16.06.12

Martin Böttcher

"Ich bin der große Vater der Melodien"

Er vertonte die Winnetou-Filme und komponierte Musik für Serien wie "Der Alte". Der Jazz-Gitarrist Martin Böttcher wird am Sonntag 85. Ein Gespräch über Günter Grass und die heitere Nachkriegsmusik.

Foto: Geisler-Fotopress
Martin Böttcher mit Indianerschmuck
Ist 2011 bei den Karl-May-Festspielen in Bad Segeberg zum Ehrenhäuptling ernannt worden: Martin Böttcher (Jg. 1927). Er hat die Winnetou-Filme vertont

Martin Böttcher aus Lugano freut sich, wieder in Berlin zu sein. Hier ist er aufgewachsen, vor dem Krieg, danach hat er für Film und Fernsehen komponiert, so produktiv wie niemand sonst. Seine Musik begleitete "Die Halbstarken" und Old Shatterhand, Heinz Rühmann als "Pater Brown" und Ottfried Fischer als "Pfarrer Braun".

Am 17. Juni feiert Böttcher seinen 85. Geburtstag. Seine Plattenfirma stellt ihm dazu eine Box zusammen: vier CDs aus sechs Jahrzehnten mit den Klassikern des funktionalen Krautpop. Martin Böttcher sitzt auf dem Hotelsofa, so freundlich, wie es seine Soundtracks immer waren.

Berliner Morgenpost: Ihre Film- und Fernsehmusik aus den 60er- und 70er-Jahren ist so heiter. Muss man sich die alte Bundesrepublik als glücklicheres Land vorstellen?

Martin Böttcher: Die Probleme hatten wir ja vorher, und alle waren froh, dass sie vorüber waren. Wir kamen aus dem Krieg, hatten nichts mehr und freuten uns auf die Zukunft, weil es nur noch aufwärtsgehen konnte. Wir waren noch in der Lage, die Freiheit zu genießen. Ich glaube, das ist es, was Sie heute in meiner Musik von damals hören können.

Berliner Morgenpost: Am 17. Juni werden Sie 85 Jahre alt. Den großen Männern der sogenannten Flakhelfer-Generation, von Helmut Kohl bis Günter Grass, wird gern nachgesagt, ihr Lebenswerk aus den Kriegserfahrungen heraus verfolgt zu haben. Sie sind Musiker geworden.

Böttcher: Ich war froh, den Krieg halbwegs heil überstanden zu haben, und ich musste etwas Neues anfangen mit meinem Leben. Ich hatte Testpilot werden wollen und war bei der Fliegerei. Aber bevor es damit losgehen konnte, war der Wehrmacht glücklicherweise der Sprit ausgegangen. Wir konnten wählen zwischen Fallschirmjäger und Waffen-SS.

Ich habe mich nicht, wie Grass, für das Falsche entschieden. Als Fallschirmjäger wurde ich verwundet und kam in Kriegsgefangenschaft. Im Lager habe ich wie ein Verrückter auf der Gitarre geübt. Ich wurde nach Hamburg entlassen und traf einen Freund, der Pauker war im Sinfonieorchester. Der nahm mich mit, und dort begegnete ich Willy Steiner! Der Name sagt Ihnen was?

Berliner Morgenpost: Ohne Google nicht, nein.

Böttcher: Willy Steiner hatte damals das beste Orchester auf dem Kontinent. Fanden sogar die Engländer. Ich stieg bei ihm ein. Wir kannten uns aus Berlin, wo ich in seinem Tennisverein Balljunge gewesen war.

Berliner Morgenpost: Sie kamen aus einer angesehenen Berliner Musikerfamilie, ihre Vorfahren waren Hofkapellmeister.

Böttcher: Ich wollte immer nur fliegen. Mit 14 hatte ich meinen ersten Start als Segelflieger. Dann habe ich alle Prüfungen absolviert: A, B, C, Luftfahrschein Klasse 1 und 2, Kunstflug, alles.

Berliner Morgenpost: Stattdessen sind Sie dann aber doch nicht Pilot, sondern Jazz-Gitarrist geworden. Wer swingt, marschiert nicht. Hat der Jazz die Entnazifizierung begleitet?

Böttcher: Dass wir unbeschwert Glenn Miller, Benny Goodman und Artie Shaw hören und ihre Musik spielen konnten, hat uns in jeder Hinsicht beflügelt und befreit.

Berliner Morgenpost: Wie kamen Sie vom Jazz zum Film?

Böttcher: Nachdem ich jahrelang für Radio Hamburg, den NWDR und den NDR, wie der Sender heute heißt, gespielt hatte, wurde ich an Artur Brauner vermittelt, den Filmproduzenten. Der Regisseur Max Nosseck war gerade aus Hollywood zurückgekehrt und drehte für ihn "Der Hauptmann und sein Held".

Berliner Morgenpost: Eine Satire auf die deutsche Lust am Militär.

Böttcher: Ein toller Film. Ich hatte vier Tage und Nächte Zeit für die Musik. Dann war ich Komponist beim Film.

