03.06.12

Anti-Adele

Marina & The Diamonds ist das Kaugummi-Luder

Katy Perry lässt grüßen: Die Musikerin Marina & The Diamonds macht jetzt kraftstrotzenden Hochleistungspop. Sie singt vom Ende ihrer Liebe, vom amerikanischen Traum und tritt als Ehezerstörerin auf.

Foto: dpa-Zentralbild
Marina and the Diamonds
Hat griechisch-walisische Wurzeln: Künstlerin Marina Lambrini Diamandis (Jg. 1985). Sie tritt als "Marina & The Diamonds" auf und bringt ihr zweites Album "Electra Heart" auf den Markt

Die Bedeutung von gescheiterten Intimbeziehungen für die Popmusik kann gar nicht überschätzt werden. Einige der erfolgreichsten Alben der letzten Jahre basieren auf dem Herzschmerz einer zu Ende gegangenen Liebe: "Back To Black" von Amy Winehouse oder Adeles Superseller "21" zum Beispiel. Die Beglaubigung, dass wirklich erlitten wurde, wovon da gesungen wird, scheint im Hörer-Ohr und in seinem Herzen eine besonders anrührende Wirkung zu entfalten.

Marina & The Diamonds, so der Künstlername der 26 Jahre alten Marina Diamandis, gehörte vor zwei Jahren zu einer ganzen Reihe von britischen Künstlerinnen, die sich anschickten, dem übersexualisierten, aus den USA stammenden R 'n' B spannende, aber nichtsdestotrotz absolut radiotaugliche Musik mit Indie-Appeal und nicht zuletzt auch ein vielschichtigeres Frauenbild entgegenzusetzen: die leicht exzentrische Florence Welsh als Florence & The Machine mit widerborstigen, aber funkelnden Hymnen, die androgyne Ellie Jackson von La Roux mit Achtziger-Electrosounds oder die vergleichsweise brave Ellie Golding mit ihrem Folkpop.

Kate Bush ist das große Vorbild

Auf Marinas Debüt "The Family Jewels" befanden sich mit den Singles "Hollywood" und "I am Not A Robot" zwei hübsche Titel, auf denen sie ihre Stimme bestens zum Einsatz brachte. Eine Stimme, die zwischen flötend und kehlig hin- und herspringen kann und dadurch manchmal Ähnlichkeiten mit einem Schluckauf hat. Das erinnerte ein wenig an Kate Bush, die zufällig als selbstbestimmte und eigensinnige Künstlerin von dieser neuen Sängerinnengeneration immer wieder als Vorbild genannt wurde.

Jetzt erscheint Marinas zweites Album "Electra Heart". Sie selbst bezeichnet sich als Anti-Adele, weil sie ihre Beziehungserfahrung statt in sentimentale Songs in Oden an dysfunktionale Beziehungen gegossen hat: Auf "Electra Heart" verkörpert die Tochter einer Waliserin und eines Griechen eine Frauenfigur mit, wie sie der britischen "Daily Mail" gegenüber erklärte, "kaltem, rücksichtslosem und unverwundbarem Charakter".

Euro-Trash-Beats und Standardgitarren

Als diese taucht sie mal als "Homewrecker" auf, also eine Ehezerstörerin, als "Bubble-Gum Bitch", die den Lover nach Gebrauch ausspuckt, und als "Primadonna", die in aller Unbedarftheit davon singt, nichts weniger als die ganze Welt zu wollen, und einen ihrer Großartigkeit angemessenen Diamantring fordert.

Ein weiteres Thema der Platte ist der amerikanische Traum, was als Konzept (genau wie Marinas aktuelle Rollenvorbilder Madonna und Marilyn Monroe) nun nicht rasend originell ist. Wobei mit der Chiffre freilich das Gegenteil des Traums, also dessen Scheitern gemeint ist: kaputte Ehen, Teenage-Angst, Einsamkeit.

Die Schluckaufstimme ist der Sängerin auf ihrem Zweitwerk geblieben, von der Kate-Bush-haften Eigenheit aber hört man kaum mehr etwas. Das ist dem Produzententeam des Albums zuzurechnen, deren Synthie-Arpeggien, Euro-Trash-Beats und Standardgitarren Marinas Songs diesmal ein ganzes Stück weiter in Richtung kraftstrotzenden Hochleistungspop drehen, wie ihn derzeit die großäugig-quietschbunte Katy Perry macht (für deren Sound passenderweise auch einer der hier Verantwortlichen tätig war).

Songs sind mit Effekten zugekleistert

Und so könnte die Dancefloor-Nummer "Radioactive" in seiner stampfenden Gesichtslosigkeit genauso gut auch von Rihanna oder einer anderen Chartsbewohnerin stammen. Und so liegt es nicht an der Herangehensweise an das Oberthema, dass "Electra Heart" nicht sonderlich ans Herz geht, sondern der lieblose Umgang mit dem musikalischen Material.

Dabei ist Marina Diamandis eigentlich eine gute Songschreiberin, das wird besonders bei den weniger mit Effekten zugekleisterten Songs deutlich: Etwa bei der von einem besseren Coldplay-Klavier begleiteten Ballade "Buy The Stars", die aber lediglich ein Bonus-Song der Deluxe-Version des Albums ist.

Nur in den Texten scheint neben allerlei Phrasen, wie der von den vom Leben verabreichten Zitronen, aus denen sie Limonade macht, gelegentlich noch etwas Ungebürstetheit und Abgründiges auf. Dann, wenn sie singt "You're like my dad, you'd get on well/ I send my best regards from hell". So etwas würde Katy Perry nie über die Lippen bekommen.

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