28.05.12

Partnerschaft

"Manche Probleme kann man im Bett lösen"

Ist die Werbung Schuld am schlechten Sex? Sie hat zumindest einen schlechten Einfluss auf unser Intimleben, sagt die Psychologin Felicitas Heyne. Doch Paare können die Wut-Frust-Spirale stoppen.

Foto: Bildagentur-online
couple making love
Leidenschaft wünschen sich viele, doch in langen Beziehungen belastet häufig der Alltag das Sex-Leben

Berliner Morgenpost: In Ihrem Buch erklären Sie, wie die Wahrnehmung von Sex in der Gesellschaft das private Liebesleben belastet. Gleichzeitig vertreten Sie die These: "Je intimer eine Beziehung, desto leidenschaftsloser". Gibt es denn nirgendwo mehr guten Sex?

Felicitas Heyne: Natürlich gibt es den! Doch es ist schwieriger geworden, ihn auf Dauer am Leben zu halten. Die Faktoren, die von außen an der Beziehung zerren, sind stärker geworden. Allerdings gilt auch: Je länger man sich kennt, umso vertrauter ist man miteinander. Irgendwann verfliegt aber das Prickeln und die Anziehungskraft des Unbekannten steigt.

Berliner Morgenpost: Ist die Intimität inzwischen bloß schwächer oder ist der geheimnisvolle Unbekannte attraktiver geworden?

Felicitas Heyne: Einerseits ist das Unbekannte interessanter geworden. Je höher die sozialen, religiösen und finanziellen Hürden waren, desto mehr Aufwand kostete es, mit ihnen zu brechen. Heutzutage gibt es aber kaum noch Hindernisse und man kann sich täglich fragen: Geh ich fremd, anstatt mich mit dem Partner rumzuplagen?

Berliner Morgenpost: Vergleichen wir unsere Beziehung zu häufig?

Felicitas Heyne: Ja, und das ist schlimm. Speziell die Hochglanzbilder von Sexualität und attraktiven anderen Partnern, die mit der Realität nichts zu tun haben, verdüstern die Wahrnehmung unserer eigenen Beziehung.

Berliner Morgenpost: Ist es deshalb so, dass sich Mann und Frau immer weniger verstehen und einander fremd werden?

Felicitas Heyne: Zum Teil. Das Kommunikationsproblem hängt mit einer Rollendiffusion zusammen. In unserer Zeit sind die Erwartungen an den Partner höher als sie jemals waren. Mit den Ansprüchen steigt auch das Enttäuschungspotenzial ins Unermessliche. Wenn ich nicht genau weiß, was der er oder sie von mir erwartet und andererseits auch nicht glaube vom Partner zu bekommen, was ich eigentlich will, entsteht schnell eine Wut-Frust-Spirale.

Berliner Morgenpost: Kommt diese "Rollendiffussion" aus der weiblichen Emanzipation in den 60er-Jahren?

Felicitas Heyne: In dieser Umbruchzeit leben wir immer noch. Die Emanzipation ist erst ein paar Jahrzehnte her und es wird noch länger dauern, bis die über Jahrhunderte tradierten Rollenbilder anfangen sich aufzulösen. Bis jetzt fehlen Neue. Nur weil wir wissen, dass die generelle Dominanz des Mannes falsch ist, haben wir noch keine Blaupause für die Zukunft. Für die Generation, die heute mit Partnerschaftsproblemen aufwächst, ist es das reinste Pionierleben. Sie haben die alten Werte abgeschüttelt und wissen nicht weiter. Wir sind noch meilenweit entfernt von neuen Rollenmodellen, mit denen wir normal leben können.

Berliner Morgenpost: Laut einer Umfrage des Kondomherstellers Durex sind nicht einmal die Hälfte aller Deutschen mit ihrem Sexleben zufrieden. Welche Wege führen zurück zum erotischen Abenteuer?

Felicitas Heyne: Wichtig ist, dass sich Paare wieder als Team begreifen. In vielen Beziehungen wird gesagt: Entweder ich bekomme das größere Stück vom Kuchen oder du. Das ist falsch. Es braucht Annäherung und eine gute Balance zwischen Distanz und Erotik. Das bedeutet auch sich von Vorstellungen zu verabschieden wie: Sex muss immer spontan stattfinden.

Berliner Morgenpost: Sie raten im Buch dazu, Sex im Kalender zu planen. Romantik ist gar nicht mehr wichtig?

Felicitas Heyne: Viele glauben an einen Gegensatz zwischen Erotik und Planung. Doch in jeder Beziehung ist von Anfang an viel Absicht im Spiel. Das tut der Romantik überhaupt keinen Abbruch. Im Gegenteil: Wenn man sich schon drei Tage vorher aufs nächste Date freut und überlegt welche Unterwäsche man anzieht, wird viel geplant. Das ist Teil des Vergnügens. In Langzeitbeziehungen ist diese Arbeit doppelt so wichtig für die Partnerschaft.

Berliner Morgenpost: Apropos Arbeit, wie behält man in der Burn-out-Gesellschaft den Stress aus dem Schlafzimmer?

