09.06.12

Gläserner Bürger

Netzwerke und Firmen wissen mehr als die Schufa

Die Facebook-Pläne der Schufa haben riesige Empörung ausgelöst. Dabei weiß das Netz längst mehr über uns als wir denken: Spionage-Software meldet, was wir kaufen und welche Krankheiten wir haben.

Foto: DAPD
Schufa
Internetfirmen wie Facebook haben schon viel mehr Informationen über die Bürger gesammelt als die Auskunftei Schufa

Nutzer sozialer Netzwerke im Internet haben eine neue Leidenschaft. Seit vergangener Woche veröffentlichen sie gerne mal Nonsensinformationen wie diese: "Friedrich-Maximilian und Katharina-Maria haben beim Spielen im Stadtpalais schon wieder ihre goldenen Löffel verloren!"

Mit plötzlichem Reichtum sind sie jedoch nicht gesegnet. Vielmehr ist es die ganz eigene Art der Netz-Gemeinde, eine neue Form der unkontrollierten Daten-Sammelei zu verarbeiten. Die Auskunftei Schufa hatte zugegeben, Daten unter anderem aus sozialen Netzwerken für die Bonitäts-Bewertung von Kreditnehmern verwenden zu wollen.

Ein entsprechender Forschungsauftrag an das Hasso-Plattner-Institut war bekannt geworden. Und sogleich rückten sich die Facebook- und Twitter-Nutzer auf ihre eigene Art ins "rechte Licht". Wer über goldene Löffel schreibt, wird ja wohl den nächsten Kredit extra billig bekommen, oder?

Zwar hat das Hasso-Plattner-Institut den Forschungsauftrag inzwischen zurückgegeben, nachdem Politiker und Verbraucherschützer aller Parteien Aufklärung über die Pläne verlangt hatten. Die aufgeschreckte Internetgemeinde sollte sich trotzdem nicht sicher fühlen.

Längst haben sie in anfänglicher Zutraulichkeit auf Facebook und Co. so viel über sich verraten, dass die Netzwerke mehr über sie wissen als jede Auskunftei. Und auch wer sich nicht auf Facebook oder Google+, Xing oder LindedIn registriert hat, ist dank der immer ausgefeilteren Schnüffelmethoden im Netz längst zum gläsernen Nutzer geworden.

Was weiß Facebook über mich?

Inzwischen ist den meisten Facebook-Nutzern bewusst, dass das soziale Netzwerk seine Daten nicht einfach für sich behält, sondern damit auch eigene Zwecke verfolgt. Die Personalisierung von Werbung ist die offensichtlichste Möglichkeit für Facebook, die Daten der Nutzer zu Geld zu machen.

Wer bestimmte Interessen zeigt, dem werden auch entsprechende Anzeigen dargeboten. Die Erlaubnis zur kommerziellen Nutzung aller anvertrauten Daten lässt sich das Netzwerk gleich bei der Anmeldung genehmigen. Selbst wenn Nutzer anschließend Zurückhaltung beim Eintragen ihrer Daten beweisen, kann Facebook sehr viel über sie erfahren.

Wer kennt wen, wer ist mit wem befreundet, auf wessen Empfehlungen legen wir wert. Wer die Facebook-App auf seinem Mobiltelefon installiert, öffnet dem Konzern einen Schatz an Informationen: Ganz selbstverständlich durchsucht die App die Adressbücher der Nutzer nach Mailadressen und Geburtstagen, und gleicht diese mit dem Bestand anderer Nutzer ab, um gemeinsame Freunde vorzuschlagen.

Brisant: Auch die Kontaktdaten von Bekannten, die gar nicht bei Facebook registriert sind, werden dabei übertragen und gespeichert. So mancher Nutzer wundert sich bei der erstmaligen Anmeldung auf Facebook dann, wie viel das Netzwerk bereits über ihn weiß.

Wer profitiert noch von Facebooks Datenschatz?

Dieser Datenschatz ist auch für Dritte frei zugänglich, etwa für die Anbieter der vielen Hundert Miniprogramme innerhalb von Facebook, mit denen sich die eigene Facebook-Seite anpassen lässt: Sie lesen die Facebook-Profile der Nutzer aus und laden Kontaktdaten der Freunde auf eigene Server.

Eine Analyse des "Wall Street Journal" der beliebtesten Apps zeigte: Diverse Miniprogramme lesen nicht nur Mailadressen aus, sondern interessieren sich auch für den aktuellen Aufenthaltsort des Benutzers oder für seine sexuelle Orientierung.

Polizeibehörden weltweit haben des Öfteren schon Nutzerfotos aus sozialen Netzwerken verwendet, um etwa Blitzerfotos Personen zuzuordnen. Auch die Personalabteilung des Arbeitgebers schaut gerne einmal ins Facebook-Profil, etwa wenn jemand für längere Zeit krank geschrieben ist.

