18.06.12

Yasmina Reza

"Ich habe Schutzmauern um mich errichtet"

Sie ist die meistgespielte Dramatikerin der Gegenwart, gibt aber nur selten Interviews. Yasmina Reza lässt ihr neues Stück "Ihre Version des Spiels" in Berlin uraufführen. Ein Gespräch.

Foto: EFE
Yasmina Reza
"Ihre Version des Spiels", das neue Stück von Yasmina Reza (Jg. 1959), handelt von einer schüchternen Schriftstellerin, die auf eine Starjournalistin trifft

Stücke wie "Kunst", "Drei Mal Leben" und "Der Gott des Gemetzels" haben die französische Erfolgsautorin Yasmina Reza bekannt gemacht. Letzterer wurde 2011 von Roman Polanski mit Stars wie Christoph Waltz, Kate Winslet, Jodie Foster und John C. Reilly verfilmt. Mit "Frühmorgens, abends oder nachts" schrieb sie eine Reportage über Nicolas Sarkozy, die allerdingsnicht überall gut ankam.

Berliner Morgenpost: Sie haben entschieden, die Uraufführung ihres Stücks "Ihre Version des Spiels" in Deutschland stattfinden zu lassen, nicht in Frankreich. Warum?

Yasmina Reza: Das ist bereits mein drittes Stück, das in deutscher Sprache uraufgeführt wird. Das war schon bei "Drei Mal Leben" so, in Wien, unter Luc Bondys Regie, und bei "Der Gott des Gemetzels", einer Auftragsarbeit von Jürgen Gosch, die damals in Zürich stattfand. Was Frankreich betrifft, so habe ich dieses Mal etwas zum allerersten Mal gemacht: Ich habe diesen Text publiziert, ohne gleich an eine Theateraufführung zu denken, ich habe das getrennt gehalten.

Berliner Morgenpost: Hat das Deutsche Theater in Berlin Sie gebeten, das Stück uraufführen zu dürfen, oder war das Ihre Idee?

Reza: Das ist eine lange Geschichte. Zu Beginn sah es ganz so aus, als würde die Uraufführung am Wiener Burgtheater stattfinden. Luc Bondy wollte es inszenieren, aber dann hat man ihn zum Direktor des Pariser Odéon ernannt, und alles wurde sehr kompliziert. Das Stück fiel Stephan Kimmig in Berlin in die Hände. Ich kannte ihn gar nicht. Ich war ja nach dem Tod von Jürgen Gosch ein wenig verwaist, denn seine Inszenierungen meiner Stücke waren immer äußerst erfolgreich.

Berliner Morgenpost: Und Sie wollten nicht, dass Bondy die Uraufführung am Odéon macht?

Reza: Er hat mir vorgeschlagen, mich in der Rolle der Nathalie zu besetzen. Luc mochte das Stück sehr. Aber ich habe abgelehnt. Das kann ich nicht machen. Und Luc ließ mich wissen: Verzeih mir, aber ich kann mir einfach niemand anders in dieser Rolle vorstellen. Das kam für mich nicht infrage: Es sowohl geschrieben zu haben, als es dann auch noch zu spielen, das wäre mir zu nahe gekommen.

Berliner Morgenpost: Unsere Gesprächssituation ähnelt übrigens ein wenig jener in ihrem Vierpersonen-Stück "Ihre Version des Spiels", in dem eine prominente Kulturjournalistin eine berühmte Schriftstellerin nach ihrem neuesten Werk befragt.

Reza: Bestimmt nicht einfach, über diesen Text mit mir zu sprechen.

Berliner Morgenpost: Sie können mir in derselben Art antworten wie Nathalie Oppenheim der Journalistin Rosanna Ertel-Keval.

Reza: Wenn Sie mir dieselben Fragen stellen. Und das gleiche Temperament haben...

Berliner Morgenpost: Eher nein – ich empfinde die Journalistin Rosanna als ziemlich unangenehm.

Reza: Sie kann einem auf die Nerven gehen, das stimmt. Aber ich empfinde immer Sympathie für all meine Figuren. Auch für Rosanna.

