25.04.12

Sergej Mawrodi

Dreistes Comeback des Finanzpyramiden-Moguls

Russlands größter Finanzbetrüger Sergej Mawrodi lockt mit einem neuem Schneeballsystem. In den 90er-Jahren stürzte er viele Russen in den Ruin. Doch jetzt vertrauen ihm einige erneut ihr Geld an.

Von Julia Smirnova
Foto: Getty
The founder of the MMM financial pyramid
Sergej Mawrodi hat viele Russen um ihr Geld gebracht. Nun ist er wieder am Werk

Der Raum, in dem Sergej Mawrodi sitzt, sieht aus wie nach einem Umzug. Eine Yogamatte, eine Leiter, leere Regale. "Alles wurde beschlagnahmt", sagt er. Dieser Mann mit spärlichem Haar und einer Hornbrille schuldet russischen Anlegern mehrere Milliarden Rubel.

In den 90er-Jahren waren sie auf Mawrodis Firma MMM hereingefallen, die größte Finanzpyramide Russlands – ein riesiger Finanzbetrug, lange bevor die Welt von den Machenschaften Bernard Madoffs erfuhr.

Heute kommuniziert er mit der Außenwelt nur über Videobotschaften. Die Hände hinter dem Kopf gekreuzt, sitzt er lässig vor der Kamera und erzählt, wie seine neue Finanzpyramide MMM-2011 funktioniert, diesmal im Internet. Auf der Startseite ist neben seinem Porträt ein Gedicht zu lesen: "Ja, ich habe es riskiert – und verloren. Los, jubelt! Doch ewig flößt der Name Hannibal Furcht ein."

Sie halten ihn für ein Finanzgenie

Er behauptet, 25 Millionen Anleger investierten bereits in sein neues System. Eine sicherlich übertriebene Zahl, doch es gibt wieder Menschen, die glauben, dass er sie reich machen kann. Einige von ihnen haben bereits bei seinem ersten Schneeballsystem Geld verloren. Doch noch immer halten sie Mawrodi für ein Finanzgenie.

Vor 18 Jahren war sein Gesicht auf Millionen "Aktien" gedruckt, die Moskauer U-Bahn war zugeklebt mit Werbung für seine Finanzprodukte. Und alle, die damals nur zufällig das Fernsehen einschalteten, kennen die folgende Kult-Szene: Ein Mann mit üppigem Schnurrbart und in einem weißen Unterhemd stiert melancholisch vor sich hin, was sicherlich nur zum Teil an der fast leeren Flasche Wodka liegt, die neben ihm steht.

Der Mann seufzt, stellt sein Wodkaglas auf den Tisch und sagt: "Lenja, du bist ein Faulpelz, alles bekommst du umsonst." Der Vorwurf ist an seinen Bruder gerichtet, der neben ihm am Tisch sitzt. Er ist genauso wenig nüchtern, doch versucht er zu erklären, dass er sein Geld ehrlich als Baggerfahrer verdient und von seinem Gehalt Aktien kauft. "Ich bin kein Faulpelz, ich bin ein Partner", sagt er stolz.

Angeblich 50 Prozent Zinsen im Monat

Diese Werbung für MMM kam 1994 heraus, als Wörter wie "Aktien", "Business" und "Partner" für die meisten im Land noch fremde Begriffe aus der Welt des Kapitalismus waren, dessen Folgen gerade beim täglichen Einkauf spürbar wurden.

Erst seit 1992 wurden die Preise nicht mehr vom Staat kontrolliert: Die Inflation betrug im Jahre 1994 satte 215 Prozent und im Jahr davor 840 Prozent. Just zu dieser Zeit versprach der Mathematiker Sergej Mawrodi allen, die Geld in seine Gesellschaft MMM anlegten, 50 Prozent Zinsen im Monat.

Er lockte die Massen mit Fernsehwerbung im Stile von Seifenopern über das Leben des Baggerfahrers Lenja Golubkow, der in Russland zum Symbol der 90er geworden ist.

Für seine ersten MMM-Zinsen kaufte er für seine Frau neue Stiefel, dann einen Pelzmantel, dann flog er mit seinem Bruder zur Fußball-WM in die USA – alles unerfüllbare Träume für die meisten Russen in dieser Zeit.

Anleger nahmen sich das Leben

Die Werbung zeigte Wirkung. Nach sechs Monaten hatten bereits 15 Millionen Menschen Geld in der Gesellschaft angelegt, viele kratzten dafür ihre letzten Kopeken zusammen. MMM funktionierte wie eine klassische Finanzpyramide: Die Ersten bekamen ihr Geld tatsächlich mit Gewinn zurück, doch dann brach das System zusammen.

Mehr als 50 MMM-Anleger nahmen sich das Leben, viele verloren ihre Wohnung und blieben mit horrenden Schulden zurück. Als Mawrodi 1994 zum ersten Mal festgenommen wurde, gingen die Menschen auf die Straße und forderten seine Freilassung. Sie wollten nicht, dass er bestraft wird, sondern dass das Spiel weiterginge. Er war einer der populärsten Menschen im Land.