Felicitas Heyne: Der wichtigste Punkt ist den Partner nicht als teil des Drucks zu begreifen, sondern als Verbündeten gegen die Verspannung. Der Partner sollte Lösung sein und nicht Problem. Es lohnt sich im Dialog den Stress zu analysieren. Sobald man darüber spricht, ist es leichter den Stress runterzubremsen.

Berliner Morgenpost: Sie erwähnen oft das "Team". Andererseits behaupten Sie, dass nicht immer beide Partner Lust auf Sex haben müssen, damit es klappt. Passt das zusammen?

Felicitas Heyne: Der andere macht mit, weil er weiß, dass es seinem Partner gut tut. Ein Liebesbeweis. Natürlich gilt dies nicht, wenn sie beispielsweise einen Scheidenpilz hat und es ihr fürchterlich wehtut, aber auch dann gibt es bekanntlich mehr Möglichkeiten als den formalen Akt. Es darf nicht darum gehen gerecht aufzuteilen. Die Bilanz sollte aber auf lange Sicht stimmen.

Berliner Morgenpost: In "Fremdenverkehr" schlagen Sie einem Paar vor, richtig schlechten Sex zu haben. Wozu?

Felicitas Heyne: In der Psychologie lohnt es sich gelegentlich, die Symptome zu verschreiben. Das bringt eine gewisse Lockerheit. Zum anderen gibt es einen ernsten Hintergrund: Man lernt viel beim Nörgeln. Wenn ich weiß, wie ich den Partner auf Touren bringe, kann ich im Umkehrschluss auch sagen, wie es funktioniert.

Berliner Morgenpost: Wie oft in der Woche sollte ein Paar Sex haben?

Felicitas Heyne: 2,5-mal pro Woche ist ein Artefakt. Wichtig ist, dass das Paar einen Rhythmus findet, den beide okay finden. Zum anderen sollte ein ehrliches Gespräch geführt werden, wenn der Sex über lange Zeit schlecht ist. Dann ist die Frage, ob im Moment viel zu tun ist oder ob grundsätzlich etwas im Argen liegt. Häufig werden Konflikte von außen im Schlafzimmer ausgetragen.

Berliner Morgenpost: Sie nennen Pornos und Sex in Medien als Hauptgrund für die Flaute im Schlafzimmer. Schon mal darüber nachgedacht die PorNo-Kampagne von Alice Schwarzer wiederzubeleben?

Felicitas Heyne: Nein, das ist illusorisch, ein Kampf gegen Windmühlen. Pornos werden auch erst dann problematisch, wenn sie als billiger Ausweg aus der Beziehungskrise gewählt werden. Wenn das passiert und jemand regelmäßig Pornos konsumiert, hat das einen schlechten Einfluss. Paartherapeuten empfehlen allerdings gelegentlich, gemeinsam einen Porno zu gucken. Die Filme wirken schließlich auch zu zweit antörnend und inspirierend. Allgemein abschaffen lassen sich Pornos leider nicht. Aber es gibt einen Knopf zum Ausschalten.

Berliner Morgenpost: Dieser Knopf existiert aber nicht für freizügige Werbebilder.

Felicitas Heyne: Da finde ich die Initiativen von Dove oder der Frauenzeitschrift "Brigitte" gut, die mit authentischen Models und unretuschierten Fotos Werbung machen. Langfristig lohnt sich eine frühe Medienerziehung, die über die Illusion aufklärt, dass die Körper perfekt sein müssen. Wenn ich die "Vogue" aufschlage, erschrecke ich mich kurz. Danach weiß ich wieder, dass jemand da ewig mit Photoshop dran gearbeitet hat. Dann esse ich mein Vanilleeis trotzdem zu Ende.

Berliner Morgenpost: Über fünf Jahre haben Sie über das Buch nachgedacht. Welche Botschaft wollen sie vermitteln?

Felicitas Heyne: Ich wünsche mir mit diesem Werk, ein paar Männer zu entlasten und einige Frauen aus der "Opferecke" zu locken. Viele Patientinnen tun so, als sei der Mann an allem Schuld. Eigenverantwortung statt Jammern ist meine Botschaft. Andererseits wollte ich auch Mut zu langen Beziehungen machen. Glückliche Ehen funktionieren über viele Jahre und geben Menschen etwas ganz besonderes, was sie auf andere Weise nicht bekommen.

Berliner Morgenpost: Sex ist etwas sehr Privates. Wie hat ihr persönlicher Umkreis auf das Buch reagiert?

Felicitas Heyne: Bisher musste ich noch keine Prügel einstecken. Ich hatte etwas Sorge, denn es ist natürlich provokant zu sagen: "Jetzt schlafen Sie auch mit ihrem Mann, wenn Sie keine Lust haben". Doch manche Probleme kann man im Bett lösen. Nicht alles muss bis aufs Messer ausgekämpft werden. Es lohnt sich, den männlichen Weg zu gehen und die Intimität über das Körperliche herzustellen.

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