Berliner Morgenpost: Mich hat erstaunt, dass Nathalie Rosanna am Ende nicht niedermacht.

Reza: Man befindet sich gegenüber einem Interviewer immer in einem Zustand der Schwäche. Man kann einen Interviewer nicht niedermachen. Journalisten besitzen eine Macht, die die unsere bei weitem übertrifft.

Berliner Morgenpost: Besonders in Rosannas Fall – sie ist ja total vernetzt.

Reza: Sie verfügt über ein immenses Netz, gut, dass Sie das bemerkt haben. Genau das wollte ich spürbar machen. Ja, sie kennt wirklich jeden.

Berliner Morgenpost: An wen dachten Sie dabei?

Reza: An niemand Bestimmten. Figuren sind immer die Summe einer mysteriösen Menge. Ich dachte an eine Politjournalistin, die Rosanna physisch ähnelt. Was ihre inneren Beweggründe angeht, so habe ich ihre professionelle Vorgehensweise übernommen, wenn auch nicht nur.

Berliner Morgenpost: Waren es Erlebnisse mit der Zunft der Journalisten, die Sie bewogen haben, dieses Stück zu schreiben?

Reza: Absolut nicht. Ich selbst habe ja längst einen Weg gefunden, mit den Medien umzugehen. Ich gebe keine Fernseh- und kaum Radiointerviews, mache sehr selten Gespräche wie dieses. Außerdem will ich meine Antworten dann gegenlesen, auch die Fotos kontrollieren, die erscheinen, ich bin ein totaler Kontrollfreak. Ich habe Schutzmauern um mich errichtet.

Berliner Morgenpost: Was also war die Motivation für das neue Stück?

Reza: Man sollte nie von Motivation sprechen. Dieses Konzept existiert für mich nicht. Das Stück ist recht seltsam. Es geht um etwas, das ich zwischen mir und mir ausfechte. Ich habe es verfasst, um die Problematik, Geschriebenes und Erlebtes getrennt zu halten, zu hinterfragen. Man wird dauernd aufgefordert, etwas über sich preiszugeben, Nebensächlichkeiten aus dem Alltag, über seine Motivationen, seine Engagements. Aber aus meiner Sicht ist das völlig uninteressant. In einer idealen Welt müsste man schreiben können, ohne je Rechenschaft ablegen, ohne je einen Kommentar abgeben zu müssen.

Berliner Morgenpost: Ihre Stücke sind in der Regel eher weit von Ihrer tatsächlichen Biografie entfernt. Das scheint im Fall des neuen Stücks etwas anders zu sein.

Reza: Von meiner tatsächlichen Biografie ist aber auch dieses weit entfernt. Sie spielen auf die Analogien zwischen Nathalie Oppenheim und mir an. Ein Schriftsteller verstreut seine Eigenschaften immer auf alle seine Figuren. Aber im neuen Stück gibt es nicht unbedingt mehr Analogien als in meinen anderen Texten.

In anderen Texten komme ich mindestens so deutlich vor, wenn auch in maskierter Form, oft in der Rolle eines Mannes. Hier fühle ich mich keineswegs nur Nathalie nahe, sondern auch dem Bürgermeister des Örtchens Vilan-en-Volène. Alles, was er in seiner recht verrückten Art von sich gibt, spiegelt ganz und gar meine Weltsicht. Ich liebe die Figur des Bürgermeisters.

Berliner Morgenpost: Haben Sie je so einen tollen Kerl kennengelernt?

Reza: Unter Politikern, meinen Sie? Nein, nie.

Berliner Morgenpost: Der Ortsname scheint erfunden zu sein. Die tiefste französische Provinz.

Reza: Alles erfunden! Aber man könnte das doch wirklich für einen echten Namen halten, nicht? Die Volène: ich stellte mir den Fluss vor. Und dass Rosanna aus dieser Gegend stammt. Mir hat auch Spaß gemacht, mir den Vortrag des Bibliothekars, Roland Boulanger, auszudenken, der zu Beginn voller Stolz von seiner Mediathek spricht.

Berliner Morgenpost: Habe ich das richtig verstanden: Am Schluss wird der Bibliothekar so etwas wie ein Seelenverwandter von Nathalie? Sein Gedicht ist so besonders schön.