Scheidungsanwälte, Inkassounternehmen und private Detekteien hatten es nie so einfach bei der Suche nach kompromittierendem Material.

Wer Facebooks Datensammelwut völlig entgehen will, dem bleibt nur die komplette Löschung seines Kontos und die Hoffnung, dass Facebook dann – meist erst Monate später – die Daten auch aus den letzten Sicherungskopien löscht. Wer so weit nicht gehen will, sollte seinen Account so verschlossen wie möglich konfigurieren – in den "Einstellungen" seines Profils.

Wie verfolgen soziale Netzwerke ihre Mitglieder im Internet?

Langsam aber unaufhaltsam hat er sich überall eingeschlichen, ist fast omnipräsent auf Newsseiten, Blogs, im Onlinehandel und auf Firmen-Homepages: Facebooks kleiner blauer Like-Button ist der wohl beste und perfideste Datensammler im freien Netz.

Vordergründig dient er allein dazu, dass die Nutzer per Mausklick Facebook sagen können, was sie mögen. Was nur wenigen bewusst ist: Jeder blaue Button meldet, sobald er von einem Webbrowser geladen und angezeigt wird, auch ohne Klick die Anwesenheit eines Facebook-Nutzers an das Netzwerk.

Er nutzt zur genauen Identifizierung des Webseitenbesuchers ein sogenanntes Tracking Cookie. Darunter kann man sich ein kleines digitales Nutzer-Etikett vorstellen, den Facebook im Speicher jedes Nutzers ablegt – wie ein gelber Post-it-Klebezettel, der heimlich auf den Rücken gepappt wurde.

Mit ihm kann der Konzern ein Surf-Profil seiner Nutzer erstellen. Sollten die Webseitenbesucher noch nicht bei Facebook registriert sein, meldet der kleine blaue Button statt des Nutzer-Namens einfach die eindeutige IP-Adresse des jeweiligen Computers weiter. Denselben Trick können auch Google und Twitter anwenden.

Wer beschattet außerdem noch die Surfer im Netz?

Soziale Netzwerke sind beileibe nicht die Einzigen, die den Nutzern im Netz hinterherspionieren. Viele Nutzer kennen inzwischen dieses seltsam mulmige Gefühl des Beobachtetwerdens, wenn sie etwa wochenlang auf allen möglichen Webseiten Werbung für Outdoorausrüstung angezeigt bekommen, nur weil sie auf einer Shopping-Seite einen Wanderschuh bestellt haben.

Dahinter stecken Tracking Cookies – noch mehr gelbe Klebezettel – der großen Werbenetzwerke. Die Cookies werden auf der Festplatte eines Nutzers abgelegt, sobald er eine Webseite besucht, die einem der Netzwerke angeschlossen ist.

Der einzige Unterschied zu Facebook: Die Werber kennen Namen und Kontakte des Surfers nicht. Die Webseitenbetreiber verdienen gut daran, den Werbetreibenden weiterzumelden, was genau der Nutzer auf ihre Webseite getrieben hat.

Wer einmal zurückspionieren möchte und sehen will, welche Webseiten ihm wo hinterherspionieren, der sollte das Programm "Collusion" der Mozilla Foundation ausprobieren. Es ist kostenlos und wird im Firefox-Browser installiert. Es zeigt grafisch, welche Seiten untereinander per Tracking Cookie verbunden sind und wer den Nutzer im Netz verfolgt.

Das typische Collusion-Bild gleicht einem wirren, hochverzweigten Spinnennetz. Wer alle Tracking Cookies im Speicher seines Browsers per Hand löscht, verwischt zunächst seine Spuren. Doch schon nach wenigen Stunden normalen Surfens zeigt das Collusion-Bild wieder das bekannte Spinnennetz, die gelben Klebezettel sind alle wieder da.

Wie lassen sich Verfolger abschütteln?

"Do Not Track" heißt eine Initiative der US-Industrie und deren Aufsichtsbehörde Federal Trade Comission, die Nutzern helfen soll, die Spione im Netz loszuwerden. Die Idee: Die nächste Generation der Internet-Browser erlaubt es den Nutzern, den Werbenetzwerken per Softwareschalter zu signalisieren, dass sie nicht verfolgt werden wollen.

Einer der größten Befürworter der Initiative ist der Softwarekonzern Microsoft – er kündigte vor zwei Wochen an, den kommenden Internet Explorer 10 bereits mit umgelegtem Schalter auszuliefern.

