12.06.12

ARD-Film

Der tragische Fall des "Ali vom Waldhof"

Charles "Charly" Graf verkörpert Box-Klischees wie kaum ein anderer: Aufstieg, Knast, Comebacks. Die ARD begleitet den Mann, der wegen seiner Vergangenheit nicht zur Ruhe kommt.

Foto: NDR Presse und Information

Gekämpft hat er schon immer, nicht nur im Ring. Die ARD zeigt eine Dokumentation über den Boxer Charly Graf aus Mannheim, der wegen seiner Hautfarbe immer als Außenseiter galt.

6 Bilder

Zum Leistungssport gehört das Unmäßige. Top-Athleten ruinieren ihre Körper durch das Training, die Berichterstatter verlangen in immer kürzeren Abständen nach neuen Helden. Und wenn die Helden schon nicht strahlend sein können, so muss die Tragik bemüht werden, um den Sportler hervorzuheben. Kein verschossener Elfmeter, ja bald gar kein Fehler mehr, den Fernseh-Sportreporter nicht augenblicklich als tragisch bezeichnen würden.

Für die wahrhaft tragischen Figuren des Sports macht diese Inflation nichts leichter. Wer trotz bester Absichten oder unverrückbar schlechter Umstände tatsächlich scheitert, der darf auf wenig Aufmerksamkeit hoffen. Denn in diesen Geschichten geht es immer kompliziert und absurd zu, das tut man sich und anderen lieber nicht an.

Der Boxer Charles "Charly" Graf aus Mannheim ist so ein Fall: Sein Leben passt in kein Sendeformat. Trotzdem strahlt die ARD am Dienstag eine 90-minütige Dokumentation über den Sohn eines amerikanischen GIs und einer deutschen Mutter aus, versenkt sie allerdings prompt um 23.45 Uhr im Nachtprogramm; man will seine Zuschauer schließlich zur Primetime nicht überfordern.

Das "Kind eines Negersoldaten"

Charles Graf war und ist weit mehr als ein Berufsboxer: Schon als Vierjähriger musste er als Kind eines "Negersoldaten" für einen Fernsehbericht über die Zustände in Mannheims Elendsviertel herhalten; sein Aufstieg zum Star im Schwergewicht stoppte 1970 im sechsten Kampf jäh der Routinier Yvan Prebeg, seine Promoter hatten Graf zu früh viel zu viel zugemutet.

Comebacks scheiterten, Graf verdingte sich im Rotlichtmilieu, saß insgesamt zehn Jahre seines Lebens unter anderem wegen Körperverletzung im Gefängnis und lernte in Stammheim den Terroristen Peter-Jürgen Boock kennen; Boock brachte ihn zum Lesen, deswegen sagt Graf heute mit seinen 60 Jahren so viele kluge Dinge.

Graf gelang es als einzigem deutschen Boxer, aus der Haft heraus in den Ring zurückzukehren, er erkämpfte sich den Titel des deutschen Meisters im Schwergewicht – den aber war er direkt wieder los, als er ihn bei seiner ersten Verteidigung an Thomas Classen verlor.

Classen hatte mit Wilfried Sauerland einen mächtigen Promoter, da konnte Graf den Kampf nach Ansicht der Experten noch so dominiert haben; nach der Haftzeit heiratete Graf und arbeitete als Cowboy im Allgäu; und seit einigen Jahren betreut er in seiner Heimat Mannheim als Sozialarbeiter Kinder aus Problemvierteln. Die Ängste und Depressionen, die ein solches Leben hervorbringen kann, die verfolgen Charles Graf bis heute. Das merkt jeder, der nur einmal mit ihm sprach.

Leider eine Überinszenierung

Falsch ist es nun zu glauben, bei Eric Friedlers Film handele es sich tatsächlich um eine Dokumentation. Der Regisseur hilft nach, wo immer er kann. Charly Graf kehrt zurück nach Stammheim und Ludwigsburg, und wenn darin noch eine dramaturgischer Logik zu erkennen wäre, so zerstört die Szene, in der Graf und Boock vor dem Gefängnistor aus Taxis steigen und sich in die Arme fallen jede Illusion, hier habe ein Regisseur wirklich nur zuschauen wollen. Man hört förmlich das "Okay ihr beiden – und jetzt noch mal etwas langsamer."