Reza: Bis zum Schluss hat Nathalie ihn nicht ganz ernst genommen. Er ist Bibliothekar in der tiefen Provinz, er ist, wie er ist. Er strahlt eine gewisse Wärme aus, das schon. Aber dann schenkt er ihr diesen kleinen Gedichtband, mit dem etwas lächerlichen Titel "Türen ohne Schlösser". Sie rechnet mit nichts Besonderem, doch dann öffnet sie das Büchlein und ist ganz überrascht...

Berliner Morgenpost: Zurück zu den Parallelen zwischen Nathalie, Ihrer Figur, und Ihnen selbst.

Reza: Sie ist Schriftstellerin, in meinem Alter, sie hat dieselben Vorbehalte gegen Interviews. Und viele Ähnlichkeiten mehr. Corinna Harfouch wird am Deutschen Theater eine völlig andere und daher weitaus interessantere Figur spielen.

Berliner Morgenpost: Gehen Sie, wie Nathalie, auf Lesereise?

Reza: Nie. Mit einer Ausnahme, da bin ich in vier deutschen Städten aufgetreten – der Hanser Verlag bat mich darum, als mein Buch "Frühmorgens, abends oder nachts: Ein Jahr mit Nicolas Sarkozy" erschien. Es ist ja ein ziemlich ungewöhnliches Buch. Sarkozy war gerade gewählt worden, und mir lag daran, alle politischen Missverständnisse zu zerstreuen. In Frankreich wollte ich mich zu dem Thema nicht äußern und war bei seinem Erscheinen ziemlich angegriffen worden.

Berliner Morgenpost: Wie schätzen Sie das Buch fünf Jahre später ein?

Reza: Ich glaube, es wird nun endlich als das gesehen, was es immer sein sollte: als ein literarisches Werk. Ich schaue nicht auf die Politik, ich beobachte den Menschen. Ich habe auf seine Schuhe geschaut, seine Bewegungen, habe seine Ungeduld erkannt, auf die Fragen gehört, die ihm gestellt wurden, die Art, wie er ihnen ausgewichen ist oder sie beantwortet hat. Ich habe seine Einsamkeit gesehen, und all das, was unmittelbar neben ihm ablief. Im Grunde habe ich mich mit diesem Buch gar nicht so weit von meinen üblichen Themen entfernt.

Berliner Morgenpost: Sind sie mit Nicolas Sarkozy noch in Kontakt?

Reza: Nein. Nie, nachdem er Präsident wurde. Als er verloren hatte, habe ich ihm eine kleine freundschaftliche E-Mail geschickt.

Berliner Morgenpost: Aber richtig unglücklich waren Sie nicht darüber, nehme ich an...

Reza: Nein, ich glaube nicht.

Berliner Morgenpost: Sie glauben nicht?

Reza: Ich belaste meinen Blick auf die politische Realität nicht mit Sentimentalitäten.

Berliner Morgenpost: Im Stück liest Nathalie lange Passagen aus ihrem Roman vor. Wird das am Theater nicht allzu statisch wirken?

Reza: Nein. Erstens hat Theater nichts mit Bewegung zu tun. Es geht um die Intensität auf einer Bühne, nicht um Bewegung. Und zweitens hat Kimmig, den ich letztes Wochenende in Berlin besucht habe, eine sehr gute Idee für das Projekt: Er filmt die Schriftstellerin. Sollte ich das Stück in Paris inszenieren, würde ich das gleiche tun. Jemand in der Bibliothek von Vilan-en-Volène filmt Nathalie, während sie liest. Also sieht man sie zugleich auf der Bühne und in Großaufnahme auf einer Leinwand.

Berliner Morgenpost: Eine ganz andere Frage: Waren Sie mit Polanskis Verfilmung von "Der Gott des Gemetzels" zufrieden?

