10.04.12

Aktiver Samenspender

Ein Vater und 600 Kinder – Brüder suchen "Bio-Dad"

Bertold Wiesner betrieb eine Fruchtbarkeitsklinik. Den meisten Samen spendete er offenbar selbst. 600 Kinder soll er gezeugt haben. Jetzt haben sich zufällig zwei seiner Söhne gefunden.

Foto: Barry Stevens
Samenspender Bertold Wiesner
Samenspender Bertold Wiesner. Ist er der Vater von 600 Kindern?

Es ist ein gewöhnlicher Abend, als David Gollancz erfährt, warum er seinem Vater gar nicht ähnlich sieht. "Ich muss dir etwas sagen", erklärt der dem zwölfjährigen Jungen nach dem Essen. "Lass uns in dein Zimmer gehen."

Er setzt sich neben David aufs Bett und beginnt zu erzählen. Wie er und die Mutter jahrelang versuchten, Kinder zu bekommen. Wie sie erfuhren, dass er unfruchtbar ist. Und dass sie dann eine schwierige Entscheidung trafen. "Ich bin nicht dein biologischer Vater", sagt der Vater. Wer der Samenspender sei, wüsste er nicht. David solle bloß nie auf die Idee kommen, ihn zu suchen. Er werde ihn niemals finden.

600 Geschwister auf einen Schlag

Heute, 47 Jahre später, weiß David Gollancz, wer sein biologischer Vater ist. Und dass dieser einen Fruchtbarkeitsrekord aufgestellt hat, der derzeit für große Aufregung sorgt. Wenn es stimmt, was Gollancz sagt, dann hat er mindestens 600 Geschwister.

Alle von dem Mann, den er letztlich doch ausfindig gemacht hat: Bertold Wiesner, ein Biologe, der mit seiner Frau Mary Barton im Zweiten Weltkrieg eine umstrittene Fruchtbarkeitsklinik in London gründete. Zwischen 1940 und 1960 verhalfen sie Frauen zu rund 1500 Babys. Den Großteil des verwendeten Spermas soll Wiesner selbst gespendet haben.

"Er war ein sehr aktiver Kerl", sagt Gollancz und lacht laut auf. Den Sarkasmus, sagt er, habe er von Wiesner geerbt. Humor war es schließlich auch, der Gollancz auf die Spur seines biologischen Vaters brachte. Dabei hatte er erst gar nicht nach ihm gesucht. Doch dann bekam er diese E-Mail.

Anfang 2000 war das. Gollancz ist Anwalt, engagiert sich für die Rechte von Kindern von Samenspendern, fordert die Aufhebung der Anonymität der Spender, tritt im Fernsehen auf. "Sie haben genau den gleichen makabren Humor wie ein Bekannter von mir. Sie sollten ihn kennenlernen. Vielleicht sind Sie verwandt", schreibt ihm ein Zuschauer nach einer Sendung.

Durch Jux zum Halbbruder

Der Bekannte ist Barry Stevens, kanadischer Dokumentarfilmer. Auch Stevens kennt seinen biologischen Vater nicht, beschäftigt sich in seinen Filmen mit dem Thema. Den Hinweis nehmen sie nicht ernst, aber weil sie das gleiche Interesse teilen, nehmen sie Kontakt auf. Ähnlich sehen sie sich kaum, aber sie verstehen sich auf Anhieb sehr gut.

"Die Idee war mehr ein Jux", sagt Stevens heute. Trotzdem machen sie einen DNA-Test. Das Ergebnis ist für beide ein Schock: Ihr Y-Chromosom ist nahezu gleich. Das bedeutet, sie sind tatsächlich Halbgeschwister.

Stevens beginnt, tiefer zu bohren. Von seiner britischen Mutter weiß er, dass sie in Wiesners Klinik in Behandlung war. Er durchsucht Archive, Bibliotheken, alte medizinische Register. Es ist eine mühselige Recherche, denn die Pioniere der Samenspende haben ihre Verzeichnisse vernichtet.

Wiesner starb 1972, Mary Barton wird beerdigt, kurz bevor Stevens sich auf die Suche macht. Nach und nach erfährt er, dass Wiesner Jude war, aus Österreich emigrierte. Zu den Kunden seiner Klinik zählten vornehmlich Frauen aus der Mittel- und Oberschicht, deren Männer unfruchtbar waren.

In den 40er-Jahren war Samenspende ein höchst kontroverses Thema. Als Wiesner und Barton 1945 einen Artikel über ihre Klinik veröffentlichten, brach ein Sturm der Empörung über sie herein. Der Erzbischof von Canterbury forderte die Schließung der Klinik. Danach habe Wiesner vermutlich große Schwierigkeiten gehabt, Freiwillige zu finden, sagt Stevens. "Und so legte er kurz entschlossen selbst Hand an."

Den Leiter der Klinik hat er von Anfang an als Spender im Verdacht. Aber erst, als er Wiesners letzten eigenen Sohn ausfindig macht und eine DNA-Probe von ihm bekommt, hat er Gewissheit. Ein Gentest beweist, dass Wiesner der biologische Vater von Barry Stevens und David Gollancz ist. Das gigantische Ausmaß von Wiesners Sippschaft erkennen die Halbbrüder allerdings erst später, nachdem sie einen Film über ihre Suche veröffentlichen. Daraufhin melden sich 18 Leute bei ihnen, schicken DNA-Proben ein. Zwölf von ihnen stammen von Wiesner ab.

Der "Bio-Dad"

Nach konservativen Schätzungen könne Wiesner jährlich etwa 20 Mal Samen gespendet haben, erklärt Gollancz. "Geht man von einer durchschnittlichen Anzahl von Lebend- und Fehlgeburten aus, ergibt sich aus der Hochrechnung, dass er bis zu 600 Kinder zeugte."

Sein Halbbruder Barry Stevens geht noch weiter: "Nach Schätzungen von Fruchtbarkeitsforschern könnten es sogar bis zu 1000 sein." Es sei ein sehr mulmiges Gefühl, einer mutmaßlich so riesigen Sippe anzugehören, sagt Stevens. Auf der anderen Seite sei es aber auch ein schönes Erlebnis gewesen, mit einem Schlag so viele Geschwister zu bekommen, ergänzt Gollancz. "Nachdem mein Vater mir gebeichtet hatte, dass ich durch eine Samenspende entstanden bin, habe ich mich oft sehr einsam gefühlt."

Nun kommen die Halbgeschwister jährlich zu einem großen Familientreffen zusammen. Über ihren "Bio-Dad" sind sie sich einig. "Es war unethisch, so viele Kinder mit dem gleichen Samen zu zeugen", sagt Stevens. "Die Kunden der Klinik hatten alle den gleichen gesellschaftlichen Hintergrund. Es ist nicht auszuschließen, dass ihre ahnungslosen Kinder sich kennenlernen und inzestuöse Beziehungen eingehen."

Die beiden Halbbrüder haben inzwischen einen neuen Film über ihren Vater gedreht. Sie hoffen nun, dass sich noch mehr potenzielle Geschwister bei ihnen melden. Gollancz sagt, er würde gerne alle zu einer großen Party einladen.

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