Graf, der zum Boxen, zu Gewalt und Schmerz, zu Schwarz und Weiß, zu Angst und Hoffnung, zu Naivität und Reflexion ausschließlich bemerkenswerte Aussagen beisteuert, kommt gegen diese Überinszenierung nicht an. Das ist sehr schade, denn er wirkt mit seinen Anekdoten im besten Sinne pädagogisch.

Wenig Fantasie ist nötig, um zu neuen Einsichten zu gelangen: Beispielsweise zu der, dass hinter jeder neuen Rolex das Verderben lauern kann; oder zu der, dass Rassismus in der Bundesrepublik noch lange nach Ende des Zweiten Weltkriegs einen selbstverständlichen Platz im Denken vieler Menschen einnahm.

Der Mann mit der blaugetönten Brille

Nackt zynisch muss man viele Auftritte von Zeitzeugen nennen, die Friedler in Massen präsentiert. Gefängnisdirektor, Wachpersonal und Knastpfarrer holen sich ihre fünf Minuten nachträglichen Ruhm ab, wenn sie laut davon künden, wie einzigartig die Leistung des Teams Graf doch war und wie großartig sie mit dem Boxer ausgekommen sind.

Das ist nur zu menschlich und damit verständlich. Bei dem allerdings, was die Männer aus dem Profibox-Geschäft zu erzählen haben, wird's dem Zuschauer einfach nur noch speiübel. Der Sportjournalist Hartmut Scherzer, er kannte Graf von Beginn an, philosophiert darüber, dass die hymnischen Geschichten vom "Ali vom Waldhof" bei Graf zu Größenwahn geführt hätten – aber wer hat sie denn geschrieben?

Der Matchmaker Jean Marcel Nartz erläutert sachlich, Sauerland habe Graf beim Kampf gegen Classen betrogen – aber wer war denn in den 90er-Jahren Matchmaker bei Sauerland? Sauerland selbst erklärt gewichtig, niemals sei da irgendwas gedreht worden – und wenn Classen heute selbst sage, er habe den Kampf verloren, so gelte er ja auch nicht als allzu klug.

Höhepunkt des Schmierentheaters allerdings sind die Aussagen der ehemaligen Milieugröße Ebby Thust. Wenn dieser Mann mit blaugetönter Brille und strahlendweißem Gebiss einfach so feststellen darf, der Charly habe ja nie jemandem gehabt, der ihm klarmachte, dass er das Boxen ernst nehmen müsse, dann grenzt das an journalistische Fahrlässigkeit.

Der Film endet damit, dass Thomas Classen seinen ehemaligen Gegner in seiner Mannheimer Wohnung besucht. Die beiden fallen sich in die Arme, dann übergibt Classen seine Meistertrophäe an Graf: "Du bist der wahre Champ." Genau so stellen sich Fernsehmacher wohl ein versöhnliches Ende einer tragischen Geschichte vor.

Charles Graf freut sich über die feine Geste. Höchstwahrscheinlich gäbe er aber mehr als nur diesen Film dafür, nachts schlafen zu können.

"Ein deutscher Boxer" läuft am Dienstag, den 12. Juni 2012 um 23.45 Uhr in der ARD

© Berliner Morgenpost 2013 - Alle Rechte vorbehalten
Die Favoriten unseres Homepage-Teams
Champions-League-Finale
Aktualisiert vor 4 MinutenFinale gegen den BVB
Bayern-Spieler überreichen Uli Hoeneß den Pokal

Mit seinem Tor kurz vor dem Abpfiff besiegt Arjen Robben seinen Endspielfluch und entscheidet das deutsche Finale, das aufgrund seiner Intensität und Spielklasse zu einem wahren Spektakel geriet. mehr...