Reza: Ich war sehr glücklich damit. Sehr froh, mit Roman Polanski zusammenzuarbeiten, den ich ungemein bewundere. Und froh auch, dass das Stück zuvor um die Welt gegangen war. Dadurch war ich nicht frustriert über etwaige Änderungen, die Polanski vorgeschlagen hat, vor allem seine Idee für das Ende. Mein Vorschlag wäre ein anderer gewesen, aber es stört mich nicht: Es ist eben ein Film. Es ist seine Version.

Berliner Morgenpost: Wie kam es eigentlich zu dem seltsamen Titel ihres neuen Stücks: "Comment vous racontez la partie", "Ihre Version des Spiels?"

Reza: Das kommt von "How you talk the game", einem Satz, den ich dem amerikanischen Schriftsteller und Drehbuchautor Michael Herr geklaut habe. Er hat ein berühmtes Buch über den Vietnamkrieg geschrieben, "Dispatches", und eines über Las Vegas, "The Big Room". Da gibt es eine Stelle, wo jemand sagt: "Völlig gleichgültig, wer gewinnt und wer verliert, wichtig ist nur, wie man die Partie nacherzählt" – how you talk the game...

Berliner Morgenpost: Eine indiskrete Frage: Sie haben das neue Stück Ivan gewidmet. Wer ist Ivan?

Reza: Ja, das ist indiskret.

Berliner Morgenpost: Das bleibt in Ihrem Herzen verborgen.

Reza: Ist doch auch egal. Verwandeln Sie sich jetzt in Rosanna?

Berliner Morgenpost: Und was antworten Sie denen, die sie fragen: Wer ist "G", dem sie das Buch über Sarkozy gewidmet haben? Manche glauben, "G" stehe für Gaston, das ist der zweite Vorname von Dominique Strauss-Kahn.

Reza: Es wird ja immer indiskreter!

Berliner Morgenpost: Ihre Antwort spricht Bände.

Reza: Ivan war das Vorbild für die Figur des leitenden Polizeidirektors Paul im Roman, aus dem Nathalie in Vilan-en-Volène liest.

Berliner Morgenpost: Rosanna fragt Nathalie: Glauben Sie, dass Ihre Figuren eine Zukunft haben? Meinen Sie, Yasmina, dass ihre Figuren eine Zukunft haben?

Reza: Sie besitzen sicher mehr Unsterblichkeit als normale Menschen. Richard III. lebt, Heathcliff lebt, die großen Figuren der Literatur leben ewig. Alle Personen aus Tschechows Stücken leben...

Berliner Morgenpost: Schriftsteller zu sein, hat etwas Gottähnliches.

Reza: Übertreiben wir nicht? Aber in seiner Art ist ein Schriftsteller ein kleiner Demiurg. Man kreiert Leben.

Berliner Morgenpost: Rosanna fragt Nathalie: Empfinden Sie sich als Schriftstellerin? Und Nathalie antwortet ihr: "Jahrelang habe ich unter 'Beruf' mein Kreuzchen bei 'Sonstige' gemacht, heute kreuze ich 'Schriftsteller' an."

Reza: Oft sagen Schriftsteller von sich: "Ich bin Schriftsteller." Ich habe wohl dreißig Jahre gebraucht, um das sagen zu können. Wenn man mich fragte: "Was machen Sie im Leben?", gab ich zurück: "Ich, tja, ich schreibe so Verschiedenes..." Rosannas folgende Frage ist also relevant: "Aber Sie wissen, dass es eine Schriftstellerin namens Nathalie Oppenheim gibt?" Denn wenn man mir sagt: "Aber Sie wissen, dass es eine Schriftstellerin namens Yasmina Reza gibt?", dann weiß ich natürlich, dass es eine gibt, die so heißt, die man liebt, hasst, oder die einen gleichgültig lässt.

Aber ich weiß auch, dass das nicht ich bin. Es ist zu prätentiös, von sich zu sagen, man sei Schriftsteller. Wie jene, die von sich sagen: "Ich bin Philosoph." Das ist doch lächerlich. Nun gut, in letzter Zeit denke ich mir: Du verdienst immerhin dein Geld damit, deine Sachen sind in vierzig Sprachen übersetzt. Da wird es ein bisschen lächerlich, bloß schüchtern zu antworten: Ich schreibe. Also habe ich mich geändert, immerhin.

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