Berliner Morgenpost: Ein Jahr später haben Sie für Will Tremper "Die Halbstarken" mit der passenden Musik unterlegt. Haben Sie die Figuren verstanden?

Böttcher: Ich war 27 damals und nah dran an der Jugend, ich konnte es nicht verstehen, aber zumindest nachempfinden. Will Tremper sagte damals: Wir brauchen was ganz anderes als sonst. Ich habe mir super Jungs besorgt für meine Mister Martin's Band. Ernst Mosch als Posaunist. Es heißt immer, James Last sei als Bassist dabei gewesen, doch das stimmt nicht ganz: Er war in der Big Band für die Filmmusik und hat später viel für mich gearbeitet.

Berliner Morgenpost: Haben Sie immer genau die Bilder vertont oder die Stimmung des Films wie unter Komponisten heute üblich?

Böttcher: Ich habe mir immer den Film angesehen, zumindest im Rohschnitt und mit dem Regisseur. Ich habe alles genau ausgestoppt, bin nach Hause marschiert und habe die Szenen vertont, exakt mit Crescendi und Decrescendi. Mit Harald Reinl, dem ersten Regisseur der Karl-May-Filme, war es so: Sobald ich den Knopf meiner Stoppuhr drückte, klopfte er mir auf die Schulter: Junge, dann mach mal eine schöne Musik dazu. Niemand hat mir reingeredet. Am Ende traf man sich im Studio wieder und der Film bekam seine Musik. Ich brauchte immer die Bilder zur Inspiration.

Berliner Morgenpost: Die Karl-May-Verfilmungen der 60er-Jahre waren mehr als Indianerkino. Es waren Versöhnungsfilme, gedreht in Jugoslawien.

Böttcher: Für mich ging es darin um die Freiheit des Menschen. Der Produzent Horst Wendlandt schickte mir die ersten Muster damals. Erst dachte ich: Oh Gott, Karl May! Die Muster aber waren so toll, da ging es bei mir ganz schnell aus dem Bauch heraus. Ich hab dem Wendlandt die ersten acht Takte am Klavier vorgespielt. Er sagte: Das isses.

Berliner Morgenpost: Was war es? Die "Old-Shatterhand-Melodie"? Vor 50 Jahren war sie der Renner in der deutschen Hitparade.

Böttcher: Es war das Hauptmotiv, ja. Da passte beides zusammen: die Musik und die Figur. Der Lex Barker, der Old Shatterhand, war ja 1,96 Meter groß.

Berliner Morgenpost: Vor einem Jahr sind Sie bei den Karl-May-Festspielen in Bad Segeberg zum Ehrenhäuptling ernannt worden, samt Kopfschmuck.

Böttcher: Max Schmeling ist Ehrenhäuptling, Ella Fitzgerald ebenfalls, Christian Wulff übrigens auch, unser ehemaliger Bundespräsident. Ich bin der "Große Vater der Melodien".

Berliner Morgenpost: Die Film- und Fernsehmusik der Bonner Republik wurde von einer Troika geprägt – von Klaus Doldinger, Peter Thomas und Martin Böttcher. Wie war Ihr Verhältnis untereinander?

Böttcher: Ich würde sagen: kollegiale Konkurrenz. Die anderen beiden haben großartige Sachen geschrieben, Doldinger das "Tatort"-Thema und Thomas die Musik für Erich von Dänikens "Erinnerungen an die Zukunft".

Berliner Morgenpost: Was ist heute anders als früher beim Anfertigen von Soundtracks? Nutzen Sie den Computer?

Böttcher: Nein, nur Keyboards. Am liebsten zwei zur gleichen Zeit. So konnte ich fürs "Forsthaus Falkenau" die Streicher und die Bläser zusammen spielen. Stärker als die Musik haben sich allerdings die Bilder verändert und das Tempo der Schnitte. Alles hat sich beschleunigt. Ohne längere Einstellungen, kann auch die Musik nicht mehr ausgespielt werden. Das ist schade. Denken Sie an "Spiel mir das Lied vom Tod": Im Bild passierte nichts, nur Musik. So was dreht heute keiner mehr. Die Leute sind hektischer und ungeduldiger geworden.

Berliner Morgenpost: Stimmt es eigentlich, dass Sie seit einem Unfall bei der Luftwaffe nur auf einem Ohr hören?

Böttcher: Das steht überall, stimmt aber nicht ganz. Der Unfall ist mir nicht bei der Fliegerei passiert, sondern als Kind mit vier Jahren. Ich bin von einer Leiter gestürzt, und durch einen Schädelbruch war mein linker Hörnerv abgequetscht. Später hat mir mein Bruder mit einem Platzpatronenrevolver noch das rechte Ohr zerschossen. Im Krieg ist mir das Gleiche passiert, neben einem Granatwerfer. Die Ärzte haben gesagt: Das wird nie wieder was mit dem Gehör. Es wurde aber wieder was. Auf einem Ohr.

Berliner Morgenpost: Stereofonie halten sie demnach für eine überschätzte Erfindung …

Böttcher: Hauptsache, die Musik ist gut. Wenn es denn stereo sein soll, drehe ich eben meinen Kopf hin und her wie ein Radar.

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