Umgebung als seriöse Nachbarn zu präsentieren.
Nevada führt in der Zahl der Immobilienpleiten und Zwangsvollstreckungen den US-Trend an. In dem Bundesstaat rund um das Spielerparadies Las Vegas entdeckte die Polizei im vorigen Jahr 130 illegale Treibhäuser in vermeintlichen Wohnungen – das war eine Verdoppelung gegenüber 2010.
Zumeist handelt es sich bei den Hanfgärtnern um professionelle Kriminelle. In Kalifornien etwa dominiert eine Bande von Amerikanern mit vietnamesischem Hintergrund die neue Branche der Treibhäuser in der Wohnanlage. Während sie an jedem Pfund Cannabis aus Mexiko nur 750 Dollar verdienen, sind es bei dem selbst gezüchteten Rauschmittel 3000 Dollar.
Aufwendige Scheinwerferbatterien
Gefährlich werden die illegalen Zuchtstätten auch für Nachbarn. Weil Hanfpflanzen zum schnellen Wachsen viel Licht benötigen, werden sie mit aufwendigen Scheinwerferbatterien bestrahlt. Da deren hoher Elektrizitätsverbrauch die Versorger misstrauisch machen könnte, schließen viele Marihuanazüchter die Stromleitungen kurz. Aber nicht jeder Drogendealer ist zugleich ein ausgefuchster Elektriker – immer wieder kommt es darum zu Schwelbränden und offenem Feuer in den vielfach aus Holz konstruierten Häusern.
Weniger gefährlich, aber ebenso zerstörerisch wirkt sich die Bewässerung der Hanfpflanzen aus: Millionen-Dollar-Objekte, die während des Leerstandes als Treibhaus genutzt werden, bleiben feucht und ziehen Schimmel in die Wände und unter das Parkett, der nie wieder verschwindet.
"'Gras' außerhalb des Hauses kann ein Zeichen für eine geplatzte Hypothek sein. 'Gras' innen kann eine Strategie gegen das Platzen der Hypothek sein", witzelt die Zeitung "Palm Beach Post" in Florida, um dann die Gewichtung geradezurücken: "Hausbesitzer, die in Zahlungsschwierigkeiten stecken, haben gewisse Probleme. Treibhausbesitzer, die erwischt werden, haben große Probleme, wenn ihr Aufschwung mit einem Flop endet."



















