15.06.12

Kindesmord in Niedersachsen

"Brutale Tötung ist eher Männer-Sache"

Die Familientragödie in Niedersachsen, bei der ein Vater seine vier Kinder getötet haben soll, ist schwer zu verstehen: Kündigen sich solche Taten an? Ein Gespräch mit dem Kriminologen Christian Pfeiffer.

Foto: dpa
Experte: Wachsende Stärke der Frauen dämmt Missbrauch ein
"Mit der Tat, die eigenen Kinder getötet zu haben, kann man kaum leben.", sagt Prof. Dr. Christian Pfeiffer

Nach Eheproblemen soll ein 36 Jahre alter Mann im Kreis Peine (Niedersachsen) seine vier Kinder getötet haben. Das zwölfjährige Mädchen und die Jungen im Alter von fünf bis neun Jahren seien am späten Donnerstagabend in Ilsede von der Polizei entdeckt worden, teilte die Staatsanwaltschaft Hildesheim mit. Der Familienvater versuchte, sich das Leben zu nehmen und hat sich dabei lebensgefährlich verletzt. Er liegt noch im Krankenhaus

Christian Pfeiffer, Professor für Kriminologie und Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen, forscht seit Jahren zum Phänomen der Kindestötung durch Eltern.

Aus dem Abschiedsbrief des mutmaßlichen Täters soll hervorgehen, dass er "keine andere Möglichkeit" sah, um "mit seinen Kindern zusammenzubleiben". Wieso reagierte er so extrem?

Zu Anfang lohnt es sich zu betonen, dass die Zahl dieser Fälle in Deutschland stark rückläufig ist. 1994 wurden noch mehr als doppelt so viele Kinder von ihren Eltern getötet, als 2011. Die Zahl der Fälle sank von 192 auf 73. In diesem Fall handelt es sich eventuell schlicht um einen Racheakt an der Frau. Der Täter überlegt sich: "Womit treffe ich die von mir getrennt lebende Frau am schärfsten?", und dann ist die Ermordung der Kinder mit Sicherheit das Schlimmste, was man ihr antun kann. Der Täter hat offenbar unter Depressionen gelitten, deshalb können auch psychische Krankheiten eine Rolle spielen.

Vor zwei Wochen stand in Brandenburg ein Mann aus Dänemark vor Gericht, der seine beiden Töchter verbrannt hat. Im März 2011 tötete ein Vater seinen Sohn mit einer Kettensäge. Werden die Familienmorde seltener, aber immer grausamer?

Töten ist immer grausam. Da hat sich nichts gesteigert. Es gilt allerdings: Die besonders brutale Tötung ist eher eine Sache der Männer.

Immer wieder ist auch von Fällen zu hören, in denen Mütter ihr Neugeborenes töten. Wie ist dort das Muster?

Kindestötungen durch die Mutter geschehen eher direkt nach der Geburt aus Verzweiflung darüber, was passiert ist. Unmittelbar nach der heimlich auf einer Toilette oder in einem einsamen Raum stattfindenden Geburt töten sie in Panik das Baby. Auch solche Phänomene sind rückläufig. Andererseits gibt es Fälle von gravierender Vernachlässigung.

Männer hingegen schütteln das schreiende Baby nicht selten aus Überforderung zu Tode. Da gibt es dann selten einen Tötungsvorsatz, sondern eher Wut und Hilflosigkeit. Den Tätern ist auch häufig nicht bewusst, wie vorsichtig ein kleines Kind behandelt werden muss. Auch das Totschlagen oder Erstechen ist eher eine Tat von Männern. Kindesmörderinnen lassen das Kind eher verhungern oder töten das Neugeborene.

Vor dem Mord in Brandenburg 2011 hat der Vater aus Dänemark seine Kinder zum Eisessen abgeholt, um dann auf ein Waldstück zu fahren und das Auto, in dem seine Töchter saßen, anzuzünden. Geschehen die Taten eher im Wahn oder werden sie geplant?

Etwa ein Sechstel der Fälle von Kindestötungen durch die eigenen Eltern geschehen durch psychisch massiv gestörte Menschen, die vor Gericht nicht schuldfähig sind. Bei Tötungen durch den Vater ist die Ausgangssituation häufiger, dass er mit der Tat die Mutter bestrafen will. Grund dafür ist das Gefühl, dass sie ihm die Liebe entzieht, dass sie sich lossagt von der Familie und eigene Wege geht. Die verlassenen Männer wollen ihr diese Selbstständigkeit nicht zugestehen und töten dann die Kinder – und fügen damit der Frau Schaden zu.

Die Mutter bekam eine SMS von ihrem Mann, in der er die Tat ankündigte. Sie telefonierte mit der Polizei, mit Verwandten, kontaktierte sogar die Feuerwehr. Doch alle kamen zu spät.

Das spricht sehr für das Rachemotiv, eine typisch männliche Vorgehensweise. Häufig versuchen die Männer, später Selbstmord zu begehen. Dabei fehlt ihnen aber meistens die Kraft. Am Anfang haben sie noch den Gedanken im Kopf, wenn es dann jedoch um die Umsetzung geht, ist das Rachemotiv das vordringliche. Der Suizidversuch ist die Folge des entsetzlichen Geschehens. Mit der Tat, die eigenen Kinder getötet zu haben, kann man kaum leben.

Ich habe mit Menschen gesprochen, die andere getötet haben. Das werden die nicht mehr los. Es muss extrem schwierig sein, damit umzugehen. Keine Frage: Der Vater hat sich mit dieser Tat auch selbst zerstört und sein Versuch, sich gleich zu töten, entsteht aus dem Entsetzen über das Getane.

Mit der Tat zu leben, bedeutet meistens lebenslänglich im Gefängnis zu sitzen. Welche Verwahrung halten Sie für sinnvoll?

Wenn er es aus Rache getan hat, ist eine lebenslängliche Haftstrafe angebracht und auch bei Mord so vorgesehen. Es sei denn, es zeigt sich, dass seine Depression die Tatschuld reduziert.

In diesem Fall scheinen Eheprobleme Gründe für die Tat zu sein. Gibt es Anzeichen, die solche brutalen Taten ankündigen?

Verbale Drohungen: "Wenn du dich von mir trennst, bringe ich die Kinder um!" Manchmal kündigt sich das Verbrechen vorher im Streit an. Das ist ein klares und ernst zu nehmendes Indiz. Es kann aber auch aus heiterem Himmel passieren, wenn ihm gewahr wird, dass seine Frau sich möglicherweise trennen will oder dass sie einen neuen Partner hat. In den meisten Fällen, an die ich mich erinnere, gab es keine Hinweise und schon gar keinen Grund der Mutter vorzuwerfen, sie hätte nicht genug aufgepasst.

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