Die Wut richtete sich weniger gegen ihn als gegen die Ungerechtigkeit des Kapitalismus und den Staat. Unter den Anlegern kursierten Gerüchte, dass die Polizei mehrere Lkws mit Bargeld beschlagnahmt habe, die später spurlos verschwanden. Der Staat war also an allem schuld. Während Mawrodi noch im Gefängnis saß, wurde er ins Parlament gewählt und kam frei.

Ein Jahr später wurde ihm jedoch der Abgeordnetenstatus aberkannt. Mawrodi versteckte sich mehrere Jahre vor der Polizei und wurde erst 2003 gefasst. Diesmal musste er für vier Jahre ins Gefängnis, wo er Bücher schrieb. Als er frei kam, warteten Journalisten und MMM-Anleger auf ihn. Einige brachten gar Blumen mit. "Ich kam nach Hause, trank ein Glas Sekt und schlief ein wie ein Baby, als ob das alles nicht passiert wäre", erzählte er.

Dieses Mal sollen es nur 30 Prozent Zinsen sein

2011 sollte dann alles noch mal von vorne losgehen. Die Internetseite von MMM-2011 sieht aus wie in den 90er-Jahren. Ein "Taschenrechner des Glücks" zählt, wie viel Geldanleger jede Sekunde verdienen. Diesmal sind es 20 Prozent Zinsen im Monat, 30 Prozent für Rentner und Behinderte. Überhaupt scheint Mawrodi das Thema soziale Gerechtigkeit entdeckt zu haben. "Liegt dein Geld bei einer Bank? Willst du, dass der vollgefressene Banker sich dafür seine dritte oder wievielte Limousine kauft? Leg dein Geld lieber in MMM an, und du hilfst einem Rentner, einem Armen", wirbt Mawrodi um Anleger.

Und er sagt offen, dass es sich um eine Finanzpyramide handelt. Die Anleger kaufen eine virtuelle Währung, Mawros, die auf den Kontos von sogenannten Zehnleuten gespeichert werden, von denen jeder für zehn Anleger verantwortlich ist. Mawros können zu einem aktuellen Kurs, der bis jetzt stetig steigt, zurück in Rubel getauscht werden.

Die Gewinne stammen aus den Anlagesummen jeweils neuer Kunden. Doch das sei kein böses System, sondern "eine Kasse zur gemeinsamen Hilfe", auf die jeder zugreifen könne, wenn er das nötig hat, behauptet Mawrodi.

Der Betrug soll weiter gehen

Außerdem seien alle Währungen der Welt doch auch Finanzpyramiden. Er wolle das Monopol von Staaten auf Pyramiden herausfordern und die Menschen aus ihrer Abhängigkeit befreien, behauptet er – ein echter Wohltäter also. In seiner idealen Gesellschaft werde wie im Kommunismus niemand arbeiten müssen und Geld immer verfügbar sein, dank seines Systems.

Das russische "Forbes Magazine" hat ausgerechnet, dass die Schulden von MMM-2011 nur zu drei Prozent mit tatsächlichen Werten abgesichert sind. Das System werde daher spätestens im Juni 2012 platzen, wenn die Schulden nur noch zu 0,5 Prozent gesichert seien.

Doch diesmal wird es schwieriger werden, Mawrodi zur Verantwortung zu ziehen. MMM ist nicht als juristische Person registriert, da er behauptet, die Finanzströme fänden nur zwischen seinen Kunden und ohne sein Zutun statt.

Ende März nutzte die Polizei einen formalen Anlass, um Mawrodi festzunehmen. Wegen der Nichtzahlung einer Strafe zu einer früheren Klage in Höhe von 25 Euro wurde er zu fünf Tagen Haft verurteilt. Doch bei der Festnahme bekam er Herzprobleme und wurde in eine Klinik eingeliefert, wo er ganz nebenbei ein Dutzend Gerichtsvorladungen überreicht bekam.

Flucht im Schlafanzug

Wenige Tage später konnte er in Schlafanzug und Pantoffeln fliehen. Dabei trug er noch ein teures Gerät zur Herzrhythmusmessung am Körper, das aber später von seinen Mitarbeitern in die Klinik zurückgebracht wurde. In der gleichen Nacht tauchte im Internet seine neue Videobotschaft auf: Aus einem dunklen Raum ließ ein unrasierter Mawrodi wissen, dass er nun leider untertauchen müsse.

Gerade liefen die Verjährungsfristen alter Klagen gegen ihn ab. Noch hat er den "Siegerbonus", den er seinen Anlegern für diesen Fall versprochen hatte, nicht ausgezahlt. Wer glaubt, dass das noch passiert, muss wohl mindestens so verrückt sein wie Mawrodi selbst. Oder immer noch hoffen, dass er bei dieser Pyramide nicht der Letzte sein wird.

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