13.04.12

Das verlassene Kind

Wo sind die Eltern des kleinen Amirs bloß?

Er stand allein in Hanau. Jetzt sucht die Polizei nach Amirs Eltern. Der Junge kann nicht richtig sprechen. Dolmetscher versuchen nun auf spielerische Weise, die Herkunft des Jungen auszumachen.

Foto: Polizei
Amir
Die Eltern des kleinen Amir sind weiter unauffindbar. Die Polizei sucht mit allen Mitteln nach ihnen. Dem Kind geht es gut

Es war schon dunkel, als sie ihn fanden. Er stand vor einem Schnellrestaurant, ganz allein. Eine weiße Regenjacke trug er und blau-weiße Schnürschuhe. 95 Zentimeter groß. Vielleicht zwei oder gerade drei Jahre alt. Zu jung jedenfalls, um zu erklären, woher er kommt und wie er hierherkam – auf den Bahnhof von Hanau.

Amir.

Seinen Namen – mehr weiß die Polizei nicht. Denn viel mehr konnte das verlassene Kind nicht sagen. In keiner Sprache, schon gar nicht auf Deutsch.

Der Junge, der am Sonntag in Hanau von Passanten gefunden wurde, stammt, so vermutet die Polizei, aus dem Iran. Aber sicher ist es nicht. Die Artikulationsfähigkeit von Kindern dieses Alters ist limitiert – in jeder Sprache. Ihre Wahrnehmung von der Welt ist noch nicht präzise. Fiktion und Realität gehen durcheinander.

Keine konkreten Angaben

Im Gespräch mit dem Dolmetscher soll er beispielsweise "Mama lieb" gesagt haben, woraus die Polizei schließt, dass seine Mutter lebt und dass sie ihn gut behandelt. Aber schon die Frage nach möglichen Geschwistern führte zu widersprüchlichen Antworten.

Mal sei von einem Bruder, mal von einer Schwester die Rede gewesen. Das Kind, sagte Kirsten Krüger, die Sprecherin der Hanauer Polizei, sei einfach noch zu klein.

Erschwerend komme hinzu, dass die Polizei noch nicht sicher sei, aus welcher Region Persiens das Kind stamme. Die Sprachen, die in dieser Gegend gesprochen werden, ähneln sich zwar, sind aber doch unterschiedlich genug, um Missverständnisse zu produzieren. Die Dolmetscher versuchen nun auf spielerische Weise, die Herkunft des Jungen zu präzisieren.

Aber warum war er allein? Und wo sind seine Eltern? Mehr als Spekulationen gibt es nicht.

Keine Gewalttat

Ist seinen Eltern etwas zugestoßen? Ein Unfall, ein Verbrechen? Das ist relativ unwahrscheinlich. Die Krankenhäuser der Region wurden nach einem möglichen Begleiter des Kindes abgesucht. Eine Gewalttat im Raum Hanau, die einen Zusammenhang zu Amir ergeben könnte, ist offenbar nicht bekannt.

Ist das Kind beim Versuch einer illegalen Einreise verloren gegangen? Wagen nun seine Eltern nicht, sich zu melden, weil sie dann Angst vor Bestrafung oder Ausweisung haben müssten?

Das ist zwar möglich, aber ebenfalls nicht wahrscheinlich. Man weiß, auch aus der deutschen Vergangenheit, dass Mütter, die auf der Flucht ihre Kinder verlieren, jedes Opfer zu bringen bereit sind, um wieder mit ihrem Kind zusammen sein zu können.

Polizei will intensiv nach Eltern suchen

Möglich und etwas wahrscheinlicher ist, dass nicht die Mutter, sondern eine unbeteiligte, vielleicht sogar eine fremde Person das Kind begleitete. Schleuser vielleicht, die das Kind, aus welchen Gründen auch immer, nach Deutschland bringen wollten und sich dann, warum auch immer, wieder von ihm entfernten.

Gewalt oder Vernachlässigung schließen die Behörden hingegen aus. Der Junge habe sich bei seiner Auffindung in einem guten Allgemeinzustand befunden, sagte Polizeisprecherin Kirsten Krüger im Gespräch mit "Berliner Morgenpost". Gesund, gut ernährt, sauber und gepflegt.

Die Polizei versucht nun zu klären, was den Eltern des Jungen widerfahren sein mag. "Die ganze Welt muss hellhörig werden", sagte Kirsten Krüger weiter. "Wir leben im Internetzeitalter. Wir müssen die Eltern des kleinen Jungen finden." Ein ähnlicher Fall, sagt sie, sei ihr in ihrer Polizeilaufbahn noch nicht begegnet.

Amir ist in einer Pflegefamilie

Vorerst ist der Junge gut versorgt. Er ist seit Sonntag bei einer Pflegefamilie im Rhein-Main-Gebiet untergebracht. "Wir sind voller Hoffnung, die Eltern des Jungen noch in dieser Woche zu finden", sagte Andrea Freund, Sprecherin des Jugendamts der Stadt Hanau. Nach Angaben der Pflegefamilie ist der kleine Junge fröhlich und gut gelaunt. Er scheint unter der Abwesenheit seiner Eltern nicht zu leiden. Er isst gut und soll wohlerzogen sein.

Die Polizei von Hanau hat unterdessen eine Telefonhotline eingerichtet. Das Telefon klingelt dort ununterbrochen. "Die Anteilnahme der Bevölkerung ist sehr groß", sagte ein Polizeibeamter. "Das Telefon steht nicht still." Die Aufgabe der Polizei sei es in dieser Situation, die wirklich wichtigen Hinweise aus der Flut herauszufiltern.

Die Polizei ist auf der Suche nach Fakten: Wer hat das Kind zuvor gesehen, wer erkennt es?

Viele Menschen melden sich aber in dieser Situation auch, weil sie ihre Anteilnahme bekunden oder ihre Hilfe anbieten wollen: als Dolmetscher, als Spender oder als Gastfamilie für den kleinen Jungen mit den schwarzen Haaren und den braunen Augen.

Hinweise nimmt die Polizei unter 06181/100 123 entgegen.



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