Die zuletzt noch vom Veranstalter erhofften 30.000 Zuschauer waren es nicht auf der Fanmeile, aber...
23:07Dortmund-Bayern
Live-Blog – So erlebte Berlin das Champions-League-Finale

Auf der Fanmeile war Platz, wenige Tausend Menschen feierten hier das Spiel zwischen Dortmund und Bayern. Die Kneipen Berlins waren hingegen voll mit Fußballfans. Die Berliner Morgenpost war dabei. mehr...


Aufeinandertreffen der Fanfraktionen auf der Fanmeile. Bislang blieb alles friedlich.
19:53Champions-League-Finale
Henkel beruhigt – Fanmeile kein konkretes Anschlagsziel

Das Bundeskriminalamt hat vor Terrorgefahr auf deutschen Fanmeilen gewarnt. Berlins Innensenator Frank Henkel (CDU) sieht keine konkrete Gefahr. Die Sicherheitsmaßnahmen sind ohnehin auf hohem Niveau. mehr...


Beim Parteitag der Berliner SPD setzte der Landesvorsitzende Jan Stöß seine Wunschkandidaten durch
18:28Parteitag
In der Berliner SPD hat jetzt die Stöß-Fraktion das Sagen

Der SPD-Landesvorsitzende bringt seine Leute bei der Wahl der Bundestagskandidaten durch. Manch einer traute ihm das nicht zu. Die meisten Stimmen bekam allerdings nicht Spitzenkandidatin Högl. mehr...

Leser-Kommentare Kommentare
Leserkommentare sind ausgeblendet.
Kommentare einblenden
Die Technik der Kommentarfunktion "DISQUS" wird von einem externen Unternehmen, der Big Head Labs, Inc., San Francisco/USA., zur Verfügung gestellt. Weitere Informationen, insbesondere darüber, ob und wie personenbezogene Daten erhoben und verarbeitet werden, finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen

Die Moderation der Kommentare liegt allein bei MORGENPOST ONLINE.
Allgemein gilt: Kritische Kommentare und Diskussionen sind willkommen, Beschimpfungen / Beleidigungen hingegen werden entfernt. Wie wir moderieren, erklären wir in der Netiquette.
blog comments powered by Disqus
 
Top-Thema
title
Start-ups in Berlin

Gründerzeit: Die Serie und das Blog der Berliner Morgenpost.

Video Nachrichten mehr
Krawalle Wieder Ausschreitungen in Stockholm
Washington Brücke in USA eingestürzt
Grundsatzrede Obama will strengere Regeln für Drohnenangriffe
Queen of Soul Aretha Franklin braucht eine kleine Auszeit
Die Welt - Aktuelle News
  1. 1. FC Bayern München2:1 gegen den BVBRobben schießt die Bayern auf Europas Thron
  2. 2. FußballFinale gegen den BVBBayern-Spieler überreichen Uli Hoeneß den Pokal
  3. 3. FußballChampions LeagueMerkel reicht Steuersünder Hoeneß die Hand
  4. 4. DeutschlandGemobbte ParteiWie die FDP zum verspotteten Freiwild wurde
  5. 5. AuslandParisMesserattacke auch auf französischen Soldaten
 
title
Abi 2012

Hier finden Sie eine Übersicht der Abiturienten.mehr

1085783744.jpg
Ausbildung 2013

Ratschläge zur erfolgreichen Gestaltung und zur Berufswahlmehr

Bildschirmfoto 2013-05-07 um 15.39.57.png
Outletcenter

Diese Outletcenter bieten gute Ware zu günstigen Preisen... mehr

Top Bildershows mehr
Jeden Tag

Kopfnoten für Politiker, Manager und Prominente

Willkommen in Berlin

Hurra, ich bin da! Das sind Berlins süße Babys

Fotogalerie

Das sind die Berliner Bilder des Tages

Fanfest

Berlins Fanmeile Champions-League-Finale

 
In eigener Sache
Weitere Morgenpost Angebote