Der Aufschrei unter den Werbern war laut, prompt änderten sie den Entwurf der Selbstverpflichtung, zwangen Microsoft so zur Rücknahme des Vorschlags. Wer schon jetzt die unsichtbaren Spione blenden möchte, kann Do-Not-Track-Zusatzprogramme frei herunterladen.

Wo sonst geben wir Daten preis?

Nicht nur in sozialen Netzwerken oder im öffentlich durchsuchbaren Internet verraten Nutzer Details über sich selbst, sondern auch in geschlossenen Anwendungen wie etwa dem Onlinebanking. Zwar sind die Onlinebanking-Seiten der großen Geldinstitute dank sicherer Authentifizierungsmethoden sehr gut gegen Identitätsdiebstahl und Zugriff durch Dritte abgesichert.

Doch auch die Geldinstitute selbst können dank der ihnen anvertrauten Daten ihre Kunden immer genauer in Untergruppen einteilen. Wer also des Öfteren verreist und viele Abbuchungen aus fernen Ländern hat, der könnte von seiner Bank Werbung für Reiseversicherungen bekommen.

Außerdem: Wer viele Abbuchungen mit seiner Kreditkarte tätigt, der wird prompt mit Infomaterial für Zusatzservices zur Karte überschüttet. Und wer als Kassenpatient Kreislauf- und Gelenkkrankheiten behandeln lässt, die auf Übergewicht schließen lassen, könnte Hinweise zur besseren Ernährung bekommen – einfach nur deswegen, weil sein Versicherten-Datensatz mit dem von anderen Übergewichtigen übereinstimmt.

"Big Data" heißt die detailgenaue Echtzeit-Analyse einer großen Menge von Kundendaten, mit der auch Amazon maßgeschneiderte Angebots-E-Mails erstellt. Entkommen ist in diesen Fällen so gut wie unmöglich.

Die wichtigsten Zahlen und Fakten zu Facebook

Gewinn und Umsatz

 

Facebook ist seit drei Jahren profitabel. 2011 gab es eine Milliarde Dollar Gewinn, im Jahr davor 606 Millionen und 2009 auch schon 229 Millionen Dollar.

Im Jahr 2008 lag der Verlust bei 56 Millionen Dollar und 2007 bei 138 Millionen Dollar. Im ersten Quartal 2012 sank der Gewinn im Jahresvergleich um zehn Prozent auf 137 Millionen Dollar.

Facebook ist inzwischen ein außerordentlich lukratives Geschäft. Den Milliardengewinn 2011 schaffte das Online-Netzwerk mit nur 3,7 Milliarden Dollar Umsatz.

Im ersten Quartal 2012 stiegen die Erlöse im Jahresvergleich um 45 Prozent auf 1,06 Milliarden Dollar. Facebook macht sein Geld vor allem mit Werbung. 2011 lag der Anteil bei 85 Prozent.

Die virtuellen Welten des Onlinespiele-Spezialisten Zynga sind ein wichtiges Element des Facebook-Geschäfts. Zuletzt steuerte der Anbieter von Games wie "Farmville" oder "Cityville" 15 Prozent der Facebook-Umsätze bei.

Facebook ist auch ein riesiges Fotoalbum: Jeden Tag laden die Nutzer 300 Millionen Bilder hoch.

Mitglieder und Management

 

Facebook hat mehr aktive Mitglieder als man bisher dachte. In den Börsenunterlagen spricht das Online-Netzwerk von 845 Millionen aktiven Nutzern im Monat Ende 2011. Im ersten Quartal waren es bereits 901 Millionen. Und 526 Millionen nutzten Facebook jeden Tag.

Am 18. Mai war Facebook an die Börse gegangen, konnte die hohen Erwartungen aber nicht erfüllen. Bereits am zweiten Handelstag lagen die Aktienkurse unter dem Ausgabepreis von 38 Dollar.

Facebook hatte zuletzt 3539 Mitarbeiter. Die Zahl der Beschäftigten stieg allein im vergangenen Jahr um 50 Prozent.

Konkurrenten

 

In beinahe allen Ländern ist Facebook das größte Soziale Netzwerk – nennenswerte Ausnahmen sind Russland und China, wo lokale Unternehmen dominieren.

Über einen Markteintritt in China hat Facebook noch nicht entschieden. Am russischen Konkurrenten Vkontakte ist der Investor DST beteiligt, der ein großer Facebook-Anteilseigner ist.

Auch wenn StudiVZ lange vorne lag, ist Facebook in Deutschland inzwischen die Nummer 1. Mehr als 22 Millionen Nutzer seien beim Marktführer aktiv, berichtete das Blog Allfacebook.com unter Berufung auf ein Werbe-Tool des Unternehmens. 2010 waren es 10 Millionen.

Quelle: dpa

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